Ode an den Außendienst

Nach drei Monaten hartem Entzug auf Null-Konsum habe ich heute einen Rückfall erlitten. Alles umsonst, ich bin wieder mittendrin in meiner Sucht und muss dringend zu einem Gruppentreffen der AA Der Anonymen Autofahrer gehen.

„Mein Name ist Daniela – Ich bin Autofahrer!“

Seit Corona habe ich auf diese Droge verzichtet. Statt den täglichen 500 Kilometern saß ich brav in meinem Büro und habe die harte Entzugsvariante gewählt, kein Tacho vor mir, kein Benzingeruch, keine Ausflüge an die Tankstelle und kein Gasfuß.
Doch ich habe jämmerlich versagt. Denn heute musste ich mal Richtung Berlin fahren und sofort hatte mich die Sucht wieder voll im Griff.

Da ich schon beim Aufstehen ahnte, dass ich heute rückfällig werden würde, startete ich mit einem unverschämten Grinsen in den Tag. Endlich das Büro verlassen und die Freiheit des Außendienstes schnuppern. Mein Ehemann empfand dies als persönliche Beleidigung für seine Anwesenheit in den letzten Wochen. Doch aus der Perspektive des Süchtigen kann ich nur sagen:

„Schatz, es ist nicht deine Schuld.“

Denn ja, ich wollte es, ich wollte wieder raus, den nicht vorhandenen Zündschlüssel drehen und es mir auf meinen Sitzen, die noch die Form meiner Pobacken hatten, gemütlich machen. Endlich wieder das Radio ganz laut drehen und einfach schief und schräg mitsingen, ohne das man jemanden im Büro stört. Viel und laut telefonieren ohne Headset und Videoübertragung. Hier in meinem Reich kann ich auch mit offenen Gürtel sitzen, falls es zu eng wird und keiner sieht es. Die Finger am Lenkrad spüren und nicht auf der Tastatur. Der einzige Hinweiston, der mich erreichte, war die Warnung, dass mich von hinten ein Betonpapierkorb anfahren will.
Wenn ich Hunger habe, greife ich neben mich in die gesunde Snackbox, und wenn ich Durst habe, steht mein Kaffeebecher und die Wasserflasche neben mir bereit. Ich muss noch nicht einmal aufstehen oder anhalten. Nun sagt mal ehrlich, wer ist nicht danach süchtig?

Ich hatte mir für diesen Rückfall natürlich auch so perfektes Außendienstwetter ausgesucht, also Sonnenschein und blauer Himmel, denn Autofahren bei Sonnenschein mit Sonnenbrille und dem Gefühl von Vitamin D auf der Haut ist einfach unschlagbar. Das einzige Problem waren die fehlenden Austritts-Möglichkeiten dank Corona. Da wünscht man sich, man wäre Mann. Während wir Frauen da bei der Auswahl des notwendigen Baumes äußerst wählerisch sind und auch technisch gesehen manch Nachteile haben, stellt der Mann sich einfach einen Meter neben das Auto und ist der festen Überzeugung: So klein, wie der ist, sieht den eh keiner! Und ich meine nicht den Baum!
Auch die typischen Außendienstkantinen mit dem goldenen M haben hier noch nicht wieder den Charme von vor Corona, aber all diese Hindernisse konnten mich heute in meinem Rückfall nicht bremsen.

So sang und träumte ich vor mich hin und genoss jeden alten Krümel auf meinem Autositz. Die Autobahn glänzte in so einem wunderschönen Grau und am Horizont sah man blau blinkende Lichter. Das Radio berichtete von tollen Staumöglichkeiten, wo man einfach mal nur so stehen kann und von Umwegen und Sperrungen, die wie Musik in meinen Ohren klangen. Gelegentlich sah ich so schöne Runde Schilder mit rotem Rand und einer Zahl darauf und ich fragte mich, was diese mir unbekannten Zeichen wohl zu bedeuten hatten? Waren es Zielscheiben? Oder die Anzahl meiner Like’s? Oder war es die Messung für mein Glücksgefühl? Plötzlich traf mich der Blitz in den Farben eines roten gleißenden Lichtes und mir kam die Erleuchtung. Das war gerade ein Blitzer und auf mich wartet vielleicht gleich der nächste kalte Entzug….

Aber das ist auch besser so, denn morgen kann ich mich wohl kaum noch bewegen, denn der in den letzten Wochen mühsam abtrainierte Gasfuß-Muskel, auch als Musculus Außendienstfahrerus bekannt, wurde heute unerwartet aktiviert und schmerzt nun, als hätte ich auf einen Schlag die Erde umrundet. Bis vorhin wusste ich noch nicht einmal, dass es wohl solch einen Muskelstrang gibt. Jedenfalls wenn dieser Stummel sich nicht gemeldet hätte, hätte durchaus die Gefahr bestanden, dass ich heute gleich mal noch einen kurzen Abstecher an den Baikal oder nach Australien unternehme. Liegt ja quasi auf der Strecke. Aber dank Corona, bestand diese Gefahr dann nicht und ich musste, äh durfte zurück nach Hause.

Kurz vor der Haustür wischte ich mir noch das seelige Lächeln des Junkies aus dem Gesicht, humpelte zur Tür herein und verkündete:

„Schatz, ich schwöre, ich mache das nie, nie wieder. Wirklich!“

Keine Sorge, im nächsten Artikel geht es wieder nach Afrika, aber dieses Gefühl musste ich jetzt einfach teilen.

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