
Kapitel 1
Noch acht Wochen bis Abflug
Ich kann ihn spüren und es gibt nicht viele Gefühle, die besser sind als dieses: Das Gefühl, wenn langsam Sand zwischen meinen Zehen hinunterrieselt, während ich bäuchlings auf der Sonnenliege chille. Die Sonne scheint durch ein Blätterdach gedämpft auf meinen Rücken und ich spüre gleichzeitig die Wärme und eine leichte Brise. Ich liebe dieses Gefühl von warmen Sandkörnern, die für mich Freiheit bedeuten und gleichzeitig beruhigen, weil sie auch Heimat bedeuten. Meine Augen sind geschlossen und ich höre diese beruhigende Mischung aus Meeresrauschen, wenn so kleine Wellen regelmäßig, aber langsam auf den Strand treffen, und dem Gemurmel urlaubender, entspannter Menschen, die sich lachend unterhalten. Ein Gemurmel, das mich langsam gen Schlaf bringen wird. Gott sei Dank ist kein Kindergeschrei in dieser Mischung dabei. Doch ich schätze, auch das fände ich in diesem Augenblick meiner persönlichen Glückseligkeit toll. Denn während ich so daliege genieße und die Sonne meinen Rücken erwärmt, werde ich sanft eingecremt, ganz langsam und vorsichtig und mit diesem kleinen Tick Erotik, der einen Nachmittag am Strand perfekt macht.
Doch plötzlich höre ich ein Fiepen, erst leise, dann immer lauter und aufdringlicher.
Und ganz plötzlich bin ich wieder wach. Kein Sand mehr zwischen meinen Zehen. Stattdessen läuft mir die Spucke den Mundwinkel herab und ich stelle fest, dass ich auf meiner handgeschriebenen Einkaufsliste eingeschlafen bin, die nun an meiner rechten Wange klebt und sicherlich kaum noch lesbar ist.
Damit bin ich schlagartig zurück in meiner Realität und somit auf dem harten Boden der Tatsachen gelandet. Weit und breit nichts von glückseligen Empfindungen.
Denn anstatt mich auf den nächsten Strandurlaub vorzubereiten, den ich gemeinsam mit wem auch immer wie üblich in einem wunderbaren Adults-only-All-inclusive-Hotel mit direktem Strandzugang und allem Schnickschnack gebucht habe, sitze ich nun hier und grüble über der Pack- und Einkaufsliste für einen Abenteuerurlaub in der Zentralafrikanischen Republik und der Republik Kongo.
Eigentlich gibt es keinen Grund für solch eine Extremtat. Ich befinde mich in der besten Zeit meines Lebens, auch wenn mein Personalausweis behauptet, dass ich schon zum fünften Mal 25 Jahre alt geworden bin. Meine mir nicht wohlgesonnenen Feinde würden vielleicht behaupten, ich steuere straff auf die 30 zu. Aber solch eine Behauptung würde keiner in meinem Umkreis unbeschadet überleben. Ich fühle mich wie 25 und somit bin ich auch noch 25. Diese Illusion des eigenen Jungbrunnens gehört einfach zu meiner Persönlichkeit dazu. Denn meine Persönlichkeit ist nicht unbedingt unauffällig und auch nicht ansatzweise langweilig. Ich schillere mich sozusagen durch mein Leben.
Das Ernsthafteste, das ich in meinem Leben bieten kann, ist sicherlich mein Job. Direkt nach der Schule habe ich aufgrund der zahlreichen Empfehlungen von Erwachsenen aus der Schule und aus meinem Bekannten- und Familienkreis, aber auch wegen meiner eigenen Ahnungslosigkeit eine Lehre bei einer Versicherung begonnen. Aufgrund meiner guten schulischen Leistungen konnte ich mir meinen zukünftigen Arbeitgeber sogar aussuchen. Zum Studieren hatte ich einfach keine Lust und vor allem wollte ich Geld für mein Leben und meine Unabhängigkeit verdienen.
In dieser Versicherung bin ich dann auch hängengeblieben, in einem langweiligen Nine-to-five-Job im Büro versteckt, ohne Kundenkontakt und mit recht wenig Tageslicht. Es ist deswegen auch kein Wunder, dass ich außerhalb dieses Jobs schillere wie ein Regenbogen. Meine Persönlichkeit, die anderen vielleicht oberflächlich und aufgesetzt erscheinen mag, muss einfach raus und in die Welt geschrien werden. Und so habe ich mir mein Leben zwischen Glitter und Nadelstreifen voller süßer kleiner Klischees aufgebaut.
Außerhalb des Büros bin ich Dauerkonsument am Handy und – das gebe ich gern zu – ich folge hier jedem zweiten Trend, der mir geboten wird. Warum auch nicht, es macht doch Spaß und erweitert meinen Horizont. Und alles, was Spaß macht, gehört in mein Leben.
Meine Freunde sind entweder genauso schillernd wie ich oder ziemlich gut im Ertragen meiner Charakterzüge. Ich gehe für mein Leben gern shoppen, feiere auf jeder Party, die mir angeboten wird, mit und nehme alles leicht, was anderen eher Kopfzerbrechen bereitet. Deshalb habe ich auch diese Vorliebe für All-inclusive-Urlaube, die mir all das bieten, ohne dass ich mich auch nur im Ansatz um irgendetwas kümmern muss. Eigentlich bin ich ziemlich zufrieden mit meinem Leben.
Und trotzdem habe ich vor einem halben Jahr entschieden, dass ich mehr Abenteuer brauche. Doch statt eines Fallschirmsprungs vom nächstgelegenen Provinzflughafen oder zumindest einen Rafting-Nachmittag im Kanupark um die Ecke zu reservieren, was nebenbei gesagt meinen derzeitigen Abenteuer-Action-Level schon locker verzehnfacht hätte, habe ich mich hinreißen lassen, eine Tour mitten in das zentrale Afrika zu buchen, um dort die Flachlandgorillas persönlich kennenzulernen.
Mir stehen 16 Tage Abenteuer pur in der freien Wildbahn von Afrika bevor. Jeder andere hätte bei solch einem Gesinnungswandel mit einer geführten Gruppenreise nach Namibia im Reisebus angefangen, wo man sich sogar auf Deutsch hätte verständigen können. Dann wäre es sicherlich ein Luxus-Lodge-Urlaub ohne Überraschungen, aber dafür mit ganz vielen Touristen geworden. Das wäre auch der Urlaub, den sich alle meine Lieben vorstellen könnten, wenn sie an mich denken: schön im Hotel mit entsprechendem Luxus und reichlich Bargetränken und mit ganz viel planbarer Sicherheit um mich herum. So kennen mich alle und so habe ich die letzten Jahre ausschließlich gelebt.
Doch vor einem halben Jahr war ich aus mir nicht mehr nachvollziehbaren Gründen mächtig übermütig und habe eine Kleingruppentour in die zentralafrikanische Region gebucht.
Hier werde ich in einfachen Zelten oder Unterkünften, die nicht die Bezeichnung „Hotel“ im Namen tragen, nächtigen. Luxus ist ein Wort, das es in der Sprache der Einheimischen wohl eher nicht gibt.
Ich habe in meinem ganzen Leben erst zweimal in einem Zelt übernachtet und beide Male nur, weil ich stundenlang dazu überredet wurde. An die erste Nacht kann ich mich nicht mehr erinnern, weil die Party beziehungsweise der Grund für die Zeltübernachtung so gut waren, dass ich dabei einige Gehirnzellen verloren habe. Spätestens nach der zweiten Nacht habe ich das mit dem Zelten von meinem Wunschzettel des Lebens gestrichen. Ich war übersät mit Mückenstichen und hatte deshalb auch kein Auge zugemacht. Die Luftmatratze war so unbequem, dass ich vor Schmerzen jammerte, und der Gang zur weit entfernten Toilette hielt mich von allem ab, was von dieser Situation hätte ablenken können. Alles in allem nichts, wovon ich später mal meinen Enkelkindern in den buntesten Farbtönen vorschwärmen möchte.
Jedoch bin ich manchmal so glitzernd unterwegs, dass ich mir Herausforderungen suche, die nicht unter das Motto „einfach“ fallen. Nach Namibia reisen, in eine Lodge, kann ich ja schließlich immer noch, wenn ich wie die üblichen Teilnehmenden dieser Busreisen meine Rente beantragt und im Blick habe. Doch jetzt, in meinen Mittzwanzigern, heißt es Abenteuer und davon gleich die volle Dröhnung. Bisher jedenfalls kenne ich Gorillas und Affen nur aus dem Zoo. Zumindest, wenn wir von den frechen, gefräßigen Affen auf meiner entspannenden Ayurveda-Kur in Sri Lanka mal absehen. Die haben mir damals fast meinen Fotoapparat geklaut und überhaupt waren sie nicht sehr touristenfreundlich.
Doch im Zoo fand ich Gorillas zumindest schon immer toll und auch interessant. Warum also diese Menschenaffen nicht in der freien Wildbahn ansehen, solange es sie noch gibt? Da sie zu den vom Aussterben bedrohten Tierarten zählen, habe ich nicht unendlich Zeit, mir dieses Abenteuer zu gönnen.
Außerdem habe ich kürzlich einen Youtuber gesehen, der genau dieses Gorillatracking gebucht und es unter „100 Dinge, die du erlebt haben musst“ beschrieben hat. Und was dieser Youtuber kann, kann ich doch auch, oder? Zudem hat er berichtet, dass er damit auch noch die Gorillas vor dem Aussterben rettet. Challenge meinerseits angenommen. Auch ich möchte einen Gorilla retten und schützen. Und wenn ich das durch meinen Besuch schaffen kann, dann nichts wie hin.
Na ja, eigentlich werde ich ja nicht direkt retten und schützen, sondern eher so indirekt. Denn durch meinen Besuch und die Unmenge an Erspartem, das ich dort lassen werde, können die Forscher vor Ort ihre Arbeit machen. Dazu gehört auch die Beobachtung der Gorillas in ihrer natürlichen Umgebung durch eben diese Forscher. Und es gehört auch dazu, dass diese wenigen Gorillagruppen, die es überhaupt noch gibt, tagtäglich vor bösen Wilderern geschützt werden müssen.
Tja, und damit schließt sich der Kreislauf wieder. Ich bezahle und schau es mir an und mit meinem Geld wird gerettet und beschützt.
Und, wie es mein Schicksal so will, erfülle ich damit auch gleich ein paar meiner guten Vorsätze für dieses Jahr. Denn schließlich stand neben dem Abnehmen, was ich dringend noch angehen muss, und mehr Aktivität, was auch bisher untergegangen ist, auch auf dem Zettel, dass ich ein paar gute Taten für meine Karmapunkte am Ende des Jahres erfüllt haben möchte. Also werde ich gleich vier Klappen mit einem Gorilla schlagen: abnehmen aufgrund der fehlenden Buffets, aktive Bewegung im Dschungel auf der Suche nach Wildtieren, deutlich mehr Abenteuer in meinem Leben und Tierschutz als gute Tat.
Während jetzt so meine Packliste an meiner rechten Wange klebt, frage ich mich allerdings ernsthaft, ob das Ganze eine meiner besten Ideen war. Aber diese Frage will ich mir einfach noch nicht beantworten, denn noch habe ich kein Abenteuer erlebt und keine Tiere gerettet. Ich stecke erst einmal nur knietief in den Vorbereitungen zu diesem Abenteuer. Bis jetzt geht es nur darum, meinen Koffer sinnvoll zu packen und alles dabei zu haben, was ich brauche.
Und da sind wir schon beim ersten Problem, über dem ich wohl auch verzweifelt eingeschlafen bin: Denn statt die üblichen 23 Kilogramm plus Karenz in meinen bunten XXL-Koffer zu packen, sitze ich nun hier, und vor mir steht ein nigelnagelneuer schwarz-gelber Trekkingrucksack, der mir irgendwie winzig erscheint, unbequem vorkommt und so gar nicht stylish wirkt. Dieser Rucksack wurde zwar mit einem unglaublichen Fassungsvermögen beworben, als könnten ganze Jumbojets darin landen, aber wenn ich ihn mir so ansehe, hat er eine Packfläche von gerade einmal 25 mal 35 Zentimetern und das kommt mir im Vergleich zu meinem Koffer eindeutig viel zu klein vor. Und nun habe ich diese gefühlt unlösbare Herausforderung, alles von meiner Liste hineinzubekommen und gleichzeitig die Kilogrenze von maximal 15 Kilogramm nicht zu überschreiten.
Mit der Buchung meines Abenteuers habe ich ein zweiseitiges Blatt meiner Reiseagentur zum Thema Gepäck erhalten und darin steht ganz dick geschrieben: „So viel wie nötig, so wenig wie möglich“. Die beigefügte Liste gleicht jedoch einer Zusammenstellung für eine dreijährige Weltraumexpedition, ohne Kontakt zu irgendwelchen Zivilisationen außerhalb meiner Reisegruppe. Da stehen Dinge drauf, die bisher weder jemals in meinem Reisegepäck landeten, geschweige denn überhaupt in meinem Besitz waren. Teilweise wusste ich noch nicht mal, dass es so etwas gibt:
- Ein internationaler Impfausweis, mit Inhalten, die ein Vermögen kosten und meine Angst vor Spritzen sicherlich zu einer Psychose anwachsen lassen werden,
- dunkle, dezente und lange Kleidungsstücke, um die Tiere nicht zu erschrecken. Und so schaue ich in meinen Kleiderschrank und sehe ganz viel Pink, leuchtendes Rot, Blau und Grün und natürlich viel bunten Glitzer. Nichts, was auch nur ansatzweise in diese Beschreibung passen könnte.
- eine Gürteltasche: ein Accessoire, dem ich mich bisher erfolgreich in meinem Leben verweigert habe, trotz einiger Trendaktivitäten im Internet. Und wozu brauche ich so etwas überhaupt? Ich habe doch schon dieses Trekkingmonster auf dem Rücken und den Handgepäck-Rucksack auf dem Bauch. Eine Gürteltasche für meine Wertsachen ist nicht nur extrem unstylish, sondern sagt mir auch, dass mich Leute womöglich ausrauben wollen, während ich mit meinen Siebensachen durch Afrika ziehe. Und dann soll diese Gürteltasche das Einzige sein, was mir für solch einen Fall und zur Sicherung meiner Reiseunterlagen und Wertgegenstände bleibt? und
- ein leichter Reiseschlafsack: Ich habe nicht mal einen schweren und wo verdammt ist eigentlich der Unterschied? Heißt leicht leicht oder dünn und wo bekomme ich so ein Ding in Tarnfarbe her? Brauche ich eigentlich auch noch ein Moskitonetz? Und darf ich mein Kuschelkissen und mein Plüschtier mitnehmen? Von den wirklich wichtigen Dingen steht hier so rein gar nichts.
Doch dafür steht noch so viel mehr von dem mir so Unbekannten auf diesem Merkblatt. Wenn ich diese Packliste und die Hinweise zur Reise lese, bekomme ich es mit der Angst zu tun. Was um Himmels willen hat mich geritten, diese Reise zu buchen? Ich schätze, ich muss betrunken gewesen sein oder im Rausch des Glücks, denn ich war der festen Überzeugung, dass es genau das ist, was ich diesen Sommer tun möchte. Und nun sitze ich hier und lege vorsichtig alles zur Seite, was ich mir im ersten Versuch des Packens zurechtgelegt hatte. Die drei Bücher, die ich lesen wollte, passen einfach nicht mehr rein. Und mein Lieblings-T-Shirt in pastellenen Einhorn-Regenbogenfarben fällt nicht in die Kategorie „beruhigende Motive für ausgewachsene Gorillas“.
Auch mein geliebter Kuschelschlafanzug mit Einhörnern ist wohl etwas overdressed für den leichten Schlafsack in Tarnfarben.
Aber, was soll’s, ich wachse hier offensichtlich mit meinen Herausforderungen. Und diese Herausforderungen sind riesig.
Doch einige Dinge sind vom Aussortieren ausgeschlossen. Denn ohne sie fahre ich nicht los. Mein Fotoapparat für unendlich viele Bilder von den wilden Gorillas, die ich dann allen zeigen werde, gehört natürlich ins Handgepäck genauso wie mein Tagebuch, die Kopfhörer, meine Handys, sämtliche Reiseführer und die schon vorproduzierten Postkarten. Ja wirklich, ich habe mir Postkarten vorproduziert – aber das nur aus zwei recht plausiblen Gründen: Erstens möchte ich alle meinen Lieben unter die Nase reiben, was ich für ein cooles Abenteuer erlebe, und zweitens wollte ich sichergehen, dass ich nicht an einer fehlenden Postkartenauswahl scheitere, um Ersteres auch garantiert realisieren zu können.
Deshalb habe ich mir wunderschöne Postkarten mit Gorillabildern aus dem Zoo selbst erstellt und drucken lassen, 30 Stück an der Zahl.
Ich überlasse hier nichts dem Zufall. Manche Leute würden mir dafür sicherlich den Einweisungsschein für die Klapsmühle zeigen. Verrückt wäre es meiner Meinung nach aber nur gewesen, wenn ich auch schon den Text vorproduziert hätte. Doch da will ich realistisch bleiben und werde erst vor Ort aufschreiben, was ich wirklich erlebe. Ich werde dabei alles in den tollsten Farben ausmalen und garantiert übertreiben.
Und damit bin ich nun auch so weit, über das zweite vierseitige Merkblatt zum Thema Gorillatracking nachzudenken. Dieses bereitet mir eigentlich noch mehr Angst und Panik als die Packliste.
Es geht unter anderem um den schon erwähnten internationalen Impfausweis. Ich war ja schon froh, dass ich solch einen gelben in meinen Unterlagen gefunden habe. Aber außer der abgelaufenen Polio-, Diphtherie- und Tetanus-Impfung, meinem pünktlich eingefangenen Corona-Schutz und der fünf Jahre zurückliegenden letzten Grippeschutzimpfung sah das gelbe Heft noch ziemlich jungfräulich aus. Laut meines Merkblatts muss sich das nun dringend ändern. Denn die Polio-Impfung ohne Lebendviren gehört aufgefrischt. Und dann brauche ich eine Masernimpfung, die volle Hepatitis-Dröhnung, etwas gegen Gelbfieber und einen negativen Tuberkulose-Test.
