Ich packe meinen Koffer und nehme mit…Teil 2

Nun packe ich erst einmal Euch mit ein auf den zweiten Teil meiner virtuellen Reise ins tiefste Afrika. Ich persönlich sitze somit in Gedanken schon wieder knietief im Jungle, statt vor den Corona-Nachrichten und das fühlt sich verdammt gut an. Ich war ja stehengeblieben, oder sagt man da schreibengeblieben, dass ich nun endlich für 2 Wochen ZAR und Kongo bestens notausgestattet war und das eigentliche Abenteuer beginnen sollte.

Eigentlich sollte es ja mit dem Flugzeug nach Bayanga gehen, stattdessen fuhren wir mit zwei Pickup’s los. Wenn ich so für mich vergleiche wie lange ein Flug z.B. nach Köln braucht und wie lange ich auf gut ausgebauten deutschen Straßen unterwegs bin um die gleiche Strecke zu schaffen, erwartete ich ehrlich gesagt schon einen sehr langen Tag. Und hierbei hätte ich mich nicht an dem Wörtchen Tag aufhalten sollen, denn tatsächlich waren wir insgesamt ca. 22 lange Stunden unterwegs, was keiner vorher erwähnte.

Und wieso hatten wir hier schon wieder Pech? Tja, weil einfach das Glück nicht in mein Handgepäck gepasst hatte und auf dieser Reise wohl irgendwo anders Urlaub machte, in meiner schönen gelbschwarzen Kraxe. Und so reiste Kumpel „Pech“ mit, den ich liebevoll in Kumpel „Abenteuer“ umtaufte. Und so passierte es, dass nach ca. zwei Stunden Fahrt und gerade einmal 50 Kilometern Strecke an meinem Jeep mal einfach so die Achse brach. Kein Unfall, kein Hindernis, sondern einfach nur: zack, kaputt.

Das Alberne dabei, es geschah auf einem Streckenabschnitt, der tatsächlich noch am ehesten als Straße zu bezeichnen war. Nun war der Jeep halt im Eimer, kein ADAC in der Nähe und auch die Möglichkeit mal schnell ein neues Auto zu ordern war unmöglich. Fast so unmöglich wie ungebrauchte Schlüpfer zu kaufen, wobei ich bei dem Auto „ungebraucht“ nicht erwartet hätte und mich durchaus mit etwas Gebrauchtem zufriedengestellt hätte.

Aber zack-kaputt war halt nun zack-kaputt und stellte uns somit vor die Entscheidung, entweder Abbruch, also keine Gorillas, Elefanten und Abenteuer, oder mit nur einem Jeep weiterfahren. Wir waren so abenteuerhungrig, dass wir ohne nachzudenken oder nachzuzählen sofort die zweite Variante wählten. Dabei hätte uns selbst als Vorschüler auffallen müssen, das 7 Personen nicht auf 5 Sitze passen. Eine einfache Rechnung, die unser Adrenalin allerdings zu einem Wird-schon-irgendwie-gehen verformte.

Die einzige Lösung war also, dass zwei von uns hinten auf der Ladefläche unseres noch fahrtüchtigen Pickup-Jeeps sitzen. Und nun kommen wir zu einer ganz, ganz schlechten Eigenschaft von mir. Ich bin nämlich nett. Und damit meine ich, dass ich immer zuerst an die anderen denke, bevor ich überlege, was es für mich bedeuten könnte. So eine dämliche, nichtsnützige Eigenschaft.

Ich entschied also, das ich das 6.Rad am Wagen bin, weil alle anderen ja fünf bis zehn Jahre älter waren, zwar männlich aber älter, damit ältere Knochen, ältere Immunsysteme und ältere Haut hatten. Mir würde schon das bisschen frische Luft gut tun, redete mir meine Nettigkeit ein.
Von meiner Oma hatte ich mal gehört, dass es auch Gentlemans gibt, aber die saßen halt nicht mit mir in der ZAR im Auto. Das 7.Rad war natürlich unser afrikanischer Guide und so machten wir es uns auf den Kraxen der anderen bequem, pupsten sie voll und hofften auf den nächsten Stopp und damit auf eine Chance auf ein weiteres Auto.

Irgendwie hat mein Guide halt vergessen zu erwähnen, dass die restliche Fahrt noch unglaubliche 19 Stunden dauern würde. Ich meine, dass hätte man doch mal sagen können, als ich beschloss „nett“ zu sein. Dann hätten wir doch ein Schichtsystem entwickelt, uns stündlich ohne Anhalten während der Fahrt über das Dach abgewechselt. Es wäre herausfordernd gewesen, aber auch fair. Aber nein, ich dämliche Nette saß 19 Stunden im Freien auf der Ladefläche und wusste bereits ab Stunde 4 nicht mehr ob ich Männchen oder Weibchen war. Dieses Gefühl für meinen Unterleib hat sich – glaube ich – erst Tage später wieder eingestellt. Bis dahin war ich „DAS Nette“.

