Ich liebe Corona, also ehrlich

Die sechste Corona-Intensiv-Woche beenden wir gerade gemeinsam einsam und der Lagerkoller stellt sich nicht nur langsam ein, sondern eher so mit Schallgeschwindigkeit. Man hat kein anderes Thema mehr und suhlt sich in dem eigenen Leid. Eigentlich motzen alle rum, und ich nehme mich da auch nicht aus:

„Ich darf nicht mehr Dies, ich darf nicht mehr Das.“

„Ich kann nicht mehr reisen.“

„Ich kann mich nicht mehr auf Malle am Ballermann besaufen.“

„Ich habe keine Frisur mehr.“

„Ich kann nicht stundenlang Schuhe shoppen und meinen Mann damit in den Wahnsinn treiben.“

„Mit der Maske sehe ich beschissen aus und bekomme keine Luft und meine Brille beschlägt.“

Ich kann mich schon selbst nicht mehr ningeln hören. Versteht mich nicht falsch, wir alle erleben aktuell Dinge, die wir so eigentlich nicht wollen und wir sind alle ganz groß darin, uns über alles zu beschweren. Doch das Rumgeningele nervt. Und ich habe schlicht keine Lust mich auch noch in meinem Blog mit dem „Ich darf nicht dies und das“ auseinanderzusetzen. Sonst fühle ich mich direkt wieder wie ein Pupertier, wo ich gefühlt nichts durfte und alles Scheiße fand. Da mir aktuell aber keine Pickel wachsen, ist dies keine Alternative.

Ich versuche es wie immer mit dem geliebten Humor und beschäftige mich mit den vielen, vielen Vorteilen, die Corona so mit sich bringt. Ihr fragt, welche Vorteile? Da gibt es Tausende und ich schlage Euch mal 10, der von mir erkannten Vorteile für den anderen Blickwinkel auf:

