Auch nach dem Aufwachen war ich heute noch dankbar für mein Sein. Mindestens so lange, bis ich mich bewegen wollte. Dann fiel mir nämlich auf, dass einfach alles an mir weh tut. Es ist immer noch alles da wo es hingehört, aber es tut einfach jede Faser weh. Die Blutergüsse an Arm und Beinen haben mittlerweile die Größe von Hamburgern angenommen und die Farbe der lilasten Hortensien. Allerdings sehen die Hortensien schön aus, was man von meinen Einschlägen nicht behaupten kann. Doch da ich ja so froh bin, noch zu leben und mich noch bewegen kann, auch wenn es weh tut, stehe ich natürlich hochmotiviert auf um in den Tag zu starten.
Heute soll es auf eine Insel gehen, die Ilheu de Vila Franca do Campo. Angesichts der Tatsache, dass wir uns bereits auf einer Insel befinden, ist es quasi nur ein Inselwechsel. Aber einer der gut geplant sein muss. Bei der Ilheu de Vila Franca do Campo handelt es sich um ein Mini-Inselchen bzw. den kümmerlichen Rest eines Vulkanschlots. Dieser Vulkan ist auf einer Seite aufgebrochen und hat somit den Weg für den Ozean in Form eines kleines Atolls freigegeben. Und diese runde Insel mit dem runden Planschbecken in der Mitte wollen nun ganz viele Touristen wie wir besuchen. Und da die Insel wirklich klein ist, mussten somit Regeln geschaffen werden, damit das kleine Fitzelchen Natur rund um das Atoll auch noch erhalten bleiben. Also dürfen jeden Tag nur 400 Menschen auf die Insel, wobei gleichzeitig sogar nur 200 Personen ihre Füßchen auf den Inselboden setzen dürfen. Und genau deshalb habe ich mich schon ewig vorher damit auseinandergesetzt, wie ich nun am Besten auf die Insel komme, ohne dass ich mich mit einem Fallschirm über ihr abwerfen lasse. Es gibt zwei Wege für den ambitionierten Touristen, entweder man kauft genau 15 Tage vorab online die Tickets, denn davor gibt’s keine und danach gibt’s keine mehr. Es werden nämlich pro Tag nur 50 Tickets online verkauft. Oder man steht darauf, sich früh morgens an den Ticketschalter anzustellen in der Hoffnung, noch die Nummer 399 des Tages in der langen Schlange zu sein. Wir sind Onlinetäter und so hatte ich heute morgen die Tickets in der Tasche, als wir die lange Schlange für das erste Boot entdeckten. Trotz all unserer Vorbereitungen schafften wir es erst ins zweite Boot, waren aber glücklich, als wir auf der Insel ankamen und pünktlich sich die Wolken für unser erstes Azorenhoch verzogen.
Die Insel ist wirklich winzig und bietet dennoch viel. Zwei Bademeister achten auf das Befolgen aller Regeln und es lohnt sich, Ihnen beim Pfeifen zuzusehen. Außerdem gibt es sogar Toiletten und reichlich Liegeflächen auf dem unebenen Vulkangestein. So kann man an jeder Ecke sein Handtuch ausbreiten und den Blick auf die Lagune genießen. Aber das Beste ist das kristallklare und angenehm kühle Wasser und die Möglichkeit, hier mit Schnorchel und Taucherbrille bewaffnet, ungestört von Wellen die Tierwelt beobachten zu können. Unter der Wasseroberfläche gibt es reichlich Krabben, Krebse und Fische in allen Farben. Da das Wasser so unglaublich klar ist, braucht man sich nicht mal mit dem Kopf unter Wasser zu begeben, um alles zu sehen . Über dem Wasser kann man Eidechsen und die verschiedensten Vögel beobachten. Sogar eine kleine Sandbank gibt es und die ermöglicht den Eindruck, man könnte übers Wasser laufen, wie der liebe Gott persönlich. Doch am Allerbesten ist, dass Salzwasser gut für meine Wunden ist, wenn auch anfänglich etwas schmerzhaft. Aber es kühlt so schön und desinfiziert auch noch. Ein Träumchen.
