Mach mir mal bitte den sterbenden Schwan

Unser zweiter Roadtriptag stand an und ich lernte, wie es sich anfühlt, wenn die Natur Dir zu 100% überlegen ist, egal wie schnell, gut, clever oder kräftig Du bist. Wir brauchen nicht denken, wir hätten auch nur eine einzige Chance. Von wegen überlegene Rasse. Hätte ich heute wie in einem Champions League Spiel abgerechnet hätte es wohl 6:0 gegen uns gestanden. Und da die logische Schlussfolgerung für so einen Fall eine vernichtende Pressekritik gewesen wäre, schreibe ich einfach mal selber selbstkritisch los. Vielleicht umgeht man dann damit, dass der Trainer gefeuert wird.

Nachdem wir gestern nach Thüringen ausschwärmten, ging es heute nach Sachsen-Anhalt. Die Start- und Zielflagge wurde in Bad Kösen aufgestellt und wir starteten auf eine verdammt bergige, talige, fließende Tour quer durch das Saaletal über das Gradierwerk von Bad Kösen, das Löwendenkmal, die Rudelsburg, die Burg Saaleck, den Ort Saaleck und das Himmelreich am anderen Ufer. 11,5 Kilometer und alles fing im Kurpark mit einem eindeutigen 1:0 für die Natur an.

Solche Kurparkanlagen sind ja in der Regel sehr schön anzusehen, ein Kurhaus, eine wunderschöne Parkanlage und ein fotogener Teich mit Federvieh. Hier lockte nun ein besonderes Federvieh mich an das Ufer. Ein wunderschöner schwarzer Schwan, elegant und geschmeidig und wirklich, wirklich fotogen. Aber DIESER Schwan hatte es auf MICH abgesehen. Denn kaum hockte ich mich an das Ufer um aus sicherer Entfernung mit meinem Teleobjektiv den Schwan auf Polaroid zu bannen, schoss dieser ungebremst auf mich zu. Zuerst dachte ich: Okay, er will sich in Pose schmeißen und ist ganz ein Profi. Aber falsch gedacht, dieser schwarze Schwan hasst offensichtlich Fotografen und so wurde aus seinem Schwanenhals ein ein Meter fünfzig langer Giraffenhals in schwarz und schoss Richtung Fotoapparat und biss sich in meinem Knie fest. Nun mal ehrlich, ich hatte noch nicht einmal ein gutes Foto gemacht und schon wurde ich attackiert? Mit blutigem Knie, naja fast, schoss ich zurück und wollte wieder genügend Meter zwischen mich und diese Diva bringen. Aber der Schwan verfolgte mich, ließ mich keinen Moment aus den Augen. Jedes Mal wenn ich an irgendeiner Ecke des Sees in die Fotografen-Hocke ging, schoss der BlackBeauty sofort in meine Richtung und brachte mich zum rennen. Zur Freude meiner restlichen Familie, die sehr viel Spaß hatten. Ich dagegen war gestresst von einem Vogel, der maximal die Größe eines 3 jährigen aufbrachte, mal abgesehen von diesem Teleskop-Hals. Der wog doch höchstens soviel wie ne gute Weihnachtsgans und hatte noch nicht mal so viele Zähne wie ein Piranha und trotzdem hatte ich Schiss und ergriff die Flucht. Defensivspieler.

Naja, ich hoffte einfach mal auf weitere Fotomotive, die sich mir auch deutlich bereitwilliger zeigten. Georg fuhr dann allerdings das 2:0 gegen uns ein, denn er lernte, warum die Brennnessel Brennnessel heißt und warum es keine gute Idee ist, sich in einem Meer aus Brennnesseln vor seinen Eltern zu verstecken. Die Lektion hat er dann mal ganz schnell gelernt und wird sie wohl auch nie wieder vergessen. Manche Fehler macht man halt nur einmal im Leben. Wir haben natürlich zum Trost auch unsere Kindheitserlebnisse mit dieser tückischen Pflanze geteilt. Bis heute habe ich mir gemerkt, dass man beim Freiluftpinkeln immer schauen sollte, was unter einem in Kniehöhe so wächst. Autsch!

Die Halbzeitpause unseres Endspiels haben wir dann an den beiden Burgen auf der Strecke verbracht und einfach mal die Aussicht und Ruhe genossen. Natürlich hatten wir wieder unser Picknick dabei und starteten die Selbstversorgung. Wir mit Wasser, Äpfeln und Brötchen mit Salami und Käse sahen allerdings ziemlich blass aus gegen unsere Nachbarn mit einer Flasche Saale/Unstrut-Wein oder die anderen Beisitzer mit dem Schnäpschen in der Flasche. Das ist dann wohl auch der Grund, warum wir in dieser ruhigen Phase des Spiels keine Punkte gegen die Natur erzielen konnten.

Weiter ging es dann auf der anderen Seite der Saale und damit aufwärts zum Gasthof Himmelreich. Und da hagelte es gleich drei Gegentore. Denn auf dem Weg nach oben verlangten Swen und ich nach einem Sauerstoffzelt und konnten Georg somit auf dem Spielplatz der Natur wenig unterstützen. 2 Tore für den Gegner. Während Georg uns zum hundertsten Mal erzählte, wie lustig er es fand, dass seine Mutter vom Schwan gejagt wurde, überlegte ich, ob mein Puls eher einem Maschinengewehr ähnelte, oder doch nur als Technosong in der Distillery enden würde. Nun laufen wir gefühlt seit Corona täglich einen Viertelmarathon und trotzdem scheitert unsere Kondition an so einem fucking Aufstieg. Wir werden wohl bald ausgewechselt.

Und als wir tatsächlich lebend oben ankamen, gab es dann ein weiteres Gegentor. Denn während wir uns auf die Stufen der Gaststätte schleppten in der Hoffnung auf einen Liter Fassbrause, war diese wegen dem natürlichen Virus Corona geschlossen.

Aber wenigstens kamen wir heute ohne Regen zurück nach Bad Kösen und konnten trockenen Fußes heimkehren. Naja, auf dem Weg konnte ich den leuchtend gelben Rapsfeldern vor blauem Himmel bzw. vor sonnig angestrahlten Unwetterwolken nicht ganz widerstehen und so musste noch ein einziger klitzekleiner Fotostop her. Georg störte es nicht, denn er chillte seelig auf dem Rücksitz. Hatte er sich nach dieser Tour auch mehr als verdient.
Tja und Gewitterwolken haben es halt so an sich, dass sie als finales Highlight irgendwann nochmal so richtig einen krachen lassen, wenn es so gar nicht passt. Zum Beispiel wenn man nochmal schnell mit dem Fahrrad in den Schwiegermütterlichen Garten zum Grillen fährt. Jetzt habe ich den Abdruck eines sehr nassen Fahrradsattels auf meiner Hose. Als hätte diese heute mit dem AggroSchwan nicht schon genug ertragen müssen.

Jetzt bin ich nass, geschafft und fototechnisch happy und sehe ein, dass wir gegen diese wunderschöne Natur verloren haben. Nichts lieber als das, sage ich mir als guter Verlierer da doch. Das einzige Tor, was ich immer noch anzweifele, ist dass gegen diesen Schwan. Ich packe mir eine Aufzeichnung von Schwanensee ein und dann geht es irgendwann in die zweite Runde. Als erstes werde ich mal checken, ob es ein Männchen oder ein Weibchen ist. Sicherheitshalber schaue ich mir gleich noch den Hollywoodfilm an und dann bin ich vorbereitet. BlackBeauty, wir sehen uns am Ufer und ich bringe meinen Selfystick mit….

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

WordPress.com.

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: