Manchmal komme ich auch pünktlich

Gleich vorab, um mich geht es nicht. Denn ich liebe die Pünktlichkeit und Unpünktlichkeit bringt mich wahrlich auf die Palme. Bevor ich Mutter der perfekten Ausrede für das Unpünktlichsein war, war ich immer auf die Minute zur richtigen Zeit am vereinbarten Ort. Wenn ich meine Zweifel hatte, ob ich es schaffe, wurde ein dermaßen großer Sicherheitspuffer eingebaut, dass ich garantiert viel zu früh da war.

Unpünktliche Menschen habe ich auch gerne mal schon eine Stunde früher einbestellt, damit sie es lernen. Allerdings musste ich auch lernen, dass sämtliche Erziehungsmaßnahmen bei UPÜ’s (selbstgefundene und jetzt offizielle Abkürzung) gar nichts bringen. Sobald sie nämlich merken, dass man sie umerziehen will, geht es garantiert nach hinten los und sie kommen noch später als sonst.

Ab sofort offizielle Abkürzung für den unpünktlichen Mitmenschen:

der UPÜ

Seit ich nun Mutter bin, kommt es tatsächlich auch mal vor, dass ich ein UPÜ bin. Allerdings fällt das keinem auf, da sie ja noch nicht da sind, wenn ich zu spät komme. Sie sind ja noch viel mehr UPÜ als ich. Ein furchtbar frustrierender Teufelskreis, dem ich nicht das Schnippchen schlagen kann.

Aber heute habe ich mal wieder meinen Tag mit dem unpünktlichsten Ding der ganzen Welt verbracht. Alle drei grauen Haare von Heute gehen definitiv auf deren Konto. Ihr kennt sie alle und habt garantiert schon einmal auf sie gewartet. Manchmal kommt sie einfach gar nicht und meistens nicht so wie erwartet. 

Ich merke gerade, wenn ich hier noch weiter in Hieroglyphen schreibe, könnten die Gedanken in eine ganz, ganz andere Richtung gehen. Also nun jetzt ganz deutlich: Es geht nicht um ein rein weibliches monatliches Problem, sondern um die gute alte Deutsche Bahn. Wirklich die größte UPÜ der ganzen unpünktlichen Welt.

Die DB sagt ja selbst, dass sie einen Fahrplan hat, ich nenne es eher ein „Wünsch-Dir-Was“ oder „Wenn-Sie-Glück-haben“ oder „Vielleicht“ oder „Dient der groben Orientierung“. Denn mit Planung hat dies nun wirklich gar nichts zu tun.

Ich bin ja leidenschaftlicher Autofahrer und so als Berufskraftfahrer kommen mal schnell 50.000-70.000 km im Jahr auf den Tacho. Aber weil ich ja auch ein Umweltliebhaber bin, akzeptiere ich den Slogan der Bahn mit dem „grünen Fahren“ und so pendele ich gerne die Strecke Leipzig – Hamburg mit dem Zug. Im letzten Jahr bin ich ganze 13 Mal diese Strecke so dahingependelt und ich muss sagen, in 11 von 13 Fällen war der sogenannte Fahrplan halt eben nur eine „Orientierungshilfe“.

So auch heute. Der Tag fing schon suboptimal an. Ich musste um 4:00 Uhr aufstehen und dies ist nicht mal ansatzweise meine Zeit. Mein Sohn wollte aber 3:20 Uhr nochmal mit mir kuscheln, was ich ja auch ca.fünf Stunden später toll fände. Also war ich wach und mein Sohn schlief neben mir wieder wunderbar ein. Um 4:00 Uhr habe ich dann endgültig aufgegeben und mich dann zu meinem Rucksack geschleppt und gedacht: bringen wir den Tag halt schnell hinter uns, kann ja im Zug auf meinem reservierten Sitz im „seien-Sie-gefälligst-still-Abteil“ noch etwas träumen. 

Doch als erstes leuchtet auf meinem Handy der Emaileingang: „Verspätungsalarm“. Da war es das böse Wort der UPÜ. Als ich die Email öffnete, wurde es noch schlimmer: „Achtung! Ihr Anschlusszug ab Berlin wurde gestrichen.“ Wollen die mich verarschen? Früh um vier mit solchen Nachrichten aufzuwarten? Das hat bei weniger ruhigen Personen schon Weltkriege ausgelöst. 

In meinem Fall spielte kurze Zeit der folgende Gedanke eine Rolle: „Okay, sie hatten wirklich ihre Chance, ich geh jetzt wieder ins Bett.“. Aber pflichtbewusst und vor allem pünktlich wie ich bin, freute ich mich über die Parallelinformation, dass ein Ersatzzug eingesetzt wurde. Natürlich nicht mit den von mir gebuchten Plätzen. Aber ähnlich wie bei dem Fahrplan ist wohl die Sitzplatzreservierung auch nur ein anderer Begriff für „rein theoretisch“. Ist ja auch nicht weiter schlimm, wenn man den am stärksten frequentierten Zug zwischen Berlin und Hamburg einfach mal ohne Sitzplatzreservierungen fahren lässt, natürlich in verkürzter Variante. Meine Theorie: Durch das kuschelige Beieinandersitzen in überfüllten Zügen werden Energiekosten gespart.

Oder die UPÜ ist eigentlich nur eine menschliches Teststudie über das Verhalten von verschiedenen Altersgruppen und Mentalitäten in Stresssituationen. Nur warum bezahle ich auch noch für die Studienteilnahme? Bekommt man da nicht normalerweise ein Schmerzensgeld und muss irgendwo vorher einwilligen?