  1. Früher hatte ich immer Angst etwas von Georg seiner Entwicklung zu verpassen. Ich weiß noch, wie ich Panik geschoben habe, weil ich befürchtete, dass er seine ersten Lauferfolge in der Krippe offenbarte, statt zu Hause bei Mama & Papa. Ich hätte, glaube ich, der Krippenerzieherin direkt eine ausgewachsene Szene gemacht, wenn Sie mir freudig mitgeteilt hätte: “ Georg ist heute das erste Mal gelaufen.“. Das wäre ungefähr einer Godzilla-Szene oder dem Weltuntergangsszenario nahe gekommen. Das hat sich jedoch nun komplett geändert. Ich verpasse nichts mehr von seiner kindlichen Entwicklung, denn ich bin immer dabei. Und während ich früher dachte: „wehe, ich verpasse etwas“ so hat sich dies in ein „ich will es gar nicht sehen“ verwandelt. Aus „ich vermisse ihn so sehr“ wird langsam wieder „Wann kann er mal wieder zu den Großeltern?“ und aus dem „toll, wie kreativ er ist“, wird ein „Pass bitte mit der Farbe auf!“. Aber keine Sorge, dies ist nur meine humoristische Art, denn ich genieße wirklich jede Sekunde mit ihm. Besonders wenn er schläft:). Dieser Kommentar musste noch sein. Und eigentlich wünsche ich ihm nichts mehr, als das er endlich wieder in den Kindergarten zu seinen Kumpels darf, aber das wäre definitiv ein „Ningel“-Blogeintrag.
  2. Endlich lebt wieder die Kommunikation in der Ehe auf. Und ich meine die für mich gute Kommunikation. Der Ehemann, in meinem Fall Swen, verpasst keines meiner 20.000 Worte, auch wenn er sich noch so viel Mühe gibt. Weg kann er nicht, also muss er da durch. Man bzw. Frau kann endlich mal über alles sprechen, alles zerreden und dann wieder tagelang schweigen, wenn man an einem Tag mal ausversehen schon den Wochengesamtwortschatz verbraucht hat. So kann die Frau, also ich, auch eintausend Mal am Tag fragen: „Schatzi, liebst du mich eigentlich?“ oder „Schaaatz, an was denkst Du gerade?“ oder „Findest Du mich eigentlich zu dick?“. Besonders nett ist es, den Schatz im Stundentakt zu fragen, könnte sich ja etwas an der Antwort ändern. Das bringt den Ehemann so richtig an seine Grenzen, denn sich 24/7 neue Begründungen für die Antworten einfallen zu lassen, aktiviert jede einzelne Gehirnzelle. Denn ich will ja nicht nur eine Antwort, sondern auch eine ausführliche Antwort, die ich mit weiteren Worten hinterfragen kann.
    Als Frau kann man daraus ganz, ganz viel Kraft und Freude schöpfen. Und ich habe es eigentlich zu einer meiner liebsten Corona-Beschäftigungen auserkoren.
  3. Endlich tut man wieder die Dinge, die man vormals als Hobbys im Lebenslauf aufgeführt hat. Und man tut sie tatsächlich, was ich mir vor zwei Monaten noch nicht einmal hätte vorstellen können. Man treibt zum Beispiel echten Sport ohne ein Fitnessstudio zu betreten, bastelt bis der Bastelschrank ein „empty-Schild“ aufleuchten lässt, fotografiert jeden Grashalm zweimal und macht daraus ne Diashow für die Verwandten und man erstellt die Fotobücher der letzten 20 Jahre, was man eigentlich nie geschafft hätte. All das tut man, um seinem Lebenslauf endlich etwas Wahrheit einzuhauchen und um nicht mehr soviel Zeit mit seinem Ehepartner verbringen zu müssen.
  4. Ich persönlich werde zur Gourmet-Köchin und stehe kurz davor einen Catering-Service zu gründen. Wahlweise schreibe ich einen Blog über das Essen mit ausreichend Foto’s jedes Reiskorns bei dem Weg zum Risottogericht. Wenn man zur Zeit im Netz nach neuen Blog-Ideen stöbert, stehen Koch-Rezept-Idee-Blogseiten ganz weit oben. Also ist dies auch keine gewinnbringende Idee. Aber das Kochen macht zumindest satt. Wir haben seit 6 Wochen nur ein Essen zweimal gegessen, und das waren Nudeln mit Toilettenpapier, ansonsten hat meine Speisekarte ein stetig wechselndes Angebot und wird akribischer geplant als in einem Sterne-Restaurant. Dank Corona bin ich nunmehr über mich und meine Fähigkeiten hinaus gewachsen. Es gibt nicht mehr Nudeln mit Tomatensauce aus dem Glas sondern Tagliatelle mit Rosmarin-Butter und der Rosmarin ist ganz öko auch noch aus dem eigenen Garten. Zum Leidwesen meines Mannes vergesse ich immer die fleischliche Komponente und ihm wachsen schon Hasenzähne. Aber da wir an eine Zeit nach Corona denken, müssen wir halt auch auf die Pfunde achten. Außerdem ist ein verfettungsbedingter Herzinfakt auch gerade nicht die beste Idee.
  5. Manche räumen sogar auf, und das täglich bis ununterbrochen. Also ich zähle aufgrund der 24/7-Beschäftigung als Home-Officerin-Kindergartenerzieherin-Gourmet-Köchin-Blogschreiberin immer noch nicht zu dieser Spezies, aber ich habe von solchen Exemplaren gehört. Es gibt sie wirklich. Und dabei kommt dann heraus, dass der Kleiderschrank das Fotomotiv für eine Farbkarte der besonderen Farbberatung werden könnte, wenn alle T-Shirts nach Farbtönen sortiert sind. Oder man eröffnet einen Blog zum Thema „Mehr Ordnung macht glücklich und entspannt“, aber auch einsam.
