Ingriiiid, lass mich in Ruhe!

Ihr kennt doch alle die Werbung von dem Jobortal mit der genervten Ingrid. Aber eines muss ich loswerden, denn die Ingrid’s dieser Welt nerven in Zeiten von Corona ganz schön. Ständig diese flehenden Bitten, dass ich mich für einen Jobwechsel erwärmen soll, ständig diese Bittbriefe und -emails, dauernd Präsentkörbe, die der Postbote über den Zaun gibt und auch die vielen übersandten Gehaltschecks nerven irgendwie.

Okay ich gebe zu, dass sich meine eh schon herausragenden Skills, so sagt man doch heute, seit Corona deutlich verbessert haben und mein Lebenslauf nunmehr eher dem eines Superhelden ähnelt. Aber damit bin ich doch nicht allein?! Das geht doch eigentlich allen zur Zeit so, oder?

Früher erwähnte ich ja immer bei Interessen meine vielen Reisen quer durch die wunderschöne Welt, das Schreiben und das Fotografieren. Naja, da musste ich nun etwas die Interessen der aktuellen Lage anpassen. Während das Schreiben und Fotografieren bekanntermaßen noch drin ist, kann ich es mittlerweile ergänzen um den eigenen Blog und meine Likes bei der Pfützenfotografie. Allerdings musste ich das Thema Reisen komplett streichen. Weiß doch eh keiner mehr was damit gemeint ist. Und wenn ich erst anfangen muss, ein Hobby wie ein Relikt aus weit zurückliegenden Zeiten zu erklären, macht das auch keinen Sinn mehr. Komm mir vor wie ein ausgestorbener Dinosaurier, der von seiner Welt berichtet, wie sie einmal vor Jahrtausenden war. Aber als Hobby „schwärmen von alten Zeiten“ will ich nun auch nicht angeben. Also kommen wir mal zu den neuen Skills. Diese Lücke kann doch irgendwie gefüllt werden.

Zuerst einmal habe ich als Nebenjob nun den Job der Kindergartenerzieherung/Grundschul- bzw. Vorschullehrerin angenommen. Mein Sechjähriger will ja schließlich 24/7 bespaßt werden. Und wenn ich 24/7 schreibe ist das nicht nur ein einfacher Werbeslogan, sondern knallharte Übertreibung. Früher hat man mal gemütlich eine Kaffeepause gemacht, dabei kurz aus dem Fenster geschaut, vielleicht noch jemanden angerufen, doch heutzutage ist alles anders. So spielt man man schnell ein Brettspiel, baut eine Bude oder puzzelt ein 1000 Teile Puzzle zusammen. Am besten alles gleichzeitig und in der gleichen Zeit, wie ich sonst einen Kaffee getrunken habe. Mein Kaffeekonsum läuft gegen Null, dafür bin ich nun Brettspieljunkie geworden. Naja und da dank Corona nicht nur der Kindergarten, sondern natürlich auch die Vorschule dicht ist, übernehmen wir mal schnell auch noch den Job des Vorschullehrers. Ich hatte noch nie, nie, nie den Wunsch Lehrerin zu werden, wenngleich ihn doch sehr gerne coache. Aber dies hier ist eine ganz, ganz andere Nummer.

Da wäre zuerst einmal die Unterrichtsvorbereitung, die mehr Zeit in Anspruch nimmt, als die 45 Minuten Unterricht, die dann daraus werden. Endlich habe ich mal Verständnis für die Lehrergilde gelernt. Als Vorbereitung für die erste Klasse muss ich mich nun auf Deutsch und Mathematik, aber auch Heimat- und Sachunterricht, Kunst, Musik, Sport und Religionslehre vorbereiten. Naja, dann wird halt schon mal schnell nebenbei das Schreiben und Lesen beigebracht. In Mathe muss ich nicht viel tun, denn die Liebe zu Zahlen hat mein Sohn von seinen Eltern geerbt. Aber dann kommen wir schon an unsere Grenzen. In Heimatkunde gibts Geschichten von meinen Reisen und der großen wunderschönen Welt, die er in den nächsten 11 Jahren nicht sehen wird und in Kunst plündern wir den Bastelschrank und schneiden, kleben, falten und malen was das Zeug hält. Sport schaffen wir auch noch mit links: Ich mime den Drill Instructor und Georg macht begeistert mit. Dass wäre wohl auch mein Job geworden, wenn ich ohne Corona zum Lehrer umgeschult hätte. Nix machen, nur Anweisungen geben und motivieren, also wie immer. Religion klammere ich als Atheist mal von vornherein aus. Aber bei Musik bin ich dann mal komplett raus. Wenn ich unter der Dusche anfange zu singen, wird sogar das Wasser sauer. Aber es soll ja Eltern geben, die ähnliche Herausforderungen haben, aber dafür musikalisch sind. Also muss ich nur noch die passende Annonce schalten:

“ Suche singenden Duscher mit Hintergrundwissen und biete Addition und Subtraktion mit Bastelanleitung“

Georg zeigt übrigens was in ihm als Schauspieler steckt. Mindestens ein Oskar ist dabei für ihn drin, wenn er gerade noch mit seinen Vorschullehrern über die Hausaufgaben und die Bienchen verhandelt und eine Minute später seinen Eltern von der Vorschule berichtet, als wären sie nicht dabei gewesen. Manchmal glaube ich wirklich, er geht woanders zur Vorschule.