Aber das Gute war, ich bekam tatsächlich einen Platz und kam auch in Hamburg an. Natürlich nicht pünktlich, aber davon geht ja schon gar kein Studienteilnehmer mehr aus. 

Kaum hat man also eine Zugfahrt überstanden, setzt auch schon die Demenz ein, ähnlich wie bei anderen UPÜ’s. Man hat sie wieder gern, redet sich ein: „bestimmt klappt es beim nächsten Mal besser“ und meint, alles wird gut.

Bei mir hielt der Zustand bis heute Abend an, als ich mich wieder auf den Weg zum Bahnhof machen wollte und wiedermal meine Emails checkte. Und da war sie wieder: Verspätungsalarm! Manchmal denke ich wirklich, irgendjemand sitzt da und hat mächtig Spaß in seinem Job als Emailschreiber für die UPÜ.

Kleiner Tipp für die Wirtschaftlichkeit: Lasst es mit den Verspätungsalarmen sein, nimmt eh keiner Ernst. Schickt eine Mail, wenn mal alles gut geht: „Hurra, heute waren wir pünktlich gemäß unserem tollen Fahrplan.“. Dies würde deutlich Zeit sparen, kommt ja selten genug vor und ich würde vielleicht sogar mal kurz schmunzeln. Aber andererseits würden für diesen Schritt scheinbar ca. 1.000 Stellen abgebaut werden müssen. Täte mir leid.

Um es vorweg zu nehmen, hätte ich mich auf diese Email verlassen und z.B. noch ein paar Schuhe gekauft (passiert mir regelmäßig am Bahnhof und die UPÜ will einfach diese Kosten nicht übernehmen), dann würde ich jetzt noch in Hamburg sitzen und mir ein Hotel suchen, denn eigentlich fuhr der Zug doch pünktlich ab. Okay ich hätte nicht wie ursprünglich geplant schon in Altona einsteigen dürfen, denn den Halt ließ die UPÜ einfach mal aus. Aber dafür fehlte halt wieder mal der halbe Zug. Natürlich der Teil mit meiner Sitzplatzreservierung. Oder ist es doch eine versteckte Spende für die armen Zugführer?

Denn eines muss ich sagen, bei all dem Puls den ich zwischenzeitlich an meiner Halsschlagader spüre, so habe ich doch uneingeschränktes Mitleid mit dem armen Zugpersonal. Sie versuchen immer Ruhe zu bewahren, sich um alle zu kümmern und jedem Rede und Antwort zu stehen. Wenn Sie wüssten wann der nächste Zug kommt, würden sie sich sicherlich davor stürzen. Aber ihnen geht es offensichtlich auch nicht anders als uns und sie wissen nicht, wann der Zug wirklich kommt.

Aber wenn man die selbstgeschriebenen Statistiken der UPÜ liest, gibt es eigentlich doch gar kein Problem. Das haben sie ja auch Greta geantwortet, die doch tatsächlich ein Bild gepostet hatte, dass sie auf dem Fußboden des Zuges zeigte. Ja, Greta wurde anschließend die erste Klasse angeboten und die UPÜ beschwerte sich, dass dies Greta nicht erwähnt hat.

Aber die Grundregel lautet: Lobe keinen UPÜ, der seine Unpünktlichkeit mit einer Einladung zum Eis, Sekt oder Schuheinkauf entschuldigen möchte. Die werden sonst nämlich übermütig.

Ich hatte auch schon mehrfach meine Greta-Momente auf dem Fußboden der UPÜ und ich schwöre Euch, mir wurde noch nie, nein wirklich nie eine Sitzmöglichkeit in der 1.Klasse angeboten. In der Regel war es eher so, dass ich wie oben geschrieben durch strategische Entscheidungen meine Sitzplatzreservierung verloren habe und sogar statt einem Alternativsitz nur den Teppich testen durfte. 

Aber ich bin ja nicht nachtragend und sage mir schon jetzt: „Nächste Woche versuchen wir es noch mal und ich stehe am besten um 3 Uhr auf, damit ich mit der Unpünktlichkeit der UPÜ irgendwie zurecht komme.“ Und so lange ich so reagiere, wird sich wohl auch nichts ändern. Ähnlich wie bei den unpünktlichen Freunden, die ich trotzdem lieb habe und immer wieder hoffe, sie kommen irgendwann zur vereinbarten Zeit.

Oder aber ich schaue mich nach Alternativen um. Meine liebe Stieftochter ist zum Beispiel letzten Samstag früh mit einem privaten Anbieter per Zug nach Berlin und zurück gefahren, für unglaubliche 15 EUR. Mit der UPÜ schaffe ich es trotz Bahncard nicht unter 50 EUR. Irgendwie verkehrte Welt, oder? Der andere Zug war übrigens auch noch pünktlich! Darauf buche ich doch glatt die nächste Zugfahrt und checke mal den „ich-wünsch-Dir-Was-Plan“.

Ein Kommentar zu „Manchmal komme ich auch pünktlich

Gib deinen ab

  1. Kenne ich. Abfahrt nach Hamburg 12.00 Uhr – Böschungsbrand. 13.30. getage noch zum Vortrag gekommen. ohne Vorher einzuchecken.
    Andermal im Winter . Von HH 6.00 los. Lok kaputt. 2 h in der Pampa . neue Lok, nun aber über Berlin statt Magdeburg. Hilt in Leutzsch, Auto am Hbh. Abholen lassen. Begeistert.
    Lg Wolfram

    Gefällt 1 Person

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