6. Juli 2026 – Chris Martin singt für mich

Tag Zwei und ich ähnele mehr und mehr dieser Nummer 7. Ich weiß auch nicht wie es passieren konnte, aber nach gefühlt hundert Souvenirshops die sich auf diesen CR7 spezialisiert haben, kann ich gewisse Abfärbungen auf mich nicht mehr verbergen. Wenn ich in zwei Wochen jemals wieder nach Hause fahren sollte, schätze ich, dass mir der blonde Zopf abfällt und ich mit einem lauten „Siuuuu“ breitbeinig an der Ampel stehe und erwarte, dass dies so richtig Eindruck macht.
Ich hätte mir zu meiner Ronaldo-Werdung natürlich auch ein entsprechendes Ronaldo-Festival heute auf den Straßen von Porto gewünscht. Aber es hat nicht sollen sein. Also behalte ich meinen blonden Zopf und versuche die halandische Verwandlung in den nächsten Tagen.

Aber ungeachtet dieser Schmach hatten wir einen tollen Tag in Porto und ich bin mal wieder etwas schockverliebt. So eine sehenswerte Stadt. Bei entspannten 26 Grad sind wir auch nicht zerflossen, sondern konnten den Tag nutzen. Und in Portugiesischen Städten bedeutet genießen gleich hiken. Denn wie auch Lissabon, ist diese Stadt an, um und in die Berge gebaut. Kein Haus steht auf einer ebenen Fläche und muss somit immer Steigungen ausgleichen. Die Architekten hierzulande hatten wirklich ordentliche Herausforderungen beim Häuserbau, die nunmehr aber von mir gewürdigt werden. Genauso würdige ich die Tatsache, dass hier jedes Fenster, jede Tür eine eigene Hausnummer hat. Das führt zwar zu Stress bei den Postboten, sorgt aber auch dafür das man für 10 Hausnummern keinen ganzen Block absuchen muss, sondern maximal 2-3 Häuser.

Doch bevor es zum Würdigen der Stadt kam, hieß es erst einmal ausschlafen und dann Frühstück aus Tüten. In unserem Appartementuntergeschoss wird nämlich gegen 8 Uhr das Frühstück in Tüten vor die Tür gestellt. Theoretisch eine deutlich effektivere Variante, als ein Buffet, welches bei unserem späten Erscheinen in der Regel schon fast abgeräumt ist. Aber halt nur theoretisch, wenn nämlich eine Babymöwe in unserem Innenhof gestrandet ist und selbige irgendwie Hunger hat. Aber heute waren wir schnell genug und retteten unsere Tüten pünktlich 8 Uhr vor dem Möwenhunger. Die Babymöwe hat allerdings seither eine echt blöde Angewohnheit entwickelt. Sie klopft nämlich gegen unsere Scheibe als wollte sie sagen: “ Nun rückt diese Tüten raus. Ich habe Hunger.“.
Wenn sie das diese Nacht so weiter macht, könnt ihr Euch schon einmal bildlich ausmalen, wie wir nachts um drei eine Babymöwe aus dem Innenhof vertreiben oder retten. Je nachdem, welche Perspektive man einnehmen möchte. Für zielführende Ideen sind wir aktuell schon mal sehr aufgeschlossen. Ich jedenfalls sehe uns mit dem Bettlaken bewaffnet hinter der Möwe herrennen, während sie dringend versucht, dass mit dem Fliegen hinzubekommen. Wir sind wach, die Möwe ist wach und die Möwenmama jagt uns durch die Nacht.

