Zugabe, Zugabe…bitte, bitte!

Ich bin so ungefähr der unmusikalischste Mensch zwischen Adele und Billie Eilish, sozusagen das schwarze Loch zwischen diesen Universen. Das will heißen, ich spiele kein Instrument, außer den klingenden Weingläsern im Suff, kann nicht singen, außer falsch und dafür unheimlich laut und tanzen können andere auch besser als ich, auch wenn ich das nicht immer einsehen will. Aber ich habe dennoch Musik im Blut, denn Musik begleitet mich durch mein Leben und mein Körper reagiert auf Musik. Höre ich einen guten Song will ich tanzen, höre ich ihn im Auto, will ich singen, konzentriere ich mich auf einen Takt, schlägt mein Puls im selben Takt wie der Song und manchmal muss ich auch unkontrollierbar heulen auf bestimmte Songs und Melodien oder bekomme grundlos Gänsehaus. Auch gibt es zu jedem Song eine wichtige Erinnerung aus meinem Leben, die immerwährend dazu aufgerufen wird, wenn der Song irgendwo gespielt wird. Das geht doch allen so, höre ich schon so einige von Euch. Richtig! Und genau deshalb will ich Euch heute diese Reaktionen zurückbringen in einem Jahr ohne Konzerthighlights, ohne Festivals und ohne Ticketjagd. Steigt ein in meine musikalische Konzert-Achterbahn!

Ich persönlich leide unter diesem Konzertentzug sehr, sehr, sehr und noch etwas mehr. Mir fehlt einfach alles daran. Und deshalb habe ich heute auf den 500 Kilometern meiner Tagestour nur Live-Konzerte gehört, um meinen Entzug erträglich zu machen. Das ist zwar wie Methadon auf Rezept, aber immer noch besser als keine Ersatzbeschallung.

Es ist aber nicht so, dass es nur die Musik ist, die mir fehlt. Dann würde die Konserven-Beschallung ja helfen. Nein, es sind die vielen kleinen Dinge, die mit dem Konzert im Zusammenhang stehen. Es fängt an mit dem Ticketkauf. Ich erinnere mich noch an so manche Challenge. Zum Beispiel auf der Jagd nach Rammstein Karten. Nach 3 misslungenen Versuchen versuchte ich es 2019 an 5 elektronischen Geräte parallel, auf der Jagd nach Tickets und hatte fast Knoten in den Fingern. Aber als dann plötzlich zwei Tickets in MEINEM Warenkorb lagen, fühlte ich mich, wie ein Lottogewinner. Und was ist nun? Wegen Corona verschoben. Schöner Mist. Inzwischen habe ich sogar eine Corona Gedächtniswand mit vier verschobenen Konzerten und ich befürchte langsam, dass ich mir diese Wand die nächsten 11 Jahre anschauen muss.

Nach dem Ticketkauf kommt die Zeit vor dem Konzert. Es beginnt ungefähr drei Tage vor Konzertbeginn, wenn ich meine Playlist komplett auf den erwarteten Künstler umstelle und alles rauf und runter höre. Im besten Fall ist das eine sehr schöne Phase zur Einstimmung und Textfestigung, aber als ich 2006 Scooter besuchen musste (Geschenk für eine Freundin), war es eher so eine Art OP-Vorbereitung mit Einlauf. Verschiedene Textzeilen bereichern zwar seitdem meinen Wortschatz, aber ich bekomme sie auch nie wieder da raus und darunter leidet meine Kommunikation. „Harder, faster, Scooter“ ist nicht in jeder Situation passend und alles andere überlasse ich jetzt mal Eurer Fantasie.

Dann ist es jedenfalls irgendwann soweit, das Konzert ist nur noch wenige Stunden entfernt und ich packe ritualmässig meine Tasche. Dieses hässliche, zerschlissene Ding war schon überall dabei und ist wirklich nicht schön. Aber darum geht es ja nicht. Sie muss praktisch sein, die richtige Größe für die Tickets haben und es müssen noch so wichtige Sachen wie Handy, Schlüssel, Ausweis, Geld, Tampons, Regencape und Taschentücher rein. Auch kann meine Tasche Unglaubliches, denn die Trinkbecher passen genau in die Außentasche und so habe ich die Hände frei zum Klatschen. Ich hatte ja schon erwähnt, dass die Konzertbecher einen festen Platz in meinem Küchenschrank haben, wo Robbie Williams in Helene Fischer steckt und Rammstein auf Take That trifft. Hier ist noch so viel Platz für mehr und Helene & Co. brauchen mal wieder etwas Abwechslung.