Während die Impfungen zu meinem eigenen Schutz sein sollen und meine Ängste eher wachsen lassen, als mich zu beruhigen, ist der negative Test nur für die schnuckeligen Menschenaffen gedacht. Denn für diese bin ich das tödliche Risiko und die Gefahr. Schließlich könnte ich alle möglichen Zivilisationskrankheiten wie zum Beispiel Tuberkulose in ihren Lebensraum bringen und nicht andersherum. Und da hilft alles Beteuern nichts, weder dass ich nie Tuberkulose hatte, noch dass ich überhaupt nicht mit den Gorillas kuscheln möchte. Ich muss einen Tuberkulin-Test machen und das Ergebnis auch rechtzeitig nachweisen, um überhaupt in den Flieger gelassen zu werden.
Deshalb habe ich heute Nachmittag einen langen, sehr langen Termin im Zentrum für Reisemedizin, der mich sicherlich ein Vermögen kosten wird, bei dem ganzen Zeug, was da in mich hineinsoll. Wegen des Tuberkulin-Tests bekomme ich sogar Tuberkulose unter die Haut gespritzt oder gekratzt, darf mich mehrere Tage nicht waschen und erst dann kann man sagen, ob das Ergebnis als positiv oder negativ gewertet werden kann. Ein negatives Ergebnis wäre positiv, denn nur so darf ich zu den Gorillas. Eines ist jedenfalls klar: Nach dem Test werde ich riechen wie eine Verwandte dieser Menschenaffen. So würde mich jeder Gorilla in der Gruppe akzeptieren.
Heißt es eigentlich Gruppe oder Rudel?
Ich muss mir wohl noch etwas Literatur zum Thema Gorillas besorgen. Das kommt gleich mit auf die Einkaufsliste, unter den Schlafsack und die Stirnlampe und das Regencape und die Regenhose und und, und, und.
Ich muss sagen, ich bin schon jetzt gestresst von den Reisevorbereitungen, und dabei habe ich noch nicht mal alles im Blick. Denn ich brauche ja auch noch die Visa für beide Länder. Und die bekomme ich nur in Berlin. Somit habe ich zumindest noch einmal einen guten Grund für einen Kurztrip in das bunte Berlin, verbunden mit ausgiebigen Shoppingtouren und langen Nächten. Ich war schon immer gut darin, das Beste aus Zitronen zu machen. Nämlich einen leckeren Gin Fizz mit Refill. Und schon freue ich mich wieder auf die Reisevorbereitungen. Ich werde gleich mal ausprobieren, ob ein Gin Fizz auch eine gute Idee für meine heutige Zusammenstellung der Pack- und Einkaufsliste ist.
Kaptiel 6
Auf dem Boden der Tatsachen gelandet
Ich liebe Sport. Okay, diesen Satz muss ich präzisieren. Genauer gesagt liebe ich es, anderen beim Sport zuzusehen, weil ich selbst für Sport nicht geschaffen wurde. Doch besonders liebe ich es, gut gebauten Sportlern bei der Ausübung von egal welcher Sportart zuzusehen. Groß, muskulös, kräftig und knackig – und gelegentlich auch schwitzend, wobei das ja eher das notwendige Übel ist. Am liebsten mag ich knochenharte, von Muskeln gestählte Oberschenkel, und zwar so hart, dass, wenn ich draufhaue, meine Hand wie ein Flummi zurückspringt.
Und genau deshalb genieße ich auch meinen Flug von Addis Abeba nach Bangui, der Hauptstadt der Zentralafrikanischen Republik. Was das eine mit dem anderen zu tun hat, ist schnell erklärt: Ich teile mir das Flugzeug mit der Basketball-Nationalmannschaft der Zentralafrikanischen Republik und da muss ich bestimmt nicht weiter erklären, warum das toll ist. Diese 15 gut gebauten Sportler plus Begleitpersonal haben offensichtlich was auch immer gewonnen, denn sie singen und feiern schon den ganzen Flug lang. Für Stimmung, wie ich sie mag, ist gesorgt und mein Urlaub kann somit beschwingt beginnen.
Gerade sind wir extrem pünktlich um 14:20 Uhr in Bangui gelandet. Ich schätze, der Pilot hat extra einen Zahn zugelegt, um die feiernden Basketballer loszuwerden.
Gleich im Flughafengebäude, zu dem wir tatsächlich zu Fuß laufen müssen, bekomme ich meinen zweiten Stempel in den Pass. Es ist also tatsächlich so unkompliziert, wie meine Reiseagentur behauptet hatte. Wenn die deswegen schon recht behalten haben, sollte der Rest ein Klacks werden.
Somit ist es jetzt Zeit für Abenteuer und schon laufe ich umringt von muskulösen Körpern in Richtung Gepäckband.
Und wenn man mal alle Banguianer und Basketballer wegrechnet, ist dann auch direkt klar, wer meine Mitreisenden sind – die einzigen Bleichgesichter wie ich, die mit mir am Gepäckband stehen. Dieses Gepäckband ist ungefähr so modern wie ein Faustkeil aus der Steinzeit. Offensichtlich ist es auch kaputt, denn das Gepäck wird vom Flughafenpersonal auf ihm hereingetragen. Bei dem Gepäck der Basketballer verspüre ich direkt Mitleid mit den Leuten vom Flughafen, denn offensichtlich hatten die Basketballer sehr viele Sporttrikots benötigt und natürlich auch Bälle. Das Gepäck hat gigantische Ausmaße, ähnlich wie die Sportler selbst.
Aber zurück zu meinem ersten Eindruck bezüglich meiner Mitreisenden. Da ist zunächst einmal ein deutsches Pärchen, das gar kein Pärchen ist. Die beiden sind „nur Reisefreunde“, wie sie mehrfach betonen.
Ich persönlich wäre begeistert, wenn ich jetzt hier einen „Reisefreund“ hätte, der mich begleitet und mit dem ich quatschen und lästern könnte. Die beiden, Maritta und Bernd, sind ungefähr doppelt so alt wie ich, wenn man mal von meinem gefühlten Alter ausgeht, und stellen mir direkt gleich die eine klassischen Frage unter Globetrottern: „Wo warst du denn schon so überall auf Tour?“
Na ja, meine Liste wäre schnell erzählt, also murmle ich nur: „Ach, so hier und da.“ Ich stelle lieber schnell die Gegenfrage, um mich nicht mit meinen Mallorca-Erfahrungen outen zu müssen. Ich denke, für dieses Outing habe ich noch 16 Tage Zeit und werde wohl auch nicht darum herumkommen.
Ich glaube, auf meine Gegenfrage haben die beiden nur gewartet. Denn wie aus der Pistole geschossen, eine mit zwei Läufen, bekomme ich ungefähr den halben Weltball um die Ohren gehauen. Es klingt 1.000-mal abenteuerlicher als alle meine Urlaube zusammen. Auch sind die beiden nicht wie ich zum ersten Mal bei den Flachlandgorillas, sondern es handelt sich mehr oder weniger um einen wiederholten Familienbesuch, denn sie fühlen sich nun nach mehreren Touren schon in die Gorillagruppe integriert. Na, das kann ja lustig werden. Augenblicklich fühle ich mich wieder wie mit 16 und unglaublich naiv und blauäugig.
Dieses Gefühl verschwindet auch nicht, als die beiden Schweizer hinzustoßen. Auch kein Pärchen, dafür ein Brüderpaar, die gern zusammen die Welt erkunden.
Warum nochmal bin ich allein unterwegs und habe keinen Schwachmaten gefunden, der mit mir reist? Auf meine nächste Packliste muss unbedingt noch solch ein „Reisefreund“ draufstehen. Ich schätze, mein Plüschgorilla zählt da eher nicht. Außerdem ist der noch nicht bei mir, da er im Hauptgepäck unauffällig mitreist. Es soll mich ja schließlich keiner für ein Kindchen halten.
Daniel und Richard aus der Schweiz sind ebenfalls erfahrene Reisende und auch ungefähr 50-jährig wie Maritta und Bernd.
Ich rede mir die ganze Zeit ein, dass ich, wenn ich so alt bin wie die anderen, auch schon die halbe Welt erkundet haben werde. Nur so kann ich mir diesen Erfahrungsvorsprung erklären. Jeder hat schließlich mal klein angefangen, wenn vielleicht auch nicht gleich mit einer Reise wie dieser.
Während wir am Laufband, das wie gesagt eher ein Stehband ist, auf unser Gepäck warten, tauschen wir uns darüber aus, was wer von uns schon so an Gepäck- und Flugkatastrophen erlebt hat.
Maritta hat gefühlt auf jedem fünften Flug ein Gepäckstück zu spät bekommen und Richard vermisst noch heute eine Tasche, die vor 15 Jahren hätte ankommen müssen.
Ich dagegen kann da alle beruhigen, denn so etwas ist mir in meinem ganzen Leben noch nicht passiert. Was soll auch auf Direktflügen nach Mallorca oder so verloren gehen?
Aber dieses Detail behalte ich noch für mich. Stattdessen sprühe ich vor Optimismus und stecke damit die anderen an.
Meine Mitreisenden, die ich ab sofort „die vier Reiseultras“ nenne, finden ein Gepäckstück nach dem anderen, welches in die Halle getragen wird. Alle haben schon ihr Gepäck, die Basketballer ihre riesigen Taschen, die sicherlich das halbe Flugzeug gefüllt haben, und die Reiseultras ihre Trekkingrucksäcke und die sonstigen Fluggäste ihre irgendwie verpackten Utensilien. Alle haben ihr Gepäck – nur ich stehe noch mit sehnsüchtigem Blick am Gepäckband.
