Wer fragt verliert!

Wir haben gestern ein neues Gesellschaftsspiel für Familien, die in Finnland Urlaub machen, erfunden. Also in den Spielregeln wird eben dies stehen: Es muss eine Familie mit Kindern sein, wobei die Altersklassen eigentlich egal sind. Auf der Verpackung steht dann vielleicht Alter 6-99 und Spieleranzahl mindestens 4 bis unendlich. Statt dem Spielbrett ist dafür zwingend notwendig, dass man in Finnisch Lappland im Winter Urlaub machen muss. Wie man das verpackt, habe ich mir dagegen noch nicht überlebt, aber da wird sich eine Lösung finden. Vielleicht kommen einfach ein paar Saunahandtücher und ein Aufguss-Duft mit in die Verpackung. Das macht es lustiger und auch attraktiver.
Tja, und wie geht nun dieses „Wer fragt verliert!“? Na ganz einfach, wer sich erlaubt zu fragen: „Sind die Nordlichter jetzt schon da?“ oder „Was sagt die Nordlichter App?“ oder „Ist es jetzt soweit?“, der muss egal in welcher Situation er sich gerade befindet, hinaus in die eisige Nacht und dort mindestens fünf Minuten nach Nordlichtern Ausschau halten. Falls er welche sieht, darf er direkt ins Ziel und ist der offizielle Gewinner, falls nicht, gehts zurück auf Start.

So geschehen gestern. Denn mit unserem Neuankömmling stieg natürlich noch mal der Wunsch nach Nordlichtern ähnlich dem KP-Index (muss man kennen, wenn man nach Nordlichtern sucht). Eigentlich kann man hier nicht mehr von Wunsch, sondern eher von einer zementierten Erwartungshaltung sprechen. Denn schließlich hatten wir bisher eigentlich jeden Abend eine Sichtung, es sei denn wir waren zu faul für solche Gesellschaftsspiele.

Die Ausgangssituation für das Spiel war ideal. Der Himmel war wolkenlos und man konnte bis in fremde Galaxien blicken. So einen Himmel wie hier habe ich bisher nur in Afrika gesehen. Die ein oder andere Sternschnuppe war deshalb auch dabei, löste aber hier nur ein „oh schön“ aus, während sie zu Hause schon mal ein romantisches Highlight ist.
Außerdem genossen wir parallel zum Spiel mehrere Saunagänge, ein Glas Wein für die Erwachsenen und diverse Snacks und waren von daher entspannt und tendenziell eher unbekleidet. Als erstes stellte ich eine der genannten Fragen und durfte zur Strafe fünf Felder vorrücken, was bedeutete, bitte in Handtuch und Stiefeln mit Handy bewaffnet hinaus in die kalte Nacht. Während ich nach fünf Minuten und etlichen Frostbeulen wieder rein durfte, dauerte es nicht lange, bis Pini hinaus in den Schnee musste.
Da Ziel des Spiels die Sichtung von Nordlichtern ist, kann es schon mal ne Weile dauern. Die Spieldauer ist deshalb auch als „unbestimmt“ angegeben, ähnlich wie bei einem ordentlichen Monopoli. Da helfen auch diverse Auroren-Apps nicht weiter, die sagen: Super freier Himmel und guter KP-Index, inklusive diverser Live-Cams die bereits in Russland erste Sichtungen zeigten.

Also spielten wir und spielten und holten uns alle kalte Finger, Beine, Nasen und andere kalte Körperteile, die ich hier nicht weiter erwähnen möchte. Gegen 23 Uhr setzten wir uns ein Spielende von spätestens 0:00 Uhr und hofften einfach weiter. Inzwischen war jeder von uns mindestens 2-3 Mal draußen und ich muss zugeben, dass ich, ganz hoffnungsvoll, schon ziemlich oft raus musste.

