Heute stand nun unser zweiter Landgang an, Nordfjordeid war unser Ziel für den heutigen Morgen. Also wieder den Wecker gestellt und zu einer unchristlichen Zeit festgestellt, dass wir irgendwie die Einfahrt nach Nordfjordeid verpasst hatten. Irgendwie standen wir schon im Hafen. Und in diesem Fall ist Hafen definitiv überproportional ausgeschmückt. Denn es war ein Häfchen mitten im Fjord an einer 3.000 Seelen-Gemeinde. Nun kann sich jeder, der die Grundschule erfolgreich absolviert hat, vorstellen, was es bedeutet, wenn ein Schiff mit uns und 6.697 Anderen in ein Dorf einfällt mit 3.000 Einwohnern. Das passt nicht zusammen. Wo sollen wir nur alle hin.
Ich kam mir vor wie das Mitglied einer Heuschreckenplage in Afrika und schämte mich fast dafür. Jetzt kann ich mir vorstellen, wie das jeden Tag für die Einwohner von Venedig und anderen Kreuzfahrthäfen so ist. Klar bringen die Touristen innerhalb kürzester Zeit, ohne unnötiges Betten machen ordentlich Geld in die Kassen, aber wie gesagt: Heuschreckenplage…

Wir jedenfalls verdauten diesen ersten Eindruck erst einmal bei einem verhältnissmässig ruhigem Frühstück. Und ich werde nicht verraten, wo wir dieses gefunden haben, denn wir sind ja schließlich noch auf dem Schiff und ich will noch ein paar mal in Ruhe frühstücken. Aber danach teile ich mein Wissen mit jedem, der ein like hinterlässt.
Nordfjordeid war ja nun schon unser zweiter Landgang und so hatten wir uns schon frühzeitig mit der Frage beschäftigt, was machen wir so an den verschiedenen Häfen. Gestern in Bergen war es ja klar, an den Bergen treiben lassen und die Stadt kennenlernen. Dieses kleine Dorf hier hatten wir bereits von unserem Balkon aus überblickt und so freuten wir uns nun auf unsere erste Bustour seit Menschengedenken. Ich kann mich wirklich nicht mehr erinnern, wann ich das letzte Mal eine geführte Bustour gemacht hatte. Und um es kurz zu fassen, es gab Gründe, dass dies nicht meine liebste Fortbewegungsmöglichkeit ist. Aber nun hier, gab es für 6.700 Menschen nur 7 Fahrzeuge im Ort zu mieten und dafür waren wir einfach zu spät dran. Also blieb uns nichts anderes übrig, als eine Bustour zu buchen. Wir wählten den Briksdal Gletscher, inklusive Kuchenbuffet. Das klang schon vom Titel der Tour her, wie ein Ausflug mit dem Kukidentexpress. Aber wer was sehen und erleben will, muss manchmal Kompromisse eingehen. Und so fanden wir uns in einem gefüllten Kompromiss mit Klimaanlage wieder. Die einzige Hoffnung, die uns überleben ließ, war die Tatsache, dass wir uns wenigstens am Gletscher ganz individuell bewegen durften. D.h. die einzige Vorgabe lautete: Seid pünktlich 16 Uhr zurück am Bus. Das sollten selbst wir schaffen.
Doch zuerst einmal fuhren wir entlang dieser traumhaften Landschaft am Fjord entlang. Und ich litt Höllenqualen. Denn wären wir mit dem Auto, so wie immer, unterwegs gewesen, hätte mein Mann schon mindestens 10 Zwangsstopps zum Fotografieren einlegen müssen. Die ersten 8x hätte ich natürlich behauptet, dass ich pullern muss, oder mir furchtbar schlecht wäre. Nur um die dringende Notwendigkeit zu unterstreichen. Aber ich schätze, nach dem 6. Stopp ohne Pippi, wäre er mir auf die Schliche gekommen. Aber in meinem großen Kompromiss-Fahrzeug hielt keiner für mich an und das war die Höllenqual. Denn die Landschaft schrie förmlich nach meinem Fototalent und wollte unbedingt im Bilde festgehalten werden. Erschwerend kam hinzu, dass ich auch noch auf der falschen Seite und im Gang saß, was das Fotografieren durch das Busfenster nahezu unmöglich machte. Aber trotz lauten Schluchzens hielten wir erst 15 Minuten vor dem eigentlichen Ziel mal an. Ich werde bestimmt den Anbieter für den Missbrauch der Mehrzahl von Fotostopp verklagen. Dass kann er mit einem Herzensfotografen wie mir nicht machen.



Aber dieser eine winzige, kurze Fotostopp besänftigte mich dennoch, genau wie die Aussage, dass wir gleich am Briksdal Gletscher ankommen werden. Endlich kein Fenster mehr vor der Linse und freier Auslauf für meine Spezies. So liefen wir auch gleich los, während sich ein gutes Drittel zum Kuchenbuffet absetzte, ein weiteres Drittel die Toiletten aufsuchte und weitere 20% die Variante des mobilisierten Zubringers wählte. Also Läufer wie wir waren es tatsächlich nicht so viele.
Aber ich für meinen Teil kann nur sagen, das Laufen hat sich gelohnt. Wir haben trotz aller Fotostopps nur 40 Minuten gebraucht und uns war dann auch schön warm, als wir am Gletscher ankamen. Zwischenzeitlich wünschte ich mich zwar in die Anfänge des 20. Jahrhunderts zurück, was daran lag, dass überall erklärt war, bis wohin der Gletscher damals noch reichte. Jetzt war er soweit getaut, dass wir ihn nicht mal mehr berühren konnten. Das macht das schlechte Gewissen eines Kreuzfahrers nur noch größer. Und gleichzeitig wird einem klar, dass in ein paar Jahren kaum ein Wanderer noch den Gletscher wird bewundern können.