Und ich warte und warte und bemerke, wie mein Puls langsam zum Galopp umschlägt und in Gedanken die Liste der eingepackten Dinge blinkend aufleuchtet.
Soll das etwa ein Scherz sein? Alle haben ihr Gepäck und meines ist trotz des zweistündigen Aufenthalts in Addis Abeba nicht im Flugzeug gelandet? Das darf doch wohl nicht wahr sein! Ich bin hier am vermeintlich unterentwickeltsten Zipfel von Afrika gelandet und habe kein Gepäck? Hilfe!
Irgendwie muss ich in meiner Panik kurz aufgehört haben zu atmen. Als ich jedenfalls wieder klar denken kann, stehen die Reiseultras um mich herum, wedeln mir frische Luft zu und halten mir etwas zu trinken hin . Ich hoffe inständig, dass es etwas Alkoholisches ist, denn sonst kippe ich gleich wieder um. Ich bin da auch nicht anspruchsvoll, ein Cocktail wäre jetzt schön, aber ein Prosecco tut es auch. Doch es ist nur Wasser und mein Gepäck ist immer noch weg – die Realität holt mich schlagartig wieder ein.
Da hilft nur, eine Verlustanzeige aufzugeben und dem Herrn hinter dem Schalter zu glauben, dass sich alle, ja wirklich alle, bemühen werden, in den nächsten 24 Stunden für mein Gepäck zu sorgen und es mir ins Hotel zu bringen, sobald es gefunden wird. Ich glaube, er hat meine Dringlichkeit verstanden, denn ich habe ungefähr bereits um die 100 Mal erwähnt, dass ich ohne dieses Gepäck im Dschungel nicht überleben werde, mein bedeutungsvolles Leben in Gefahr ist, ich keine Familie gründen kann und überhaupt alles ganz furchtbar wäre.
Drama konnte ich schon immer recht gut und hier ist es noch nicht einmal gespielt, sondern äußerst angebracht.
Wobei – eine Zeit lang ohne Klamotten habe ich schon in anderen Situationen überlebt und sogar genossen. Also werde ich auch diese Herausforderung schon irgendwie meistern. Es ist zwar nicht das Gleiche wie ein nacktes Wochenende im Bett bei einem Serienmarathon und mit reichlich Chips und Prosecco, aber ich nehme diese neue Herausforderung mutig an. Schließlich habe ich ein ABENTEUER gebucht und dann fängt das Abenteuer halt so an. So habe ich wenigstens später am Telefon meiner Familie etwas zu berichten.
Doch nach gefühlt 24 Stunden auf Reisen habe ich das dringende Bedürfnis nach etwas Frische am Körper und ich schätze, dass es den Reiseultras nicht anders geht. Die Panik bei der Gepäcksuche hat nämlich einen komischen Geruch zu dem „Ich-rieche-wie-ein-Iltis-Duft” des langen Fluges hinzugefügt und auch der Pelz auf der Zunge lässt sich nicht mehr lange ignorieren.
Also, nichts wie ab in unser Hotel, dem Oubangui in Bangui.
Das gleiche Ziel haben natürlich auch unsere feiernden Basketballer, die samt Fans nun auch in das Hotel fahren und sicherlich dort lautstark weiterfeiern werden.
Irgendwie tröstet mich diese Tatsache rein visuell etwas.
Ich schätze, es gibt hier in Bangui nicht so viele Hotels, die die Bezeichnung „Hotel“ verdienen. Unseres befindet sich jedenfalls am Grenzfluss zur Demokratischen Republik Kongo und hat somit zumindest eine sehr schöne Aussicht.
Am liebsten hätte ich mich in den Kreis dieser kräftigen und gutaussehenden Sportler begeben, um mich trösten zu lassen, aber stattdessen nehmen mich die Reiseultras in ihre Mitte und betütteln mich, als wäre ich das Küken in der Gruppe.
Okay, ich bin das Küken in dieser Gruppe und ich brauche im Augenblick auch wirklich Trost und Zuspruch, aber das würde ich mir doch nie anmerken lassen. Nur weil ich wie ein Häufchen Elend mit dem Kopf auf der Hotelbar liege, ist das noch lange kein Grund, zu denken, ich hätte die Lage nicht im Griff. Schließlich habe ich an der Rezeption doch schon eine neue Reisezahnbürste und einen Kamm bekommen. Mit dem Kamm kam ich zwar nicht durch meine vom Flug verfilzten Locken, aber dafür kann ich mir nun ohne Zahnpasta die Zähne putzen. Juchhu!
Außerdem hat jeder meiner Reiseultras ob meines mitleiderregenden Aussehens eine Spende aus seinem Gepäck zusammengesucht.
Ich glaube, damit wollen sie mich aufheitern und mir zeigen, dass wir nun als Team unterwegs sind und uns gegenseitig helfen.
Aber – ich muss ehrlich sein – nicht jede lieb gemeinte Hilfe ist auch eine willkommene Hilfe.
Da wäre zum Beispiel ein Schlüpfer in Matschgrün – ich werde nicht verraten, wer ihn mir gerade über den Bartresen schiebt, um dessen Privatsphäre zu schützen.
Bei meiner aktuellen Unterhose schwöre ich, dass ich nur im allergrößten Notfall auf dieses matschgrüne Ding zurückgreifen werde. 24 Stunden maximal hält mein modischer roter Slip schon noch aus.
Dann bekomme ich gerade noch ein paar Wandersocken gereicht, denn ich habe zwar Wanderschuhe an, trage aber Thrombosestrümpfe. Und glaubt mir, nach 24 Stunden auf Achse will man diese Strümpfe ausziehen und nie wieder anziehen. Meine Waden haben schon das Muster der Thrombosestrümpfe als Tattoo übernommen und ich bezweifle, dass ich ohne Hilfe der 15 Basketballer je wieder aus diesen Strümpfen rauskommen werde.
Somit freue ich mich über meine neuen alten Wandersocken, auch wenn sie irgendwie riesig aussehen und die Hacke mir sicherlich um die Knöchel schlottern wird.
Auch ein frisches T-Shirt bekomme ich gereicht und zusätzlich noch ein Unterhemd in Feinripp. Und spätestens an dieser Stelle stürzt sich mein Stylinggott von seiner Wolke, um nicht erleben zu müssen, dass ich all das je anziehe. Aber wie war das noch mit der Not, dem Teufel und den Fliegen? Ich hoffe einfach, dass ich morgen früh aufwache, weil es an meiner Zimmertür klopft und dort hinter der dreifach verrammelten Tür mein wunderbarer schwarz-gelber Rucksack auf mich wartet.
Jetzt hole ich mir noch ein Bier an der Hotelbar, da es keine Cocktails gibt, und versuche, jemanden zu finden, der schon betrunken genug ist, um mir freiwillig aus meinen Thrombosestrümpfen zu helfen.
Wo ist der Kapitän der Basketballer?
Kapitel 7
Seifenblasen
Die gute Nachricht ist, dass es 6:00 Uhr morgens ist und es tatsächlich an meiner Tür klopft. Gehen Träume hier etwa so schnell in Erfüllung?
Ich springe schnell aus dem Bett und öffne voller Vorfreude die Tür.
Tja, die schlechte Nachricht ist, dass es nicht der Hotelpage mit meiner Kraxe ist, auch nicht der Kapitän der Basketballer, sondern Bernd, der mir lächelnd einen Streifen aus seiner Zahnpastatube anbietet. Er ist schon ein Schatz, aber wäre mein Leben eine Seifenblase, würde es jetzt gerade ganz lautstark „Bumm!“ machen.
Bernd sieht mir meine tiefsitzende Enttäuschung und Panik noch nicht mal an. Das liegt vielleicht auch daran, dass ich mich eigentlich auch tierisch freue, endlich wieder etwas richtige Zahnpflege vornehmen zu können. Denn eine Zahnbürste ist nur halb so sinnvoll ohne Zahnpasta. Und in meiner Welt gehört Zahnpflege zu den absolut lebensnotwendigen Dingen.
Nun aber erst einmal eins nach dem anderen: zuerst die Beißerchen auf Hochglanz bringen, dann zum Frühstück erscheinen und überlegen, was ich nun mit meiner geplatzten Seifenblasen-Realität mache.
Der Frühstückssaal ist entsprechend der Hotelgröße riesig, das Buffet dagegen eher übersichtlich.
Ich habe schon einiges an Buffets erlebt. Da gab es welche, die hatten einfach alles, inklusive eines Live-Cooking-Bereichs, wo es die Spiegeleier deiner Träume gab. Und es gab diese Buffets, die frisch aus der Plastikverpackung vom Supermarkt entsprungen schienen: zwei Sorten Wurst, noch in der gleichen Position mit Liegefalten wie in der Supermarktverpackung, und zwei Sorten Käse, die beide nicht nach Käse schmeckten.
Aber ich bin da eher anspruchslos, solange ich einen kräftigen und wohlschmeckenden Kaffee dazu bekomme. Der bittere Geschmack manches Hotelkaffees tötet ja sowieso jeden anderen Geschmack ab und verhilft einem zu einer wunderbaren Neutralität beim Essensgenuss.
Also, die Riechkolben aktivieren auf der Suche nach Kaffee und schon mal einen Blick auf das Buffet werfen.
Hier erwartet mich wie gesagt ein sehr übersichtliches Frühstücksbuffet. Für uns fünf gibt es genau sechs Brötchen, ein Marmeladenglas mit etwas Rotem drin, zwei Scheiben Wurst und vier Scheiben Käse.
Insgeheim mache ich ja die Basketballer für die Leere am Buffet verantwortlich. Aber eigentlich ist dies unmöglich, denn die Jungs haben bis weit nach Mitternacht gefeiert beziehungsweise sich von ihren Fans feiern lassen. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass sie schon vor uns aufgestanden sind und das Buffet abgegrast haben.
Bei aller sportlicher Disziplin gehe ich dennoch davon aus, dass sie aktuell stark verkatert in ihren Betten liegen und sich fragen, wer da wohl neben ihnen liegt. Hier wäre ich schon gern Mäuschen und hätte danach den örtlichen Tratschsender angerufen, um meine Story teuer zu verkaufen.
Doch zurück zu meinem ersten afrikanischen Frühstück.
Wir fünf schauen gleichzeitig auf das Buffet und dann auf uns und beschließen gemeinsam, schnell über ein paar Diäten nachzudenken. Jeder nimmt sich sehr zurückhaltend seinen Anteil am Ganzen, doch ich suche lieber schnell die Kaffeestation mit dem schwarzen Glück. Nicht, dass mich hier die nächste Enttäuschung erwartet.
Na ja, zumindest gibt es hier sehr viel Geschirr. Denn während die Speisenauswahl begrenzt ist, kann das Geschirr an schätzungsweise 100 Gäste aufgeteilt werden und es wären immer noch Tassen und Teller übrig.
So finde ich zufrieden auch meine Tasse und fülle sie mit etwas, das laut Beschreibung Kaffee sein soll. Doch selbst ich als bekennender Kaffeejunkie komme hier an meine geschmacklichen Grenzen. Der Kaffee ist so stark, dass augenblicklich mein Blutdruck in gefährliche Höhe schnellt und sich meine Pupillen wie nach einer langen Nacht im Berghain weiten. Autsch, das ist verdammt heftig. Zumindest bin ich nun trotz der frühen Morgenstunde, die mir so gar nicht liegt, hellwach und bereit, die Airline durch den Telefonhörer zu ziehen.
In diesem Moment kommt allerdings unser Guide Jude herein. Er hatte sich gestern schon kurz auf dem Flughafen vorgestellt, was ich aber nur ganz nebenbei registriert hatte. Ich war ja schließlich anderweitig – mit Panik und Todesängsten – beschäftigt.
Jedenfalls gibt er mir gerade nochmals seine Visitenkarte, laut der er ein Managing Director ist.
An ihn sollen wir uns nun mit all unseren Sorgen und Fragen wenden?
Ich kann mich an dieser Stelle nur mühsam zurückhalten, nicht gleich meinen ellenlangen Fragenkatalog zu präsentieren.
Ich lass lieber den erfahrenen Reiseultras den Vortritt, die allerdings so unwichtige Dinge hinterfragen wie:
„Gibt es die Möglichkeit, noch zusätzliche Gorillatrackings zu buchen?“
„Welche der habituierten Gruppen werden wir sehen?“
„Werden wir die Ba’Aka in ihren Dörfern erleben?“
Okay, das sind nicht gerade meine aktuell wichtigsten Fragen. Denn weder weiß ich, was „habituiert“ bedeutet, noch wer die Ba’Aka sind. Aber diese Fragen will ich jetzt nicht stellen. Könnte peinlich für mich werden, denn ich sehe als einzige Person hier wie ein wandelndes Fragezeichen aus. Also, Klappe halten und den Antworten lauschen. Ich komme mir vor wie in einem Vortrag der renommiertesten Primatenforscher der Welt, den ich aber nicht gebucht habe.
Ich hätte vielleicht doch lieber alle Merkblätter und Reiseführer vor dem Urlaub lesen sollen.
Meine Fragen sind deutlich einfacher: „Wo ist mein Gepäck?“ und „Wann bekomme ich mein Gepäck zurück?“
Aber darauf kommt Jude offensichtlich nicht von allein. Zuerst einmal muss er uns allen nämlich „eine schlechte Nachricht“ überbringen, so sein Wortlaut.
Der im Tourenverlauf stehende Privatcharterflug nach Bayanga wurde gestrichen. Warum, verrät uns Jude nicht, sodass nun diese neue Tatsache im Raum steht.
Und dabei hatte ich mir diesen Flug wegen der Beschreibung „Schon im Flugzeug werden Sie von der scheinbaren Unendlichkeit des Regenwaldes fasziniert sein!“ als Highlight in meinem gedanklichen Kalender angekreuzt und mich darauf gefreut. Ich sah mich schon wie ein Promi in diesen Flieger steigen und ganz romantisch über den Regenwald in Richtung Südwesten dem Sonnenuntergang entgegenfliegen. Ich wollte den Flug über meinen ersten Regenwald richtig genießen und dabei von Abenteuern träumen.
Und schon wieder macht eine Seifenblase ganz laut „Bumm!“.
Stattdessen eröffnet uns Jude relativ nüchtern, dass die einzige Alternative eine interessante Fahrt mit dem Auto wäre. Es erwarten uns ungefähr 600 Kilometer, die bestimmt recht anstrengend sein werden.
Jude spricht von zehn bis zwölf Stunden Fahrt und empfiehlt, dass wir uns lieber sofort auf den Weg machen.
Wieso sollte man für 600 Kilometer denn zwölf Stunden brauchen?, frage ich mich. Da müssten wir ja schleichen oder besser gleich laufen! Da ist sogar jeder Bummelzug schneller.
Ich schätze, dass wir alle richtig gespannt sind, was auf uns zukommt.
Das sieht uns Jude offensichtlich an und beruhigt mich, dass wir auch ein paar interessante Stopps machen werden und ich mir auch etwas kaufen kann, da mein Gepäck ja leider immer noch „lost“ ist. Diese für mich unendlich wichtige Information streut er so nebenbei ein, dass ich sie fast überhört hätte.
Sofort bin ich wieder im Panik-Modus. Jude sollte gefälligst vorher einen Trommelwirbel auslösen, die Glocken läuten und vor allem mir vorher die Gelegenheit geben, mich zu setzen, bevor er solche Pläne verkündigt.
Natürlich tröstet mich die Aussicht auf meine Lieblingsbeschäftigung, das Shopping, etwas über die zu erwartende Reisezeit hinweg. Irgendeinen Vorteil musste es ja haben, dass mein Gepäck noch nicht da ist.
Und nun ist mir auch schlagartig klar, warum wir so viel Zeit für 600 Kilometer benötigen. Es braucht ja schließlich Zeit, wenn ich durch die Läden schlendere und mir zumindest das Notwendigste besorge.
Prompt schüttet Jude auch noch einen Eimer Optimismus über mir aus und versichert, dass die Fluggesellschaft natürlich informiert ist und mir bestimmt das Gepäck dann nach Bayanga nachsenden wird.
Wird schon alles klappen!
Also, einen Tag im Auto in meinem knalligen, inzwischen stinkenden T-Shirt werde ich schon noch aushalten.
Tja, und meine Reiseultras müssen es halt einfach mit mir aushalten. Die sitzen nämlich neben mir in ihren schicken, frisch gebügelten Dschungel-Tarn-Bekleidungen und duften nach Duschgel.
Ganz ehrlich, ich finde es super, dass ich aktuell so auffalle. Ich bin nicht zu übersehen in diesem Einheits-Khaki und strahle so mehr Optimismus und Freude aus, als ich tatsächlich gerade empfinde. Aber das allein hebt meine Stimmung und so kann es von mir aus losgehen.
Nun noch schnell unsere Sachen packen und ab in die Jeeps.
In meinem Fall ist das Packen in fünf Minuten erledigt. Wenn man mit leichtem Gepäck reist, ist halt auch schnell gepackt.
Die verbleibenden Minuten nutze ich dafür, noch mal meine wenigen Habseligkeiten zu inspizieren.
Da wären zunächst meine Handys. Ich erinnere mich, dass ich ganz oben auf meine heutige Shoppingliste eine SIM-Karte setzen muss, damit ich endlich mal wieder mit der Heimatbasis telefonieren kann. Allerdings sollte ich auch gleich daneben schreiben, dass ein Ladekabel auch nicht schlecht wäre, denn das befindet sich nicht im Handgepäck.
Keine Ahnung, ob die hier einen Mediamarkt haben, aber ich hoffe einfach mal darauf. Notfalls muss ich die anderen interviewen, was für Ladekabel sie dabeihaben.
Außerdem habe ich meine vordesignten Gorilla-Postkarten inklusive Stift und umfangreicher Adressliste, ein Notizbuch für meine Gedanken während dieser Reise, meinen Fotoapparat, natürlich auch ohne Ersatzakku und Ladekabel, eine lilafarbene Softshelljacke und eine knallrote Fleecejacke im Gepäck.
Mit diesem Equipment gehe ich weder als getarnter Abenteurer durch, noch sehe ich irgendwelche sinnvollen Dinge in meiner Tasche, die mein Überleben gewährleisten könnten. Nicht einmal die Malariatabletten habe ich im Handgepäck deponiert und damit geht meine Prophylaxe den Bach hinunter. Aber Hauptsache, ich kann Postkarten schreiben und ein paar erste Fotos machen, bis der Akku leer ist.
Ich sag’s jetzt mal ganz laut: Das nächste Mal achte ich mehr auf die Zusammenstellung meines Handgepäcks. Allerdings befürchte ich, dass ich dann einfach den großen Rucksack mit ins Handgepäck nehmen würde und den kleinen Rucksack und die Gürteltasche aufgeben würde. Das wiederum dürfte zu endlosen Diskussionen mit den Flughafenangestellten führen und so muss ich doch noch etwas an dieser Strategie feilen.
Aber jetzt soll es endlich losgehen ins große Abenteuer.
Vor dem Hotel stehen zwei große blütenweiße Pick-ups und erwarten uns für 600 Kilometer durch den Regenwald.
Die Sonne scheint und wir haben noch angenehme Temperaturen, sodass mir das T-Shirt und die enge Hose noch nicht an der Haut kleben.
Ich bin bereit für dieses Abenteuer und den heutigen Shoppingtag. Mal sehen, was mich erwartet.
Kapitel 8
Wie ein Sack Mehl
Der Geruch von einem frischen Croissant und einer frisch gebrühten Tasse Kaffee ist wirklich durch nichts zu überbieten.
Und so sitze ich gerade völlig unerwartet in Bangui in einem kleinen Café, schaue auf die belebte Straße und lasse die Eindrücke der Stadt auf mich wirken.
Es ist ein geschäftiges Treiben. Viele Menschen laufen kreuz und quer und auch verhältnismäßig viele Autos sind unterwegs. Die Abgasgerüche trüben den romantischen Touch dieses Moments etwas, aber das stört mich nicht.
Mal ganz davon abgesehen, dass ich jetzt eigentlich mitten im Abenteuer stecken sollte, finde ich diesen Zwischenstopp nicht übel und bewerte ihn als guten Anfang eines wunderbaren Shopping- beziehungsweise Fahrtages.
Jude hatte keine fünf Kilometer nach unserem Start an einer Autowerkstatt angehalten, denn es muss wohl noch irgendetwas an der Ölleitung repariert werden.
Und so beginnt die Reise gleich mal mit einer Autoreparatur, obwohl wir noch nicht einmal wirklich gestartet sind.
Das mit dem langen, langen Fahrtag leuchtet mir immer mehr ein.
Doch laut Judes Aussage soll die Reparatur nicht lange dauern und so genieße ich einfach den ungeplanten Kaffee und das Croissant. Außerdem hat mir Jude versprochen, mit mir gleich noch schnell eine SIM-Karte zu kaufen. Denn mit meinem deutschen Handy habe ich bisher keine Verbindung zur Heimatbasis herstellen können.
Und dabei habe ich doch so viel zu erzählen. Ich befürchte, dass Marc und meine Eltern sich aktuell gegenseitig im Stundentakt anrufen, um zu fragen: „Hast du schon etwas von Alex gehört?“
Vielleicht haben sie auch schon Interpol mit einer Suchmannschaft losgeschickt. Das könnte ich mir glatt vorstellen, denn auch für meine Eltern ist es das größte Abenteuer ihres Lebens. Und das als rein passive Teilnehmer, denn ihr eigenes Abenteuerlevel bleibt im nicht erwähnenswerten Bereich.
Da kommt auch schon Jude und winkt mir, dass ich mal schnell mit in die Werkstatt kommen soll.
Gibt es da etwa SIM-Karten? Ich bin gerade etwas verwirrt, muss jedoch zugeben, dass ich auch positiv überrascht bin. Hier hätte ich wohl als Letztes nach einer Telefonkarte gesucht.
Aber laut Jude sei es völlig normal, denn in Afrika gibt es überall SIM-Karten zu kaufen und eigentlich hat auch jeder welche in Reserve.
Und so verkauft mir auch der Werkstattinhaber gleich eine zum „special price“.
Ich habe so eine Ahnung, dass es nicht der offizielle Verkaufspreis ist, aber da ich eh mit der Währung noch nicht klarkomme, und es mir sehr preiswert erscheint, willige ich ein.
Und schwups habe ich eine SIM-Karte der Zentralafrikanischen Republik. Das ist so unglaublich aufregend für mich, dass ich mehrere Versuche benötige, um die SIM-Karte in mein Zweithandy zu stecken. Sofort habe ich Empfang und ich strahle über beide Wangen, als hätte ich gerade den Jackpot geknackt. Wenn ich demnächst mal eine Minute Ruhe habe oder auch zehn oder hundert, werde ich gleich zu Hause anrufen und Interpol zurückpfeifen.
Doch zuerst geht es in unser spontan repariertes Auto und los geht der Trip.
Inzwischen haben wir nun seit einer halben Stunde die Hauptstadt hinter uns gelassen und das Straßenbild hat sich komplett gewandelt.
Ich schaue somit seit einer halben Stunde aus dem Fenster und sehe nur noch Grün und Rostbraun. Grün ist der Regenwald und das beruhigt ungemein. So sehr, dass ich schon mehrfach kurz davor war, wegzunicken.
Ich finde die Natur ja auch bemerkenswert und spannend, so ist es nicht, aber aktuell fordert der Schlaf einfach seinen Tribut. Die feiernden Basketballer und meine Gedanken über meine Gepäcklosigkeit haben mich letzte Nacht wachgehalten.
Rostbraun sind übrigens die Straßen, seitdem wir den Asphalt hinter uns gelassen haben. Eigentlich endet direkt mit der Hauptstraße durch Bangui auch der Asphalt. Seither fahren wir über den blanken Boden und der ist nicht so glatt und ebenerdig wie eine Autobahn.
Auch das trägt dazu bei, dass ich so wunderbar schläfrig werde. Ich fühle mich wie ein Baby im Kinderwagen mit Blick in die Blätter der Bäume und einem ordentlichen Geruckel aus Mamas Handgelenk über die Waldwege hinweg.
Plötzlich knallt es und ich werde mit der Stirn voraus gegen die Scheibe meiner Tür gedrückt.
Okay, jetzt bin ich wieder wach, aber warum stehen wir nur Zentimeter entfernt von einem riesigen Regenwaldbaum?
Alle im Auto schauen geschockt und prüfen gleichzeitig, ob alle ihre Körperteile noch heile sind.
Ich bin beruhigt, denn sowohl das Fenster als auch mein Kopf scheinen keinen Schaden davongetragen zu haben. Aber was ist gerade passiert? Wir steigen alle aus und schauen uns erst einmal das Auto genauer an.
Kurz vor uns hat nun auch unser zweiter Geländewagen angehalten.
Die anderen Reiseultras und deren Fahrer kommen zu uns gelaufen und schütteln ebenfalls entsetzt die Köpfe.
Irgendwie sind wir scheinbar von der Straße abgekommen und ins Schleudern geraten.
Unser Fahrer konnte nur mit Mühe und Not einen Überschlag vermeiden. Allerdings ist dabei wohl die Vorderachse gebrochen und nun schaut ein Teil der Achse vorn aus dem Kotflügel heraus.
Das, glaube ich, ist technisch so nicht vorgesehen. Und ich habe auch gleich einen schönen Spruch bezüglich Kotflügel und dem Zusammenhang mit dem „Scheiß-Unfall“ parat.
Den will aber irgendwie gerade niemand hören, denn unsere Fahrer und Jude diskutieren wie wild über das Dilemma. Natürlich in ihrer Landessprache, damit ich danebenstehe und nur Bahnhof verstehe.
Wenn ich aber richtig in ihrer Mimik lese, ist es ausgeschlossen, dass wir das schnell mal bei Kaffee und Croissant in der Werkstatt von heute früh reparieren lassen können.
Ich persönlich hatte noch nie einen Achsbruch. Das mag vielleicht auch daran liegen, dass ich gar keinen Führerschein besitze, geschweige denn ein Auto. Ich bin irgendwie bisher auch ohne eine Fahrerlaubnis durchs Leben gekommen und hatte auch nie genug Geld übrig und zeitgleich genug Willen, um die Fahrstunden und die Fahrprüfung über mich ergehen zu lassen.
Aber nun stehe ich hier im Dschungel in der Zentralafrikanischen Republik und frage mich, wie solch eine Autoreparatur aussehen könnte. Dies erklären mir natürlich die erfahrenen Reiseultras, die offensichtlich alle nebenbei auch noch Automechanikerinnen beziehungsweise Automechaniker sind:
„Oh, das wird schwierig!“
„Da muss man ja die ganze Vorderachse austauschen!“
„Sieht ganz so aus, als wäre auch der Motorblock beschädigt.“
Also, ich sehe nur ein kaputtes Auto und ratlose Gesichter.
Jude ist inzwischen dazu übergegangen, wie wild zu telefonieren.
Ich schätze, er ruft den ADAC an. Wir sind höchstens erst 50 Kilometer gefahren, da sollte Hilfe bald da sein.
Mich beunruhigt eigentlich nur, dass Jude während der vielen Telefonate immer debil grinsend, vielleicht auch mitleidig grinsend in unsere Richtung schaut. Doch, ich schätze, dass er auch noch unter Schock steht.
Gerade ist übrigens ein LKW mit ungefähr 100 Einheimischen an uns vorbeigefahren.
Ich frage mich , wie so viele Menschen auf einen LKW passen, aber hier scheint dies völlig normal zu sein. Sie sitzen auf dem Dach und auf der Ladefläche, halten sich an den Seiten fest. Selbst hinten auf der Anhängerkupplung stehen noch zwei und fahren mit.
Was auffällt ist jedoch, dass uns alle beim Überholen laut ausgelacht haben. Das war kein freudiges „Hallo“, sondern ein Auslachen mit ausgestreckten Fingern in unsere Richtung.
