Mama, ich möchte eigentlich gar kein Superheld sein..

Jeder, der Kinder hat, kennt die Phase, wo die Kinder immer begeisterte Superhelden sind. Sie kommen aus dem Kindergarten und berichten mit strahlenden Augen, dass sie heute Batman, Spiderman, Hulk oder Superman waren. Wenn man sie nach ihrem Berufswunsch fragt, fallen Worte wie „Feuerwehrmann“, „Polizist“ oder halt eben auch „Superheld“. In voller Überzeugung, dies auch werden zu können, spielen sie sich in ihre Fantasiewelt genau in diese Rollen und sind besser als jeder Standard-Superman. Diese Einstellung liebe ich an meinem Sohn und an allen anderen Superhelden.

Doch ich wäre auch nicht überrascht, wenn mein Kind demnächst aus dem Kindergarten kommt und ganz ernst mit großen Augen zu mir sagt:

„Mama, ich möchte eigentlich gar kein Superheld mehr sein.“

Und wenn es soweit ist, werde ich heulen wie ein Schlosshund und meinen Sohn in den Arm nehmen und sagen, dass er schon längst mein super Superheld ist und sich keine Sorgen machen soll. Und ich werde mich entschuldigen.

Denn der Hintergrund dieses fürchterliches Satzes ist nicht die Tatsache, dass ihm irgendein anderer Superheld seine Rolle weggenommen hat, oder dass er nun als nächstes Doktor der Medizin werden will und sich somit ein anderes Ziel gesucht hat. Sondern es ist die Tatsache, dass wir Eltern unsere kleinen Superhelden regelmässig überfordern und in ihrem jungen Alter einem Leistungsdruck unterziehen, der mit jeder Konkurrenzsituation im Job mithalten kann.

Ich kann mich an eine Situation erinnern, da war Georg noch kein halbes Jahr alt. Ich traf mich einmalig mit einer Müttergruppe und ihren Kindern auf der Wiese zum gemeinsamen Picknick. Danach war selbst ich verstört und habe definitiv diese Aktivität, von den Dingen, die man machen muss, auf meiner ToDo-Liste gestrichen. Ich hatte erwartet, es geht um den Austausch, wie wir Frischmütter so das ganze Abenteuer meistern, welche Höhe und Tiefen wir so erleben. Doch ich wurde überrascht, denn es war nichts als ein versteckter Wettbewerb:

„Also mein Kind schläft jetzt schon durch! Eure Kinder nicht?“

„Was, Du hast Georg noch nicht zum Babyschwimmen angemeldet? Das ist doch wichtig!“

„Also ich habe jetzt schon mal mit dem Kindergarten wegen dem pädagogischen Konzept gesprochen.“

Es fielen nur solche Sätze, die lauter versteckte Wertungen enthielten und umso mehr ich dort saß, fragte ich mich, was ich alles so falsch mache, als Frisch-Mutter ohne Lehrbuch. Das Problem dabei ist, ich bin Erwachsen, also kratzt es mich kurz an meiner Ehre, dann denke ich nochmal reflektiert drüber nach, lache oder heule kurz drüber und mach dann doch weiter mit meinem Plan.

Aber Georg ist noch nicht Erwachsen und hat somit noch keine Strategie als Teflonpfanne. Blöderweise ist aber Georg nun schon einige Jähre älter und somit ist sein Ohr nicht mehr auf Durchzug bzw. DuDiDuDi programmiert, sondern bekommt alles mit, was man sagt und tut. Auch die feinen Nuancen der Gesichtsentgleisung kann er mittlerweile ganz gut unterscheiden und einschätzen. Soll ja auch so sein. Aber wie oft muss er nun hören, dass er nicht ganz genügt, weil ein anderer Junge es schon besser kann. Ständig diese Vergleiche und das Bewerten. Wenn man mal genauer darauf achtet, ist es erschreckend, wie oft es uns passiert, dass man vergleicht und bewertet.

Kürzlich hatte ich mal wieder einen Elternabend im Kindergarten und man könnte meinen wir Eltern sitzen dort, um zu erfahren, was im Kindergarten so alles gemacht wird und um die Möglichkeit zu bekommen darauf einzuwirken. Also sollten wir Eltern auch vorab einen Zettel ausfüllen. Doch nun kommt es: Als erstes wurde nach den Stärken und Schwächen unserer Kinder gefragt und danach sollten wir aufschreiben, was wir Hobbypädagogen meinen, dass die Kinder als Vorschulkinder alles im Kindergarten lernen müssen.

Ich war mittelmässig entsetzt von diesem Zettel und beantwortete den Zettel in meiner eigenen Art. Also die aufgeführten Stärken meines Sohnes hätten ein Lexikon füllen können, denn er macht einfach alles toll. Bei den Schwächen schrieb ich nur hin, dass auch diese seine Stärken sind, mit Verweis auf das eben niedergeschriebene Lexikon. Denn wenn er ungeduldig ist, ist er gleichzeitig auch neugierig und schnell in seiner Auffassung. Wenn er unkonzentriert ist, bedeutet dies, dass er sehr wohl unterscheiden kann, was ihn interessiert und was halt eben nicht. Also alles eine Möglichkeit der Betrachtungsweise.