Und wenn ich dann ungefähr fünf Mal kontrolliert habe, ob die Tickets auch wirklich in der Tasche liegen, geht es los zum Konzert. Und kaum bin ich dann im Konzert mutiere ich so vom chilligen Zuhörer zum durchgeknallten Groupie. Ich singe, ich tanze, ich mache Bewegungen, die der Choreographie der Künstler ähneln sollen und ich mache mir null Kopf, was andere über mich denken. Das ist eigentlich das Beste am Konzertgefühl. Mir ist völlig egal, ob ich statt „I’ve got the power“ eher so „Agathe Bauer“ singe und mir ist auch egal, ob man diese textlichen Schwächen bei mir hören kann. Und mal ehrlich, in 80% der Fälle sehen die Lippenbewegungen der anderen Konzertbesucher auch aus, als ob sie eigentlich im falschen Konzert mitsingen.
Mir ist auch völlig egal, ob ich schwitze und vielleicht nicht mehr aussehe, wie frisch aus dem Schminkkasten. Ich fühle diese Live-Atmosphäre mit jeder Schweißdrüse und genieße jede Minute, die das T-Shirt am Körper klebt, die Füße schmerzen und die Finger vom Klatschen taub sind. Nie schreie ich so laut wie im Konzert, nicht einmal wenn es um Gratisschuhe gehen würde. Selbst zur Geburt meines Sohnes war ich wesentlich zurückhaltender mit meiner Stimme.

Auch weiß ich jetzt endlich, wozu man immer diese Konzert-Handy-Videos macht. Jetzt endlich krame ich sie raus und schau sie mir regelmässig an. War alles Corona-Vorsorge, wenn man mit erhobenen Arm dastand, statt mitzusingen und zu tanzen. Damals dachte ich, dass schaut sich doch eh nie wieder jemand an und trotzdem habe ich mitgemacht und unzählige halbe Songs im schlechten Licht aufgenommen. Jetzt weiß ich wozu das Ganze.

Und wozu die ganzen T-Shirts sind, die man sich als Andenken kauft, die nie wirklich passen und selten in der Öffentlichkeit getragen werden, habe ich schon rausgefunden. Seit 30 Jahren kaufe ich nämlich keine Nachtwäsche mehr, sondern schlafe in Haut de Depeche Mode, U2 oder Toten Hosen.

Und jetzt bin ich so drin in dem Gefühl, dass ich den Finger noch mal richtig tief in die Wunde stecke. Ich habe mal meine Konzert-Karten-Kiste rausgeholt. Jeder hat doch so eine Kiste, wo er seine Konzertkarten aufhebt. Meine ist gut gefüllt und das obwohl ich erst in den 2000ern angefangen habe, meine Karten aufzuheben. Ich Depp dachte vor 30 Jahren wohl noch, dass man diese Erinnerungen nicht braucht, dass der Moment reicht. Aber für die eigene Nostalgie und so manche Beweisführung fehlen mir nun gut 13 Jahre in Konzerten, in sehr vielen Konzerten.

Meine älteste körperlich anwesende Karte ist für andere vielleicht peinliches Beweismaterial, aber für mich auch eine besonders schöne Erinnerung. Denn es war der 18. Dezember 2003 und die Jose Carreras Gala in Leipzig. Und ich schäme mich keinen Deut dafür. Erstens weil ich mit meiner geliebten Oma dort war und es ihr erstes und wohl auch letztes Konzert dieser Art war und Zweitens weil ich Pavarotti habe das „Ave Maria“ singen hören und damals einfach nur tief berührt war, ob dieser Stimme. Auch unvergessen war unsere Fahrt zum roten Teppich, denn meine Mutter hatte unseren Fuhrservice übernommen und meine damals noch rüstige Omi als fußlahmes Exemplar dargestellt und sich so bis vor den Haupteingang mit roten Teppich vorgekämpft um uns abzusetzen. Ich schätze, noch heute überlegen einige Journalisten, wer die beiden „Schwestern“ wohl waren und wir Mädels hatten wenigstens einmal einen wirklich standesgemäßen Auftritt mit Blitzlichtgewitter.

Mein allererstes erlebtes Konzert ohne Ticketbeweis dagegen kann ich heute nicht mehr ganz ernst nehmen. Es war Peter Maffay im Sommer 1990 und wir lebten ganz offiziell noch als DDR-Bürger in der Deutschen Demokratischen Republik, wenn auch das Westgeld schon in Griffweite lag. Das ist aber nicht der Grund warum ich es nicht ernst nehmen kann, sondern wegen den unzähligen Maffay-Parodien, die ich inzwischen gesehen und belacht habe. Jürgen von der Lippe ist hier einer der mir liebsten Maffay’s. Doch wenn ich jetzt Maffay-Original sehe oder höre, komme ich nicht umhin, ihn für die perfekte Parodie seiner selbst zu belächeln.

