Platsch, Du gehörst mir

Könnt ihr Euch noch erinnern als ihr so vier, fünf Jahre alt wart? Ich ehrlich gesagt nicht. Aber deshalb habe ich ja nun einen Sohn, um mir über ihn so einige Erinnerungsfetzen wieder zurückzuholen. Und trotzdem ist es anders. Ich denke jetzt nicht an das erste Mal Eis essen, oder an den ersten Biss in die Zitrone, was wir natürlich mit ihm ausprobiert haben, nur um unsere Erinnerungen aufzufrischen. Damit er es dann später nicht vergisst, haben wir all dass mit Video und Foto aufgenommen, damit er auch keines seiner ersten Male vergisst. So einige erste Male habe ich sogar im Familienblog beschrieben und lache mich jedes Mal schlapp, wenn ich es lese.

Aber damals als ich ein Kind war, also optimistisch angenommen vor so ungefähr zwanzig Jahren, gab es noch keine Handy’s, geschweige denn Handy’s mit tollen Kamera’s. Heutzutage hat das Handy eine bessere Bildqualität als zu meiner Jugend die Profi-Fernsehkamera. Doch ich merke gerade, ich schweife ab. Also komme ich mal zurück zu der einen Kindheitserinnerung, auf die ich heute zu sprechen kommen möchte: das Bad in der Pfütze.

Wenn ich meinen Sohn sehe, scheint es nichts schöneres zu geben, als eine Matschhose und Gummistiefel anzuhaben und mit Anlauf in eine Pfütze zu springen. Wenn gerade keine Gummistiefel parat liegen, geht das natürlich auch barfuß. Aber es gibt auch andere Varianten, wie mit dem Fahrrad oder dem Roller durchfahren. Das man danach grundsätzlich nass und dreckig ist, interessiert dabei eigentlich gar nicht. Doch wenn man in sein Gesicht sieht, ist es die pure Glückseeligkeit. Sobald es spritzt und schnoddert ist die Freude am Größten.

Nun habe ich lange Zeit angenommen, wir Erwachsenen haben genau dieses Gefühl vergessen und schaffen es maximal uns daran zu erinnern, wenn wir unseren Kindern beim Pfützenplatschen zusehen. Und dieser grinsende Glücksmoment hält dann nur solange an, wie wir nicht an die Wäsche oder allgemein den Reinigungsvorgang denken. Doch weit gefehlt, ich habe mich nur bis heute nicht mit diesem Phänomen des flüssigen Glücks auseinandergesetzt. Aber wenn man genauer hinsieht, haben wir den Spaß daran nie vergessen.

Denn wer lächelt jetzt, wenn ich beschreibe wie es sich anfühlt, wenn man nach einem Starkregen, mit dem Auto durch eine riesige Pfütze fährt und eine Welle verursacht, die größer ist als die 2.Corona-Welle? Man nähert sich der gigantischen Pfütze an, fährt immer näher an den Rand, damit man auch ja den tiefsten Punkt erwischt, gibt nochmal Gas und schließt Wetten über die Höhe des Wellenkamms ab. Offiziell geht es nur um eine ordentliche Unterbodenreinigung, aber inoffiziell steckt mehr dahinter. Jeder hat doch schon mal jemand anderen bewusst oder auch unbewusst nassgespritzt. Und nach einer Minute Scham, kam dann spätestens doch das Lächeln in die Mundwinkel zurück. Nur würden wir dies nie öffentlich zugeben.
Ich habe dadurch fast meinen Führerschein nicht bekommen, weil ich während meiner Fahrprüfung nicht widerstehen konnte. Doch Gott-Sei-Dank war mein Prüfer wohl auch ein Fünfjähriger mit Gummistiefeln und so musste ich nur versprechen, in Zukunft unauffälliger vorzugehen.

Und auch jeder von uns hatte schon diesen Moment, wo er selbst im falschen Winkel zur Pfütze stand und von oben bis unten eine Ladung abbekam. Nun kann man in solchen Momenten laut fluchen, oder wie ein Rumpelstielzchen im Kreis springen und sich ärgern. Doch tief in uns verwurzelt, gibt es noch eine dritte Möglichkeit der Reaktion. Einfach mal in sich hineinhorchen, das Kind finden und zumindest schmunzeln. Ich gebe zu, dass dies nicht die beste Variante ist, wenn man gerade auf dem Weg zu einem Bewerbungsgespräch ist, aber es könnte irgendwie auch schlimmer kommen.

Tja und da wir ja auch zur Zeit alle so ein bissl auf der Suche nach Glücksmomenten sind, empfehle ich Gummistiefel, Matschhose und die nächste große Pfütze. Ich jedenfalls habe mein Pfützenglück gefunden, denn neuerdings bete ich jede Pfütze persönlich an. Okay, ich springe nicht rein, suhle mich auch nicht drin, habe auch nicht den Spritzschutz am Fahrrad abgebaut. Aber ich knie mich vor sie hin und schaue, welches Spiegelbild sie für mich parat hält. Und da komme ich wieder zu unseren mittlerweile tollen Kamera’s oder Handykamera’s zurück. Denn jede Pfütze birgt ein Geheimnis, welches sich manchmal halt nur im Liegen zeigt. Hier ist Perspektivenwechsel angesagt, was grundsätzlich im Leben einen Sinn macht. Ich jedenfalls habe mein neues Hobby gefunden und avanciere zum neuen Pfützenfotografen der Zukunft. Demnächst werde ich Galerien befüllen und in einer Reihe mit Künstlern wie Dali oder Picasso genannt werden.

Der Vorteil an dem Ganzen? Ich habe echt tolle Bilder geschossen und so manch einer findet Gefallen daran.
Der Nachteil? Mein Mann hat seinen persönlichen Pfützenmoment noch nicht gefunden und so nerve ich durch ständiges Stehenbleiben, Hinknien und Foto’s machen. Meine Jubelschreie machen ihn dann gelegentlich doch neugierig und so staunt auch er, was ich aus einer Minipfütze von 10 cm² so raushole. Denn im Stehen konnte er nicht im Ansatz sehen, was ich mit nassen Knien und dreckigen Fingern sehen konnte.

Positiver Nebeneffekt des Ganzen: Durch meine Pfützenliebe explodieren meine Abwehrkräfte und jeder Keim nimmt Reißaus. Ist gerade besonders wichtig. Schließlich hat man uns schon als Kinder gesagt, dass im Dreck spielen eigentlich gesund ist.

Nun muss ich nur noch an meiner Profiausstattung als Profi-Pfützenfotograf arbeiten. Da wäre zuerst einmal ein Rucksack mit stets einer Flasche Wasser drin. Nein, nicht zum Trinken, da würde ich ja schließlich auf etwas anderes zurückgreifen. Die Flasche brauche ich, um mir Pfützen zu zaubern, wo keine sind. Bin ja schließlich Profi. Ob mein Mann komisch guckt, wenn ich ihn jetzt zum Wasserträger befördere?
Dann suche ich noch so ne wasserdichten Knieschützer in modischen Farben mit passenden knallgelben Gummistiefeln. Wer welche sieht, möge sich an mich wenden. Und einen tragbaren Spiegel brauch ich auch noch, denn wenn Wasser und Pfützen alle sind, ist das Plan C. Hier wird auf dem Weg zum Ruhm nix dem Zufall überlassen.

Doch das wichtigste habe ich immer dabei, wenn ich zum Pfützen-fotografieren gehe: Ich lächele kindlich vor mich hin, wie ein Fünfjähriger in Gummistiefeln und genieße jeden Moment.

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