Und während ich bei den Wünschen zur Vorschulzeit nur schrieb, dass ich mir wünsche, dass er im letzten Kindergarten so richtig viel Spaß hat, es genießt und einfach sein letztes Kindergartenjahr unvergesslich wird, legten andere Eltern Listen aus dem Internet bei, die einer Abschlussprüfung für das Abitur ähnelten. Mir war gar nicht bewusst, dass heutzutage die Kinder schon vor Schulbeginn einen Schulabschluss haben müssen.

Und so mutiert sich der Leistungsdruck ins Unermässliche. Wenn es früher auf der Picknickdecke nur darum ging, wer zuerst einen Brei isst oder zuerst durchschläft, ist es jetzt der erste geschriebene Satz oder das 1×1. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich vor der Schule keinen Lehrplan hatte und ich bin trotzdem groß geworden und kann behaupten, dass ich zumindest mehrere zusammenhängende Sätze schreiben kann, siehe hier im Blog. Und selbiges können all meine Mitschüler auch aufweisen, egal welche Ausgangssituation vorlag.

Ich nehme mich nicht aus, wenn es darum geht, dass auch ich die Fähigkeiten meines Sohnes bewerte und vergleiche. Doch nun versuche ich darauf zu achten, dass ich diese Wertung nicht ausspreche und selbst ein Mentalist im Ernstfall meine Gedanken nicht erraten kann. Denn es ist einfach nicht fair. Wir Erwachsene vergleichen uns doch auch nicht ständig? Okay mit Insta & Co. wird schon viel verglichen, aber was ich meine ist, dass ein Feuerwehrmann ein genauso toller Mensch sein kann, wie ein Professor. Wir akzeptieren, dass der eine seine Stärken im Körperlichen und Mentalen hat und der andere besonders gut darin ist, sein Wissen weiterzugeben. Wann der eine oder andere das erste Wort geschrieben hat, oder wann er laufen gelernt hat, spielt nie wieder eine Rolle.

Und so ertappte ich mich im Kindergarten-Elternabend auch dabei, dass ich mich fragte, ob alles in Ordnung mit Georg ist, oder ob wir ein Entwicklungsgespräch brauchen um ggf. lenkend einzuwirken. Kann er auch schon so wie die anderen malen und die Zahlen aufzählen? Hätte ich ihn doch zum Englischkurs anmelden sollen? Er kann noch keine Schleife binden, aber dafür Schwimmen. Doch reicht dass für die Zukunft?
Die Antwort auf die Frage wurde mir ganz eindeutig beantwortet: Mit Georg läuft alles völlig normal, ein Entwicklungsgespräch ist nicht notwendig, auch wenn er noch nicht alles perfekt macht. Allerdings gab ich mir die dringende Empfehlung, dass ich dringend ein Entwicklungsgespräch benötige. ICH muss mich nämlich ändern, nicht Georg, der wirklich alles großartig macht, genau dann, wenn es für ihn der richtige Zeitpunkt ist. Ich bin die, die ungeduldig ist und dem Leistungsdruck der vergleichenden Mütter erliegt. Ich bin die, die hier entspannter werden muss, damit mein Superheld weiter Lust darauf hat Superheld zu sein.

Georg hat seine eigene, perfekte Technik entwickelt um mit seiner motivierten Nicht-mehr-ganz-Frisch-Mutter umzugehen. Wenn ich ihn frage, was im Kindergarten passiert ist, was sie gemacht haben, was es zu essen gab, oder was sie lernen sollen, welche Hausaufgaben es gab, bekomme ich nur eine Antwort: „Ich weiß es nicht mehr.“. Und schon die Anzahl meiner Fragen würde mich unter Druck setzen. Doch für ihn ist die Antwort klar. Doch das ist keine Ausrede, sonder eine Strategie. Denn für ihn ist mittlerweile der Kindergarten wie Las Vegas beim Jungesellenabschied:

Was im Kindergarten passiert, bleibt im Kindergarten.

Und ich kann diese Strategie durchaus verstehen und ihr etwas Gutes abgewinnen. Denn ich weiß, dass mein Sohn seinen Weg gehen wird, so wie ich auch meinen gegangen bin und er seinen schon die ganze Zeit geht. Und wenn er dafür meine Hilfe und Unterstützung braucht, bin ich da.

Um also meinen Sohn dazu zu bringen, dass er weiterhin gerne ein Superheld ist, heißt es für mich umdenken. Vor jedem Treffen mit anderen Eltern werde ich nun etwas zur Beruhigung zu mir nehmen, meine Atemtechnik perfektionieren und auf Durchzug schalten. Meine Erziehung und unser Zuhause werden jetzt zu Las Vegas. Ich werde nicht erzählen, was Georg alles Tolles kann, denn so setze ich andere Kinder womöglich unter Druck. Ich werde einfach versuchen, das Thema zu wechseln und vielleicht zu fragen, ob für ihr Kind der Kindergarten auch Las Vegas ist.
Dann werde ich keinem strikten Plan folgen, wann mein Sohn welchen Teil der Vorschule absolviert haben muss. Wir gehen spielerisch ran, in dem Tempo, dass er vorgibt. Und wenn er etwas nicht gleich kann, dann mache ich mir keine Gedanken darüber, buche keine Nachhilfe, google nicht, sondern lobe ihn für das was er kann und probiere es an einem anderen Tag einfach nochmal. Denn ich weiß, dass in ein paar Jahren, es schlicht keine Rolle mehr spielen wird. Denn dann ist er Superheld in all dem was er kann mit seinen ganz eigenen Superkräften. Und keinen interessiert mehr, wann er was gelernt hat.

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