Auch unvergessen bleibt die Depeche Mode Tour im Sommer 1993, wo ich von Konzert zu Konzert hinterher reiste, auf Autobahnparkplätzen schlief, die Rastplatzduschen kennenlernte, die weiße 501er zum Schluss eher so ne graue Jogginghose war und ich sogar am 23.7. Martin Gore vor dem Hotel in Köln zum Geburtstag gratulierte. Ich sags ja, eher so durchgeknallter Groupie als chilliger Zuhörer. Aber ich stand so ganz zufällig stundenlang da vor dem Hotel rum und er kam so ganz zufällig eben aus diesem Hotel heraus und ich musste die Chance einfach einmal im Leben nutzen. Ich befürchte, er kann sich nicht ganz so lebhaft an diesem Moment erinnern wie ich.

Dann gab es noch das Sigur Ros Konzert im November 2005 in Dresden. Ich kam dazu, ohne die beschriebene Vorbereitungsphase. Ich kannte die Band überhaupt nicht, wusste so nicht was mich erwartete und erlebte doch einen meiner allerschönsten Konzertabende. Ich saß alleine in einem Sitzkonzert und fragte mich, was das für ein Rockkonzert sein soll, wo alle sitzen. Doch die Isländer um Jon Por Birgisson hauten mich komplett von den Socken. Es war mein erstes und letztes Konzert, was mich durchgängig zum Heulen brachte. Ich kann es bis heute nicht erklären, weder war ich zu der Zeit schlecht drauf, noch war es das Tiefgründige, aber die abgefahrene Show und die Falsett-Stimme und die Stimmung dieser unverstandenen Sprache öffneten bei mir alle Schleusen und ich heulte und heulte und heulte. Vielleicht lag es daran, dass das Tanzen fehlte und ich die gesammelte Flüssigkeit ja nicht in Schweiß umwandeln konnte. Wer weiß…

2005 begann dann nach der ausgelebten Ärzte-Phase, der Depeche Mode-Phase und der Ich-bin-Unabhängig-in-meiner-Musikauswahl-Phase meine Liebe zu Coldplay und wenn ich heute live die ersten Töne von „yellow“ höre, können meine Tränendrüsen auch nicht mehr an sich halten. Allerdings in diesem Falle definitiv vor lauter Glück und Freude und das hält in der Regel auch mindestens das Konzert plus weitere fünf Tage an. Das beste Coldplay-Konzert von vielen erlebte ich im Juni 2017 mit einer Stimmung, die Tote auferstehen ließ, Trübsaalbläser zu dauergrinsenden Glücksbärchies machte und mir einen Tanzflash besorgte, der fast das Stadion zum Einsturz gebracht hätte. Dieses Happy-Gefühl bei Coldplay hat mich auch dazu bewogen, „Yellow“ als Eintrittslied zur eigenen Hochzeit spielen zu lassen. Ich dachte, so müssen auch die Hartgesottenen vor Glück weinen und die Taschentücher liegen nicht umsonst rum. Also ich habe geweint und der ein oder andere um mich herum auch, ehrlich.

An so manche Konzerte denke ich zurück und bin einfach nur dankbar, dass ich sie erleben durfte. Sei es, weil es nur die eine Chance gegeben hatte, oder sei es weil die Künstler inzwischen lieber Harfe im Himmel spielen als Live-Konzerte zu absolvieren. So erlebte ich 1996 die unglaubliche Tina Turner (ja sie lebt noch), durfte Dolores Stimme mit den Cranberries noch in Berlin erleben und Roxette in Leipzig. Bei Helene Fischer (einem Liebesdienst für meinen Ehemann) hoffte ich ja, dass es nie eine Zugabe geben würde, aber ich befürchte, dass ich hier weniger Glück habe und irgendwann nochmal hin muss. Aber lieber Ehemann, man sollte das Glück auch nicht überstrapazieren.

Und so führe ich auch noch, wie viele andere, eine Konzert-Bucket-List und konnte in den letzten Jahren einige von den Listenkünstlern abhaken, wo ich schon dachte der Zug ist für immer abgefahren. So waren wir 2018 bei Guns N’Roses in Leipzig und ich durfte ungehemmt The Slash anhimmeln. Bei Axel konnte ich nicht so richtig hinschauen, weil dieses Bild so gar nicht mit meinen MTV-Andenken zusammenpasste. Aber stimmlich und stimmungsmässig war es ein Hochgenuss.