  6. Man entwickelt auch ganz neue Hobbys, die halt noch nicht im Lebenslauf standen. So werden die einen z.B. neuerdings Schneider und lernen plötzlich nähen. Aus allen T-Shirts, die nicht in die Farbkarte des Musterschrankes passen, werden nun Atemschutzmasken gemacht, Hauptsache kreativ und individuell. Da ich schon an gestopften Socken scheitere, ist das keine Alternative. Zum Schluss stehe ich nämlich immer noch mit einem T-Shirt und ohne Atemschutzmaske da. Mein fehlendes Näh-Talent ist dabei eigentlich verwunderlich, denn als Kind durfte ich zur Belobigung meiner Leistungen im Nähkurs des Pionierclubs Georg Schwarz ganze vier Wochen in ein Ferienlager der Ukraine. Kann aber auch sein, dass man meine Nähkünste mit denen von meiner Oma verwechselt hat, die die schwierigen Aufgaben, also alles neben dem Aufnehmen eines Fadens, für mich erledigt hatte. Aber in der Ukraine 1989 war es toll, also ich liebe das Nähen.
  7. Manche werden auch zu Wissenschaftlern mit dem Schwerpunkt auf Virologie und ich bewundere jeden, der aufgrund dieser Spontanausbildung plötzlich alles besser weiß, als die ganzen studierten und erfahrenen Virologen. Einfach unglaublich diese unentdeckten Talente und diese Spontanintelligenz.
  8. Schön finde ich auch, dass man endlich wieder mit Freunden telefoniert, statt nur Nachrichten zu senden und dann stundenlang zu hoffen, dass man bald wieder eine Nachricht zurück bekommt. Jetzt trifft man sich im Videochat und quatscht bei einer Flasche Wein über alles, was man früher mal so erlebt hat. Bei der zweiten Flasche geht es mittlerweile so tief, das man schon bei den frühkindlichen Erinnerungen ist und sich wieder zurück versetzt, wie es für einen selbst war, im Kindergarten mit echten Freunden zu spielen. Dank entsprechender Corona-Challenges kenne ich nun auch die Kinderfoto’s meines gesamten Telefonbuchs und weiß immer noch nicht, ob ich nun den kleinen Klempner oder Versicherungsvertreter aus meinem Telefonbuch süß finden soll, oder wir doch eher bei einem professionellen Kontakt bleiben sollten.
  9. Das bringt mich gleich zum nächsten Corona-Vorteil: Endlich ist es normal Alkoholprobleme zu haben und man liked ganz offen die AA’s, die nun nicht mehr anonym sind. Die AA’s werden das Toilettenpapier von morgen werden, wenn alle wieder versuchen nicht schon bei der ersten Telefonkonferenz mit Eierlikör im Kaffeebecher anzustoßen. Ich lese ja immer die Berichte, dass der Konsum von Wein nach oben schnellt und frage mich, ob es nur eine Verschiebung aus den Kneipen ist, oder ein tatsächlicher Mehrverbrauch. Ich bin eher noch im Teilfastenmodus und beteilige mich auch hier nicht am Hamstern. Und an alle, die mich tatsächlich noch ernst nehmen: Natürlich habe ich kein Alkoholproblem, sondern ich rede wie immer nur über die Anderen:)
  10. Und ganz zum Schluss muss ich feststellen, dass die Treue wieder ein ganz anderes Gewicht in der Beziehung gewinnt. Kein Fremdflirten mehr, denn man sieht ja eh keinen anderen Menschen als seinen eigenen Mann. Selbst unser Postbote schmeißt die Pakete nun schon über den Zaun, weil er es leid ist, ständig von allen Hausfrauen, und das sind wir zur Zeit alle, einen Flirt an die Backe geheftet zu bekommen. Ihm zuzuzwinkern bringt auch nichts, denn auf 150 cm Abstand sieht das aus, als hätte ich was im Auge. Und der Hausfrauen-Jogginghosen-Look trägt auch nicht zum besseren Flirten bei.
    Auch spielt Eifersucht eine deutlich geringere Rolle. Worauf sollte ich auch eifersüchtig sein? Auf die Nachbarin, die was im Auge hat, wenn sie ihn sieht? Und wann kommt mein Mann zur Zeit schon mal mit Blumen nach einer Geschäftsreise nach Hause und gibt mir so einen Grund nachzufragen und skeptisch zu werden. Der hockt ja die ganze Zeit zu Hause und der einzige Grund mir Blumen zu schenken, wäre, dass ich ihm einen ganzen Tag keine einzige Frage siehe 1. gestellt hätte.
    Auch Affairen dürften aktuell an Charme verloren haben. Das Fremdgehen mit Kontaktverbot ist ungefährt so erquickend wie Homeoffice mit der eigenen Frau.

Das waren nur 10 Gründe, warum wir Corona toll finden können. Und auch wenn mir parallel 10 Gründe zum meckern eingefallen sind, werde ich mich nur mit den schönen Seiten beschäftigen und jetzt mal den Essensplan für die kommende Woche erstellen, meinem Kind das Pflaster vom Mund entfernen und meinen Mann fragen, ob er mich eigentlich noch liebt. Mit all diesen Maßnahmen wäre mein Sonntag mit Aussicht auf Home-Office-Montag gerettet.

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