Gegen 0:15 war immer noch kein Spielende in Sicht, dafür aber gab es Sichtungen in 50 km Entfernung. Das kann doch – verdammte Axt – nicht so schwer sein. Unser Rhythmus der Fragen erhöhte sich auf einen 5-Minuten-Takt und das Aufwärmen zwischen den Büßer-Gängen wurde immer schwieriger. Gegen 1:00 Uhr gaben dann auch die letzten von uns müde auf und wir beschlossen, dass es für heute ein Scheiß-Gesellschaftsspiel ist und keiner gewonnen hat.

Euch will ich damit nur sagen: „Manchmal hat man halt kein Glück und manchmal kommt noch Pech dazu.“ Da hilft es auch nicht, das gefühlt am nächsten Morgen alle Influenzer in Finnland posten, wie toll die Nordlichter in dieser Nacht doch waren. Ich schätze einfach, die haben vor dem Spiel keine ermüdenden Saunagänge gemacht, Wein getrunken, sind mit Husky’s und Rentieren durch die Gegend gefahren und sich stattdessen gleich im tiefen Wald einquartiert mit allem was Heiz-Sohlen, oder Taschenwärmer, oder Heizcremes so bieten. Wir gingen für heute leer aus, dafür mit zahlreichen Bildern zum klaren Sternenhimmel.

Nach dieser langen Nacht schliefen wir heute dann ordentlich aus. Jetzt verstehe ich auch, warum die Skipisten hier erst um 10 Uhr aufmachen. Den langen Schlaf brauchen hier alle Aurora-Hunter.
Und dann kam dass nächste Problem, denn kaum hatten wir ein „Kind“ mehr im Haushalt, ging das Ningeln gleich wieder los: „Wenn Georg mit dem Snowmobile fahren durfte, dann will ich auch!“. Okay, diese verzogenen Kinder, immer nur haben wollen.
Erwischt, so etwas würde Pini niemals sagen. War wohl eher der absolute Gleichstellungsanspruch der Eltern: Wenn ein Kind fahren darf, soll das andere schließlich die gleichen Rechte haben.

Also ging es wieder zu unserem geliebten Snowmobile-Verleih, wo wir langsam ne Rabattkarte ausfüllen können. Kleiner Tipp von uns, spart Euch geführte Touren und seid dagegen mutig und leiht Euch direkt ein paar Geschosse aus. Die Einweisung ist hier mindestens genauso gut, wenn nicht sogar besser und es gibt eine Proberunde, damit sich die Vermieter auch sicher sind, dass man uns so alleine fahren lassen kann. Außerdem erhält man Routentipps mit genauen Hinweisen, was man zeitlich schafft und sich zutrauen kann.
Und dann ging es mit zwei Snowmobilen auf den See, der wohl mindestens eine 1 Meter dicke Eisdecke haben soll. Ist trotzdem ein eigenartiges Gefühl. Vielleicht auch, weil wir die letzten Abende immer die Ice-Road-Truckers im Fernsehen haben laufen lassen. Die lassen ja bei den gefährlichen Eiskanälen sicherheitshalber immer die Türen offen stehen, um im Notfall abspringen zu können. War bei uns nicht nötig, da keine Türen.

Und so cruisten wir, zuerst Pini und Swen und später Pini und ich, in einem Affenzahn über den riesigen See zum östlichen Ufer, wo es übergangslos in den Wald ging. Dann folgte eine weite Ebene mit massig unberührtem Schnee und ich konnte mich nur schwer zusammenreißen, um nicht nach jedem Meter „Stop! Ich möchte einen Eisengel machen!“ zu rufen. Noch war ich ja nur Beisitzerin, die in den Kurven für die Gewichtsverlagerung und die Filmdokumentation zuständig war. Wir schafften teilweise sogar über 40 km/h und es fühlte sich wie Fliegen an.

Nach der Hälfte unserer gebuchten Zeit tauschten wir die Plätze und ich durfte auch ans Steuer. Dabei hatte ich vier Ziele: 1. Überleben 2. schneller als Swen fahren 3. immer noch Überleben und 4. Schneeengel in den unberührten Schnee machen. Trotz, dass wir jede Minute der gebuchten Zeit nutzen wollten, hieß es als erstes einen Stop für die Schneeakrobatik suchen und dann schneller fahren, überleben und ankommen. Wichtig für die richtige Fläche für meine Choreografie war natürlich der unberührte Schnee. Das ist allerdings hier in Finnland echt die leichteste Übung, denn trotz wilder Rentiere, Elche, Bären und Hasen ist hier eigentlich jede Fläche unberührt.