Wir aber konnten. Genauso wie wir die vielen Wasserfälle und den ersten Herbstwald bewundern konnten. Da mussten natürlich auch ein paar Langzeitbelichtungen sein und das, obwohl das Stativ noch schön auf dem Schiff verweilte. Aber was das angeht, bin ich ja Profi und nutze einfach den erstbesten Stein.

Nach dieser Wanderung hatten nun auch wir Hunger und so war das verpöhnte Kuchenbuffet doch gar nicht mehr so schlimm, wie anfangs gedacht. Dazu kam, dass es auch noch verdammt lecker war. Wie bei Muttern oder Oma oder einem ganz, ganz leckerem Bäcker.
Und als wir nach der Stärkung zurück in den Bus durften, galt meine erste Frage der Fahrtrichtung. Wenigstens dieses Mal wollte ich gut vorbereitet auf der richtigen Seite sitzen. Und das tat ich, aber fotografieren ohne Fotostopps, durch ein verregnetes Busfenster ist halt gar nicht so einfach. Das nächste Mal bitte wieder einen Mietwagen, dafür aber bitte mit Kuchenbuffet.








Zurück vom heutigen Freigang wurden wir im Fahrstuhl von einem Badebemantelten Herrn zurück begrüßt. 6.697 neue Freunde und ich bin wirklich die Ausgeburt an Freundlichkeit in solchen Momenten. Insofern verzieh ich ihm auch seine Begrüßung und nehme sie einfach mal als Floskel und nicht persönlich:
„Aida bedeutet: Abnehmen Ist Danach Angesagt!“
Der hat das bestimmt nicht auf meinen Körper gemünzt, sondern knallt diesen eloquenten Spruch jedem entgegen, dem er im Fahrstuhl begegnet. Wenn auch bei den ganzen Buffets und Nahrungsaufnahmestationen sicherlich auch nicht ganz grundlos solch ein Spruch existiert.
Unser Sohn braucht sich da ja keine Sorgen zu machen, denn während wir von der Gangway in unsere Kabinenetage mit dem Fahrstuhl fuhren, wetzte er in gleicher Zeit die 11 Etagen nach oben. Dafür wollte ich heute am Buffet auf den Nachtisch verzichten.
Und so ging es los zum Kampf am Buffet. Heute hatten wir die falsche Zeit für unseren hungrigen Auftritt gewählt. Entweder gab es keinen freien Platz oder die Tische waren nicht abgeräumt. Also so etwas wie Handtücher auf dem Stuhl. Aber erst einmal hinsetzen. Georg besorgte uns einen Kellner, der alles wegräumte, was nicht uns gehörte und dafür Wasser und Wein brachte. Nur mit den Gläsern hatte er es nicht so. Also bettelte ich am Nachbartisch um ein Weinglas. Ich wollte es mir borgen und garantiert später benutzt zurückbringen. Der Lacher war auf meiner Seite und das Eis gebrochen. So erfuhr ich auch, dass hier ein Geburtstagskind am Tisch saß. Also lieb gratuliert und formuliert, dass ich gnädiger weise jetzt mal kein Ständchen singe. Dafür bekamen wir dann sogar die restliche Torte geschenkt. Mal ehrlich, soviel Angst muss man vor meinem Gesang nun wirklich nicht haben, dass man mir Geld in Form von Kuchen bietet. Aber ich nahm die Bestechung einfach mal an, an unserem Tag des Kuchenbuffets.

Und wenn man sich so den Bauch mit Kuchen und Torte vollgeschlagen hat, muss man anschließend ordentlich eskalieren. Und das taten wir auch auf unserer ersten Silent Party. Was für eine geile Scheiße war das denn? Alle bekamen Kopfhörer auf und konnten auf drei Kanälen zwischen drei verschiedenen DJ’s wählen, die parallel auf der Bühne auflegten. Es gab Schlager, aktuelle Hits und Dance und man hatte die freie Wahl. So hatte jeder die Mucke, die er haben wollte und tanzte dazu, wie er tanzen wollte. Und alle sangen laut mit, denn bei Kopfhörern ist es ja das Schöne, dass man sich selbst nicht hören kann. Und so wurde die Party innerhalb von Minuten zu einem gigantischen Event mit Spaßfaktor. Denn wirklich alle eskalierten und wir natürlich auch. Die Schlagerfraktion, und ich oute mich mal als Ballermannhits-Mitsinger, machte hierbei am lautesten. Da würde selbst der Ballermann neidisch werden. Schön auch zwischen den lauten Mitsingern, die leicht schaukelnden Dance-Hörer. Die sangen weniger mit, machten aber ein choreografisch wunderschönes Kontrastprogramm.
Ganz ehrlich, ich hätte die ganze Nacht durchmachen können, so köstlich fand ich es. Aber irgendwann rief mich mein Bettchen und so lief ich mit Cordula Grün im Ohr zurück zu 007 und ließ mich in den schlaf schaukeln.

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