Vielleicht hätten wir vorhin beim Überholen dieses LKWs nicht so viel Staub aufwirbeln sollen, den die 100 wohl schlucken mussten. Dann hätten wir bestimmt etwas mehr Mitleid von ihnen geerntet, statt dieses spöttischen Gelächters.
Jude hat nun endlich aufgehört zu telefonieren und ruft uns zusammen. Ich denke, er will uns motivieren, einen kleinen Spaziergang zu machen, bis der ADAC kommt.
Aber nein, er kommt mal wieder mit schlechten Nachrichten um die Ecke. Erstens gibt es hier scheinbar keinen ADAC, wie ich auf Nachfrage erfahre und zweitens würde die Reparatur wohl mehrere Tage dauern. Drittens kann er so kurzfristig keinen Ersatzwagen besorgen und viertens müssen wir nun eine wichtige Abenteurerentscheidung treffen: Entweder wir fahren zurück nach Bangui und warten dort ungefähr zwei bis drei Tage auf die Reparatur unseres Autos oder wir hoffen, dass doch noch ein Ersatzwagen vom Himmel fällt. Das würde aber auch bedeuten, dass wir das Gorillatracking in der Dzanga-Sangha verpassen.
Oder aber wir fahren mit nur einem Pick-up weiter und erleben die Reise so, wie sie ursprünglich geplant war.
Der Haken ist nur, dass wir mit Fahrer und Guide insgesamt sieben Personen sind, in das Auto aber nur fünf Personen passen. Schlussendlich müssen zwei Personen hinten auf der Ladefläche auf dem Gepäck sitzen und die verbleibenden 550 Kilometer überstehen.
Mein erster Gedanke ist, dass der Kunde König ist, was bedeuten würde, dass wir Kunden im Auto sitzen und Jude und der Fahrer hinten auf der Ladefläche. Aber damit hätten wir das nächste Problem: Wir hätten keinen Fahrer.
Egal, wie wir es drehen und wenden: Einer von uns muss zwangsläufig an der frischen Luft Platz nehmen.
Sofort kommen die anderen vier mit ihren altersgemäßen Gebrechen um die Ecke. Da hätten wir zwei Bandscheibenvorfälle, die mehr oder weniger lang zurückliegen, und diverse andere Rückenwehwehchen, Probleme mit den Knien und einen steifen Hals.
Während ich das so höre, frage ich mich, wie es die vier überhaupt hierhergeschafft haben.
Ich dagegen strotze nur so vor Gesundheit. Den gleichen Gedanken haben die Reiseultras offensichtlich auch.
Was bleibt mir also übrig, als hinten auf dem Gepäck Platz zu nehmen? Wird schon nicht so schlimm werden. Außerdem leistet mir Jude Gesellschaft und die frische Luft ist schön angenehm und nicht zu warm. Und von der Ladefläche aus habe ich auch einen unverbauten Blick auf die wunderschöne Natur, kann die Farben, die Geräusche und die Aussicht genießen.
So, von mir aus kann es losgehen! Ich habe mir eine Mulde in Daniels Tasche geruckelt und nehme keinerlei Rücksicht auf Gepäckinhalte, die zerbrechen könnten. Schließlich bin ich der Reiseultra, der völlig unverschuldet innerhalb von kaum mehr als einer Stunde den Privatjet gegen eine Pick-up-Ladefläche getauscht hat.
Zwei Stunden sind nun schon vergangen und wir haben gerade zum Mittagspicknick in einem kleinen Dorf angehalten.
Schon jetzt bereue ich meinen heroischen Einsatz auf der Ladefläche des Autos. Ich habe zwar die frische Luft und die Aussicht genossen, aber all das verliert an Schönheit bei all den Strapazen.
Ich spüre mein Gesäß kaum noch. Es fühlt sich eher so wie ein toter Teil meines Körpers an, abgestorben bei dem heroischen Versuch, einige Erschütterungen der sehr unebenen Fahrbahn abzufedern. Mein Hintern ist dabei gestorben und ich sitze nun hier im Schatten in einer kleinen Hütte und überlege, was ich auf seinen Grabstein meißeln lasse. „Der Arsch ist im Arsch!“ wäre hier vielleicht ein sinnvoller Titel.
Doch vielleicht ist es noch nicht ganz verloren, mein Hinterteil, denn während ich hier auf einem echten Stuhl sitze, spüre ich tief in ihm noch etwas Leben. Es kribbelt und verlangt nach Bewegung, die nichts mit Auf- und Abhüpfen zu tun hat.
Dies nutze ich gleich zum Aufstehen und Umschauen. Mein allererstes afrikanisches Dorf liegt vor mir und muss von mir erkundet werden.
Da wäre zunächst einmal das uns angebotene Mittagsmahl. Wir haben die Wahl zwischen frischen Maden, die alle die Größe von ausgestreckten Mittelfingern haben, und einem Sandwich.
Ich habe selten in meinem Leben so schnell eine Entscheidung getroffen. Natürlich gibt es Sandwich für mich und auch für die anderen Reiseultras – auch wenn ich nicht sicher bin, woraus der Belag dieser Brote besteht. Ich glaube beziehungsweise hoffe, dass es Thunfisch ist und damit zumindest ein totes Tier.
Die Raupen hingegen haben zwar uns überlebt, scheinen aber grundsätzlich hier der Verkaufshit zu sein. Denn gleich neben unserer Rasthütte ist ein kleiner Markt, wo jede zweite Frau auf einem großen Tablett Raupen verkauft.
Alle leben noch, sowohl die Frauen als auch die Raupen, und ich befürchte, dass die Raupen hier als Delikatesse verspeist werden.
Ich schwöre beim Leben meines ersten Meerschweins aus Kindertagen, dass ich ab sofort immer den Belag der Sandwiches auf dessen Zusammensetzung prüfen werde. Nicht, dass mir jemand einfach eine Made unterschummelt.
Ich bin noch nicht so weit, alle Bräuche des Dschungels zu übernehmen. Schließlich reise ich erst seit knapp zwei Stunden wie ein Einheimischer auf der Ladefläche.
Bevor es damit weitergeht, will ich schnell noch ein paar Bilder von dem Marktgeschehen und den Einheimischen machen.
Um uns hat sich inzwischen eine Gruppe von Kindern eingefunden, die uns neugierig beäugen.
Ich muss schon zugeben, dass afrikanische Kleinkinder das Zuckersüßeste sind, was es so zu beäugen gibt.
Dies findet wohl auch Richard, der eine große Packung Kekse aus seiner Tasche zaubert und unter den Kindern verteilt.
Und alle Kinder, ob Jungs oder Mädchen, ob drei oder 16 Jahre alt, sind völlig aus dem Häuschen und begutachten ihren Keks, als wäre er ein Fünf-Gänge-Menü in einem Sternerestaurant.
Ich weiß nicht, ob ich je wieder einfach ganz allein eine ganze Packung Kekse verdrücken kann, ohne an diesen Moment zurückdenken zu müssen. Für meine Hüften und mein Gewissen wäre es sicherlich wünschenswert, wenn ich etwas zurückhaltender wäre.
Doch ich bleibe realistisch und nehme ich mir zumindest vor, jeden Keks ab sofort mit der gleichen Begeisterung zu genießen wie diese Kinder hier. Es ist einfach so bezaubernd anzuschauen und das Glück schwappt förmlich auf mich über.
„Geteilter Keks, doppeltes Glück“, resümiere ich diesen Moment.
Und während ich so in Gedanken diese glücklichen Kinder bewundere, ruft auch schon Jude zur Weiterfahrt.
Na, dann mal los. Ich und mein erwachter Hintern nehmen wieder Platz auf der Ladefläche und wir versuchen, die Stellung zu halten und die Fahrt zu überstehen.
Ich schaffe es hier hinten nicht einmal einzudösen, obwohl sich mittlerweile nicht nur mein eingeschlafener Hintern nach Schlaf sehnt. Ich werde durchgeruckelt und der Wind weht mir ständig die Locken ins Gesicht.
Auch ist es hier laut, sodass ich noch nicht einmal Jude mit meinem bisherigen Leben langweilen kann. Ich kann auch nicht telefonieren, was vielleicht auch besser so ist. Denn inzwischen bin ich selbst schon bereit, Interpol anzurufen und eine Rettungsmission zu organisieren.
Auch halten wir ständig an und müssen immer wieder aussteigen. Entweder, weil die „Straße“ so schlecht ist, dass der Fahrer nur ohne verletzungsgefährdete Menschen weiterfahren will, oder weil wir einfach zu schwer sind und einsinken würden.
Einmal ist eine Brücke so provisorisch, dass sie nur aus zwei Latten besteht.
Wir gehen zu Fuß rüber und geben dem Fahrer Anweisungen: „Etwas weiter rechts!“, „Nein, links!“, „Stopp!“ …
Wenn sechs Leute gleichzeitig Zeichen geben und durcheinanderrufen, kann ich dem stoischen Fahrer, der dies alles ignoriert, eigentlich nur meinen Respekt zollen.
Bis jetzt ist zumindest alles gut gegangen. Nur stehen wir gerade schon seit 20 Minuten an einer recht schlammigen Passage unserer Straße. Vor uns stecken vier LKWs samt Anhänger fest und blockieren die sogenannte Straße.