So fuhren wir nun 19 Stunden durch die ZAR in das Dzanga-Sangha-Schutzgebiet. Die „Straßen“ waren eine einzige Schlammpfütze und ich fragte mich, wie wir da überhaupt durchgekommen sind. Ich glaube, unser Fahrer ist immer heimlich bei Paris-Dakar dabei und übt für diese Strecke.
Auch Brücken hatten so etwas von „Mein Sohn hat sich mal ne Brücke gebastelt“. Mit unseren geliebten deutschen Straßen hatte dies wenig zu tun. Aber trotz dieser erschwerten Verhältnisse hielt unser zweites Auto tatsächlich durch.

Als es Nacht wurde, wurde ich Dämlack mal wieder schwach und wurde „nett“. Also lernfähig bin ich halt auch nicht. Denn mein Guide hatte ja noch weniger als ich in meinem Handgepäck und so gab ich ganz selbstverständlich meine dicke rote Vliesjacke und den Regenschutz meines Rucksacks an ihn weiter, damit er es auch schön warm hat. Ich selbst war inzwischen halb erfroren, aber Hauptsache allen anderen geht es gut.

Irgendwann mussten wir auch tanken. denn auch wenn wir uns mit gefühlten 10 km/h fortbewegten, war irgendwann bei der Hitze das Benzin verdunstet. Und nachdem wir schon gefühlt seit 10 blauen Flecken an meinem Hintern (meine neue Zeitrechnung) kein Dorf geschweige denn eine Tankstelle gesehen hatten, wurde es spannend. Aber in Afrika ist halt alles lösbar, wenn auch nicht die Schlüpferfrage oder der Autokauf, aber alles andere schon. Und so hielten wir im nächsten Dorf und fragten im Stockdunkelen nicht etwa nach einer Tankstelle, sondern direkt nach Benzin.

Und plötzlich war das ganze Dorf erwacht und kam aus allen Ecken und gefühlt hatte jeder zweite einen Benzinkanister in der Hand, den er uns verkaufen wollte. Die Preise dabei waren natürlich Verhandlungssache und orientierten sich an unserer Not bzw. dem Tankstandsanzeiger, der rot blinkte. Versuch dass mal in einem Dorf hier in Deutschland nachts um halb zwei. Ich schätze zum Schluss liegst du gesteinigt unter deinem Auto und hoffst, dass endlich die Polizei kommt. Mal abgesehen von der Tatsache, dass keiner zu Hause einen Kanister mit Benzin rumstehen hat. Toilettenpapier ginge zur Zeit, oder Nudeln, aber kein Benzin, also noch nicht.

ein Tag-Bild, da besser zu sehen:)

In der Dunkelheit hatte ich überhaupt kein Gefühl mehr, weder in meinem Allerwertesten, noch an meiner unterkühlten Nase, oder entlang meiner Wirbelsäule und schon gar nicht mehr im Kopf oder Herzen. Ich war nur noch auf „Durchstehen“ programmiert. Wenn ich immer mal Richtung Scheinwerferlicht auf die Wege illerte, fragte ich mich nur, ob ich jemals wieder meine Eltern und meinen zukünftigen Ehemann sehen würde. Ich schloss emotional ab, denn wo ich nichts sah, wie sollte da unser Paris-Dakar-Fahrer erkennen, ob es noch Straße oder was auch immer war, oder ob es ein Schatten oder ein Elefant war. Ich war nur noch verzweifelt, weil ich ja noch nicht einmal eine Postkarte geschrieben hatte und einen Gorilla wollte ich doch eigentlich auch noch sehen.

Der Fahrer fuhr also tatsächlich die gesamte Strecke und die gesamten 22 Stunden nahezu durch. Pippipausen brauchten wir nicht, der Angstschweiß trieb alles raus und nach Essen war mir und meinem durchgeschüttelten Magen eh nicht. Ich hätte sonst ja womöglich noch den anderen das Hauptgepäck vollgekotzt.
Und so kamen wir kurz vor Morgengrauen in Dzanga-Bai an und ich humpelte und schleppte mich mühsam in mein Bett. Als Wachhund bekam ich in meinem Einzelhäuschen eine Vogelspinne im Glas, doch selbst das war mir egal. Hauptsache schlafen und nie, nie wieder sitzen.

Diesen Tag hatte ich überlebt. Im Nachhinein betrachtet, frage ich mich wie. Aber das Beste war, ich hatte noch genug Akkustand im Fotoapparat und konnte mir wieder ein Liedchen auf dem Handy gönnen, während ich meine Unterwäsche zum Trocknen aufhängte.

So nun am Ende von Teil 2 habt ihr und ich immer noch keine Gorillas und Elefanten gesehen, aber wenigstens ist der Adrenalinpegel gestiegen, keiner denkt mehr über Corona nach und ich habe für mich wieder klargestellt: Es gibt echt Schlimmeres!

Morgen gibts dann endlich Tiere und die Geschichte von den Deutschen Touristen, die sich im Wald verliefen. Und ja, auch da war ich dabei. Wie gesagt, das Glück lag in der gelbschwarzen Kraxe. Ins Handgepäck paste nur unendlich viel Abenteuer.

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