Habe jetzt übrigens nebenbei noch Lehramt angefangen zu studieren, da ich nicht damit rechne, dass wir ab September den Sohnemann in die erste Klasse geben dürfen. Wenn es wirklich noch die berühmten 11 Jahre dauert, kann ich mich dann auch schon auf sein Abitur vorbereiten. Wie ich das zeitlich hinbekommen will, weiß ich noch nicht. Aber ich besorge mir bis dahin einfach den Zeitumkehrer von Hermine und vielleicht übe ich bis dahin mal wieder öfters etwas russisch zu Hause:

Нина, нина, вот картинка, это трактор и motop

Ach ja und dann kann ich noch „Kantinenchefin eines Sternerestaurants“ als Skill angeben. Hobby würde ich es nun wirklich nicht nennen, denn es ist mehr Pflicht als Vergnügen. Und die Sterne habe ich auch nur, wenn es im Supermarkt Karambole in der Exotenabteilung gibt. Aber strategisches Übertreiben muss auch gelernt sein. Mein Sohn ist ab sofort übrigens für den Kindergartenbetrieb verdorben, denn in den letzten Monaten habe ich es wirklich geschafft, dass ihm der frische Kartoffelbrei besser schmeckt als die Instantvariante. Ich habe gewonnen und somit jeden einzelnen Stern verdient. Und insgesamt habe ich auch noch keine schlechten Restaurantkritiken auf google gefunden, also passt die Umschreibung.

Würde ich nun wirklich übertreiben, könnte ich eigentlich auch schreiben, ich führe nebenbei ein traditionsreiches Familienunternehmen welches sich spezialisiert hat auf die regelmässige und gesunde Nahrungsaufnahme, außerdem sehr aktiv im Bereich der Herstellung von Schmutzwäsche, dreckigem Geschirr und unaufgeräumten Kinderzimmern ist und sich aufgrund der Ehrenamtlichkeit auch noch höchst profitabel darstellt. Es ist eine Branche mit sehr guten Zukunftsaussichten und weiteren Entwicklungsmöglichkeiten. So kann man Firmenintern eine Weiterbildung zur Teenagermutter absolvieren oder man schult um im Bereich der Human Resources. Was allerdings unmöglich ist, ist ein Ausstieg aus diesem Unternehmen, denn ich habe auf Lebenszeit diesen Nebenjob angenommen.

Und wenn dies nicht schon genug wäre für den Bereich „sonstige Interessen und Skills“, dann würde ich noch einen weiteren Job angeben, der biologisch bedingt, allerdings nur alle 3-4 Wochen notwendig ist. Denn ich bin auch noch so ein angesagter Edelcoiffeur für Herren. Ich habe meinen Salon „Hairy Potter“ genannt, und damit es was innovatives geschaffen. Gibt ja Gott-sei-Dank keine Alternativen für meine beiden Männer, also müssen sie auf meinen Stuhl. Die Wahl haben sie zwischen einer glattpollierten Glatze oder meiner Freestyle-Frisur, welche ungefähr 1-2 Abstufungen in der Länge enthält, mal mehr mal weniger. Mein Sohn avanciert deshalb mittlerweile eher zum Hippie und mein Mann wägt sehr genau ab, in welcher Stimmung er mich um einen Haarschnitt bittet. Der falsche Moment und er bekommt einen middle-cut quer über den Kopf und das gratis. Allerdings bekomme ich dann kein Trinkgeld, was auch blöd ist.
Falls jetzt gleich alle eine Anfrage für diese Dienstleistung formulieren, sollte ich vorher zugeben, dass ich wirklich nicht billig bin. Bitte beachtet dabei aber, dass es sich um eine Mischkalkulation handelt und ich sehr viel Geld dieser Honorarleistung für spätere Schmerzensgeldansprüche zur Seite legen muss. Sicher ist sicher.

Natürlich kann ich noch mit dem Haupt-Skill überhaupt aufwarten: einmal täglich die Welt retten. Das hat natürlich mehrere Ausprägungen. Entweder rette ich die Welt von Georg, in dem ich ihn zwei Stunden mit meinem Handy seine Freunde anfacetimen lasse. Das ist für ihn fast so toll wie Kindergarten. Man kann über alte Zeiten quatschen, viel lachen und dieses lustige Spiel spielen „ich habe die cooleren Spielsachen, als Du“. Mein Handy glüht danach, ich habe unzählige Schnappschüsse drauf, die bei sechsjährigen noch harmlos sind und einen strahlenden Sohn. Also Mission erfüllt.

Oder ich rette die Welt meines Mannes, indem ich ihm stumm und ohne lästige Kommentare nur die Nägel halte, während er an unserer Umkleidekabine baut, als würde es sich um den Nachbau der sixtinischen Kapelle handeln. Ja, das rettet ihm seine die Welt, denn würde ich auch nur einen Mucks sagen, würde ihn dass so stressen, dass er augenblicklich an Abriss und Neubau denkt. Und dies käme dem Untergang seiner Welt gleich. Also Panzertape auf die Gusche und durch. Irgendwann brauche ich ihn ja dann auch wieder für meine Welt.

Nur meine eigene kleine Welt kann ich aktuell nicht immer gleich retten. Zu viele Missionen, die mich wie viele andere in dieser Zeit an die Belastungsgrenze bringen. Aber ich versuche es weiter und mal mir weiter meine Welt, wie sie mir gefällt. Das schreiben hier hat heute ganz gut geholfen und wenn ich morgen wieder 10 Angebote der Ingriiiiids habe, weiß ich zumindest warum. Ich habe Superkräfte und alle, die auch diese „Skills“ haben, begrüße ich im Club der Superhelden.

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