Der Schlamm ist hier so ausgefahren, dass ich langsam meine Zweifel habe, ob wir jemals durchkommen werden. Links und rechts ist Dschungel und so gehen uns die Optionen irgendwie aus.
Doch sowohl Jude als auch unser Fahrer bleiben entspannt und beobachten erst mal die anderen Fahrzeuge während ihrer Versuche, die Passage zu durchfahren.
Mein erster afrikanischer Stau. Welche Spurrinne durch den Schlamm ist wohl die beste, um an der LKW-Blockade vorbeizukommen?
Ich kann nur sagen, dass ich weder eine gute noch eine akzeptable Lösung sehe. Aber ich bin auch nicht der Fahrer. Also: Augen zu und durch!
Unser Fahrer nimmt Anlauf, begibt sich in eine gefährliche Schräglage halb am Hang und donnert dann mit Vollgas durch die Schlammpfützen. Ich habe keine Ahnung, wie er es gemacht hat. Doch er hat es tatsächlich geschafft. Sogar mein Gepäcksofa hinten auf der Ladefläche ist trocken geblieben.
Nun kann es weitergehen und so nehmen wir wieder unsere Positionen im oder auf dem Auto ein.
Inzwischen ist es schon 20 Uhr und wir sind seit insgesamt zwölf Stunden unterwegs.
Immer wenn ich Jude frage, wie weit es noch ist, lächelt er sein breites Perlweiß-Lächeln und hebt die Schultern.
Das ist ein Auskunftsverhalten, das ich definitiv nicht leiden kann.
Am liebsten würde ich ihn schütteln und zur Auskunft zwingen, aber ich kann mich nicht mehr rühren und bin völlig kraftlos.
Ich erinnere mich an meine Eltern in Situationen, wenn ich als Kind auf Wanderungen immer wieder fragte: „Wie lange dauert es noch?“
Sie antworteten mir dann immer und immer wieder: „Nur noch eine Kurve, dann sind wir da!“
Und ich glaubte es, auch wenn nach der zehnten Kurve immer noch nicht das Ziel in Sicht war.
Jetzt starre ich in Judes Lächeln und wünsche mir, er würde mir genau diesen Satz sagen: „Nur noch eine Kurve, dann sind wir bestimmt da!“
Vor zwei Stunden ist die Sonne untergegangen, was hier gleichzeitig absolute Nacht bedeutet.
Die einzige Laterne, die uns den Weg leuchtet, ist der fast volle Mond am Himmel. Wenigstens ist nicht Neumond, aber auch mit diesem voll leuchtenden Mond ist mir schleierhaft, wie unser Fahrer mit 70 km/h hier seinen Weg findet. Die Straßen sind noch immer sehr schlecht, wenn auch nicht mehr so matschig.
Ich habe fürchterliche Angst, dass der nächste Achsbruch bevorsteht und ich dabei in hohem Bogen von der Ladefläche fliege.
Was wäre das für ein Tod?
Ich habe schließlich doch noch nicht einmal einen einzigen Gorilla gesehen. Ich bin einfach nicht bereit für solch ein Ende.
Inzwischen habe ich übrigens dank der Kühle der Nacht alle meine Klamotten an, was vielleicht einen Sturz etwas abfedern würde. Das sind zwar nicht viele Klamotten, aber sie reichen aus, um nicht zu erfrieren.
Mir fällt ein, dass Jude mir heute eigentlich einen Shoppingtag versprochen hatte. Vielleicht hat er nicht direkt das Wort „Shoppingtag“ gesagt, aber er hat mir versprochen, dass wir etwas für mich einkaufen können.
Doch bis jetzt habe ich weder ein Shoppingcenter noch ein Hinweisschild auf ein solches gesehen. Wenn wir das nächste Mal halten, werde ich mir Jude vorknöpfen.
Ich versuche nämlich schon seit Minuten, ihn zu fragen, aber er versteht mich einfach nicht – oder er will mich nicht verstehen.
Und meine Scharade ist wohl auch nicht so eindeutig. Obwohl ich ständig so tue, als ob ich Einkaufsbeutel schwinge, Geld in die Luft schmeiße und Spieglein, Spieglein an der Wand imitiere.
Jude will mich vermutlich einfach nicht verstehen.
Also ruckle ich weiter vor mich hin und ignoriere den Schmerz und die Kälte.
Vorn in der Fahrerkabine schlafen übrigens die Reiseultras und bekommen von alledem nichts mit.
Nur unser Fahrer ist wach. Eine Tatsache, die ich sehr begrüße. Allerdings schaut er für meine Verhältnisse nach zwölf Stunden Fahrt auffällig munter aus.
Ich schiebe es mal auf die vielen Erfahrungen auf solchen Reisen und den leckeren Kaffee, der hoffentlich in seiner Thermoskanne ist.
Gleich ist Mitternacht und unsere Tankanzeige blinkt rot. Das erklärt mir zumindest gerade Jude.
Wenn ich es mir so recht überlege, habe ich auf der gesamten Strecke noch nicht eine Tankstelle gesehen.
Aber Jude meint, dass wir im nächsten Dorf sicher etwas finden.
Dazu müssen wir allerdings erst mal das nächste Dorf finden.
Vor unsere natürliche Straßenlaterne namens Mond haben sich Wolken geschoben und somit ist eigentlich alles nur noch schwarz wie die Nacht. Und während ich das noch durchdenke, halten wir auch schon an und sind umringt von Hütten aus Lehm und Holz. Weit und breit kein Tankstellenlicht, keine Leuchtreklame und kein Hinweisschild.
Ich weiß nicht so recht, wie die beiden sich das jetzt vorstellen. Aber vielleicht gibt es ja auch nur einen Stromausfall in diesem Dorf.
Ein paar Dorfbewohner sind offensichtlich noch wach und kommen zu unserem Auto geströmt, kaum dass wir halten.
Unser Fahrer erklärt in seiner Landessprache sein Begehren und plötzlich stürmen fünf Männer los und kommen mit je einem Kanister wieder. Seid ihr euch sicher, dass da Benzin drin ist?
Ich meine, das könnte doch alles Mögliche sein!
Wir haben nicht einmal eine Lampe.
Aber Jude vertraut den Dorfbewohnern und der Kanisterinhalt wird in das Auto geschüttet, das heißt in den Tank. Dazu hält einer der Dorfbewohner ein Feuerzeug an den Tank, damit man ja nichts verschüttet.
Wenn mir noch einmal jemand erklärt, dass man an Tankstellen nicht mit Feuer hantieren darf, werde ich ab sofort diese Geschichte erzählen.
Ich hätte gern ein Foto gemacht, das glaubt mir ja sonst keiner.
Aber auch dafür ist es einfach zu dunkel.
Und so entferne ich mich sicherheitshalber ein paar Schritte vom Auto. Könnte ja sein, dass die üblichen Tankstellenschilder doch recht haben und Feuer am offenen Tank keine gute Idee ist.
Auch bin ich noch nicht bereit für den Heldentod.
Jedoch traue ich mich auch nicht zu weit weg, denn irgendwie ist es mir hier einfach zu dunkel und unheimlich.
Also wähle ich lieber eine gesunde Mitte aus „beim Tanken verbrannt“ und „im Dschungel verlaufen“.
Es ist inzwischen drei Uhr nachts, wir sind tatsächlich angekommen und vor mir steht ein Einwegglas mit einer Vogelspinne, die mir Gesellschaft leisten und mich gleichzeitig bewachen soll. Die Spinne sitzt steif auf einem Stück Holz und bewegt sich nicht. Das Glas hat einen Deckel und ich frage mich nur, wie mich diese Spinne beschützen soll.
Ich weiß nicht, ob ich das Ganze gut finde oder eher nicht. Denn eigentlich habe ich panische Angst vor Spinnen, was im Regenwald ein recht fragwürdiger Charakterzug ist. Überhaupt habe ich aktuell überhaupt keine Empfindung mehr, weder Freude noch Angst noch irgendein Gefühl in meinem Körper. Ich spüre rein gar nichts mehr.
Wir sind tatsächlich gerade in unserem Camp, der Sangha Lodge, angekommen, nachdem wir uns noch gefühlt dreimal verfahren haben.
Ich selbst bin nicht mehr fähig zu rechnen, aber einer der Reiseultras hat die Realität zusammengefasst:
Wir waren 19 Stunden unterwegs, um hierher zu kommen. Für mich bedeutet dies locker 17 Stunden auf der Ladefläche des Pick-ups.
Ich weiß nun endgültig nicht mehr, ob ich Männchen oder Weibchen bin. Ich weiß nur, dass ich ein Hinterteil habe, das unheimlich weh tut. Hätte ich ein Licht in meiner Hütte, würde ich sicherlich feststellen, dass es blitzeblau ist und leuchtet. Aber so, wie es mir jetzt geht, kann ich mich nur noch hinlegen.
Mir ist alles egal, selbst eine Vogelspinne direkt neben mir.
Die ausgeschlafenen Reiseultras von den vorderen bequemen Sitzen haben übrigens beschlossen, dass wir trotzdem morgen, äh heute, um sechs Uhr starten, um die Dzanga-Dingsbums zu besuchen.
Somit habe ich zumindest ein Gefühl, nämlich Wut. Ich verspüre gerade neben dem Schmerz das dringende Bedürfnis, jedem der vier eine Vogelspinne ins Bett zu werfen.
Doch selbst dafür bin ich zu müde, meine Rachegelüste müssen noch warten.