Auch in 2018 erjagte ich endlich, erstmals in meinem Leben U2-Karten und was passierte? Das Konzert wurde nach 5 Songs historisch einmalig abgebrochen, weil Bono die Stimme verlor. Aber ich kann nun sagen, ich war dabei, also mal kurz.

Ach es waren so unglaublich viele Konzerte in den letzten 30 Jahren, Sophie Zelmani, Sade, Philip Poisel, Sarah Connor…… Von meinem unzähligen Ärzte-Konzerten zum Beispiel habe ich nicht eine Karte aufgehoben. Ich schätze, weil ich sie flüssig geschwitzt habe oder damals meine Konzerttasche noch nicht dabei war. Dafür habe ich einen Drumstick von Bela B., der mir bei „Westerland“ in der Easyschorre in Halle an den Kopf geflogen ist. Die Kerbe kurz über der Augenbraue ist viel besser als eine Eintrittskarte in einer Kiste und die Konzerte habe ich auch ohne Kartenerinnerung nicht vergessen.

Und ich war dabei als Take That wieder kam und sogar Robbie mit auf die Bühne durfte für ein paar Songs. Im Olympiapark hatte man zwar eher das Gefühl, dass Robbie Williams wieder kam und der Rest der Band auch mal mitsingen durfte, aber das lag nur an den vielen schmachtenden Anfangvierzigerinnen, die sich um mich herum benahmen wie Teenager und Robbie an die Wäsche wollten. Ich war natürlich nur wegen der Musik da und gröhlte gar nicht mit „Robbie, Robbie, Robbie“. Wobei Robbie in seinen besten Tagen, also 2006 vor 80.000 in Dresden mich schon zu ähnlichen Rufen gebracht hatte und war dann doch irgendwie noch eine Nummer besser war. Er viel jünger und unverbrauchter und halt in seinem Element über mehrere Stunden und wir waren noch Anfangdreißiger. Aber Robbie hin oder her, als ich 2017 die Wahl hatte entweder einen Abend mit ihm und lauter Mitvierzigerinnen, oder einen Abend mit meinem Mann im chilligen München, habe ich mich völlig entspannt für meinen Mann entschieden und die Tickets noch kurzfristig verkauft und andere glücklich gemacht. Aus der heutigen Sicht, könnte mich keiner von irgendeinem Konzert mehr abhalten, auch nicht mein Mann und eine laue Sommernacht.

Doch auch klassische Konzerte befinden sich in Kartenform in meiner Kiste. Den pullernden Geiger habe ich gleich zwei Mal mit tausend Anderen angeschmachtet und weiß heute nicht mehr so richtig wieso. Damals war ich verzweifelter Single und wusste es nicht besser. Dagegen zwei mal die Chance zu haben beim Silvesterkonzert Karten für Beethovens 9. zu bekommen, war deutlich erquickender. Auch hier hatte ich vor Glück Pipi in den Augen, also beim Konzert und nicht beim Ticketkauf und irgendwann werde ich wieder das Ticket-Jagdglück haben und ein drittes Mal live im Gewandhaus der Ode an die Freude lauschen und meinen Puls zum mitsingen bringen. Dieses Konzert gehört für mich zu Silvester wie die Zehn-Neun-Acht-Nummer zu Mitternacht. Dagegen kann das Dinner for one nämlich abstinken.

Wenn ich jetzt jede Konzerterinnerung rausholen würde und jede Karte einbeziehe, die ich in meiner Kiste habe, wird es ein ganzes Buch, das keiner lesen will. Aber mir doch egal. Ich werde mir jetzt meine Konzerttasche packen, eine Jeans, schwarzes T-Shirt (wegen der Schweißflecken) und bequeme Schuhe anziehen. Dann suche ich mir eine Konzertkarte aus der Kiste aus, hoffe, dass es nicht Scooter ist und wähle die entsprechende Live-CD und dann geht es los. Ich stelle mich zwischen einen Schrank und eine Wand für das echte Erste-Reihe-Gefühl und rocke, was das Zeug hält, bis die Polizei w/Lärmbelästigung vorbei kommt und mich wie ein Roadie auf die Bühne zieht, also aus der Schranklücke. Dann schmeiße ich meinen BH in die Luft und gröhle nochmal so richtig laut, bevor ich auf den Boden der Tatsachen zurückfalle. Oh, das wird eine tolle Konzertnacht. Lasst uns die Nacht zu einem Konzertevent machen und macht mit. Und zu was tanzt und singt ihr jetzt so??

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