Und so gaben auch wir uns kurzzeitig dieser Tätigkeit hin, die so viele im Urlaub praktizieren. Wir lagen auf unseren Handtüchern und starrten abwechselnd gen Sonne oder Meer. Herrlich erholsam und doch so schnell langweilig. Also zog es uns gegen 13 Uhr wieder runter von der einen Insel auf die große andere Insel. Dort stand mittlerweile am Ticketschalter: „Für heute keine Ticket mehr verfügbar!“. Die kleine Insel war somit voll und das Tageslimit der Bevölkerung erreicht.
Doch wir waren noch nicht durch mit unserem Tag. Mittlerweile hatten sich die Wolken fast über der gesamten Insel Sao Miguel verduftet und so peilten wir einen wolkenlosen Pico da Barossa und Lagoa da Fogo an. Auch hier hat man ein gutes Konzept gegen ein touristisches Verkehrschaos an den Aussichtspunkten und seinen Parkbuchten. Man sperrt einfach die ganze Straße von Nord nach Süd und umgekehrt und lässt alle Touristen für ein kleines Geld in einen Busshuttle einsteigen. Der Shuttle hat mehrere Vorteile: Er kennt die Strecke und fährt sicher und zuverlässig ca. alle 30 min. Man kann an allen wichtigen Aussichtspunkten aussteigen ohne erst eine Parkplatzschlacht mit Falschparkern auszufechten. Und er bietet die Möglichkeit, aus der erhöhten Sitzposition im Bus die Fahrt zu genießen. Also wir finden diese Variante der Touristensteuerung recht clever und vorbildlich. Und so stiegen auch wir am südlichen Haltepunkt in den Bus und ließen uns zuerst auf den Gipfel fahren. Typisch Gipfel war es recht kühl, aber dafür gab es einen traumhaften Ausblick über nahezu die gesamte Insel. Wir hatten echt Glück mit dem Wetter.
Danach folgte der Viewpoint zum Lagoa da Fogo und die Möglichkeit, zum kristallklaren Vulkansee hinunter zu laufen. Direkt bei dem ersten Blick auf den See beschloss ich, hier meinen Alterswohnsitz zu bauen. Genau mit diesem Blick will ich jeden Abend mein Gläschen Wein trinken und ein Buch lesen. So und nicht anders. Allerdings habe ich das Gefühl, dass das mit einer Baugenehmigung aus berechtigten Gründen eher schwierig werden dürfte. Aber träumen darf man ja mal. Der Ausblick auf diesen See und den nicht klaren Übergang im Hintergrund von Meer zu Himmel trieb mir fast Pipi in die Augen. Aber alles Weinen half nichts, wir gingen runter Richtung See, immer mit dem Rückweg im Nacken. Was für die anderen Drei eine interessante Herausforderung war, glich für mich heute leider noch einer Folteransage. Denn noch schmerzt jeder Schritt und Stufen in Höhe von Bierkästen sind nichts für meine geschundenen Beine. Also gingen wir vernünftiger Weise nicht bis hinunter und dafür könnte ich mich angesichts dieses Ausblicks wirklich in den Hintern beißen. Aber es ist mir halt auch nicht geholfen, wenn ich die nächsten Tage gänzlich flach liege. Also genoss ich lieber jeden Blickwinkel auf diesen tollen See und beschloss schon jetzt, vor dem späteren Hausbau zurückzukommen.
Der Busshuttle brachte uns dann zurück an die Küste und wir stürmten ausgehungert in ein tolles Fischrestaurant hier in Lagoa. In der Fischtheke war mehr Auswahl als im Becken des Ozeanariums in Lissabon und wir ließen es uns einfach mal schmecken, bevor es zurück in unser Heim ging.

































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