Also stoppten wir auf einer weiten Ebene, nahmen Schneeengel-Position ein, ließen uns fallen und verwandelten den Schnee in einen wunderschönen Engel. Also in meinem Fall einen dicken Engel, aber auch dicke Engel muss es geben.
Was ich bei dieser Aktion nicht bedacht hatte war, dass ich nun wie ein Marienkäfer im Michelin-Anzug auf dem Rücken lag und dies in ordentlichem Pulverschnee. Egal was ich versuchte, ich kam nicht wieder hoch. Da half es auch nicht, vor lauter Glück zu Kichern wie ein fünfjähriges Mädchen. Ich brauche natürlich nicht erwähnen, dass unsere Leichtgewichte Pini und Georg nicht mal annähernd das gleiche Problem hatten. Die standen nämlich schon längst und kicherten nun mit mir. Da hilft nur eine Rolle wie ein Hund machen und dann aufpassen, dass man nicht auch noch mit dem Gesicht im Schnee landet. Hilfe von meinem Mann brauchte ich übrigens in dieser Situation nicht erwarten, denn der genoss den Anblick und filmte mich in meiner misslichen Lage. Er nennt es Rache, der Sack.

Dafür gab ich dann, zurück auf den Brettern, die Schnelligkeit bedeuten, so richtig Gas und er umschlang mich wie eine verliebte Blondine auf dem Motorrad.
Dank meinem Geschwindigkeitsrekord schafften wir es pünktlich zurück zur Ausleihe und grinsten alle vier breit wie Honey Cake Horses.

Nach einer kurzen Aufwärmperiode in unserer Hütte ging es dann für Pini, Swen und Georg wieder einmal auf die Piste, denn auch hier mussten wir ja schließlich alle Kinder völlig ausgeglichen behandeln. Leider schien heute eher keine Sonne und der Berggipfel war förmlich weder zu sehen von unten, noch von oben. Einfach weg. Aber auch das macht nix, gibt ja schließlich genug Pisten unter der Wolkendecke.
Ich gesellte mich nach einer Wanderung durch den Schnee zu den Skihasen und wir genossen nochmals den beleuchteten Hang, ich von unten mit einem Cider und die anderen von oben mit den Skistöcken in der Hand. Wieder ein finntastischer Tag.

Bis vielleicht auf die Tatsache, dass meine Männer in der beleuchteten Röhre jämmerlich scheiterten. Von wegen Profi’s, Anfänger sind’s, die an einem jämmerlichen Schlepplift scheitern. Okay vielleicht war auch Pini schuld, die Georg fragte: „Traust du dich während der Fahrt einen Ski auf den stehenden Teil der Bahn zu stellen?“. Das war faktisch nur eine Frage, aber für Georg hörte es sich wie eine Anweisung oder Herausforderung an. Also gesagt getan und was passierte? Es ging natürlich schief und er flog hin. Für alle mit Physik in der Schule war das erwartbar. Was nicht erwartbar war, dass sein Vater, ganze 10 Meter hinter im, alles nachmachte und auch hinflog. Warum und weshalb, kann kein Mensch beantworten, aber Fakt ist, es sah köstlich aus, wie er den Schlepplift auf dem Hintern sitzend hochgeschleppt wurde und die Röhre im Sitzen verließ. Ich wäre dafür, ihn nochmal bei Skikurs für Anfänger anzumelden, oder?

So hatte ich eine kleine Rache für meinen Schneeengel-Marienkäfer und somit waren wir alle glücklich. Jetzt schauen wir mal ob wir das mit dem Spiel „Wer fragt, verliert“ heute nochmal spielen. Ich schätze ja, denn noch hat Pini nur ein Mini-Nordlichtchen gesehen.

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