Da wir ja nun erst einmal unser Frühstück hatten, ging es gestärkt bergauf, bergab durch Porto. Hier kann man sich treiben lassen durch diese wunderschönen Gassen mit den alten Gebäuden. Fast alle noch mit den typischen Fliesen verziert, die einerseits kühlen sollen und andererseits einfach wunderschön sind. Da ist es auch nicht verwunderlich, dass ich an den Geschäften mit den handgemalten Fliesen nicht vorbei komme. Swen war meiner Idee, das ganze Haus mit Fliesen auszukleiden als Maßnahme gegen die heißen Sommer, so gar nicht aufgeschlossen gegenüber. Vielleicht lag es daran, dass die Idee spontan war und der Einkauf hier vor Ort sowohl mein finanzielles als auch mein gewichtiges Budget überschritten hätte. Dabei hatte ich schon so tolle Ideen für die Gestaltung unserer Fassade. Stattdessen musste ich mir nur eine Fliese im Miniformat holen, die meinen Ringfinger schmückt. Ein Schelm, der einen Plan dahinter entdeckt.

Irgendwann peilten wir nach dem ziellosen Schlendern doch die erste Sehenswürdigkeit an, nämlich die Kathedrale von Porto. Auch hier ging es hoch und runter durch das ganze historische Gebäude. Und ständig standen einem andere Touristen im Weg auf der Suche nach DEM Foto. Da tröstete mich nur der Sänger vor der Kathedrale hinweg, der meine Aura gespürt haben muss. Denn kaum erschienen wir auf dem Platz, spielte er Coldplay und auch gleich noch „Yellow“ nur für mich. Dieser Chris Martin hatte zwar auch noch so Phasen als Tom Odell oder James Blunt, aber in meinen Augen sang Chris persönlich für mich und meine 2 Euro. Ich hätte ihm ja auch einen Drink ausgegeben, aber mit Mann und Kind im Gepäck wäre dies wohl deutlich sonderbarer gewesen, als einem Multimillionär 2 € zuzustecken.

Weiter ging es bergauf und bergab und als Lissabon-Liebhaber hätte ich gewarnt sein dürfen vor dieser Bergbebauung. Aber manche Sachen redet man sich beim Sightseeing einfach nur schön. Und so liefen wir hoch, schwitzten und japsten und ließen uns in Erwartung des nächsten Anstiegs auch wieder hinab treiben. Wie gesagt, den Architekten zolle ich meinen Tribut. In der Zwischenzeit hatten wir zur Motivation eine Tageschallenge mit Georg ausgerufen. Wer die meisten Schritte am Ende des Tages hat, bekommt einen Euro von den anderen. Uns war zwar sofort klar, dass Georg gewinnen wird, aber jeder mit Kindern kann nachvollziehen, dass man gelegentlich zu unlauteren Mitteln greifen muss, um die Kinder für eine Tour durch die Stadt zu motivieren. So legten wir also einen Euro zu Seite und sahen dabei zu, wie Georg die Gassen hoch und runter und wieder hoch lief, während wir ums Überleben kämpften.

Gelegentlich gönnten wir uns aber auch Eis-Stopps, oder Mittags-Stopps, oder Schatten-Stopps. Hauptsache Pausen. Einen Mittagsschlaf gab es auch noch, der nur von der nervigen Möwe gestört wurde. Kann mir jemand erklären, warum sie genau unser Fenster für die Kontaktaufnahme mit ihrem Spiegelbild ausgewählt hat. Ich nehme mal stark an, dass ihr Spiegelbild in jedem anderem Fenster genauso interessant ausgesehen hat.

Also half nur Aufstehen und den vorletzten Tagesordnungspunkt anpeilen: Ein Besuch in der Livraria Lello. Ja, es ist nur ein Buchladen. Noch nicht einmal ein Buchladen mit einem außerordentlichen Angebot. Aber es ist halt ein wunderschöner Buchladen mit einer beeindruckenden Treppe. Und deshalb muss man für diesen Buchladen einen Timeslot für den Besuch buchen und kaufen, um dann mit viel zu vielen Menschen durch den Laden zu rammeln. Das wäre vielleicht eine Geschäftsidee für den Sommerschlussverkauf in Deutschland: „Zugang nur mit Ticket“.
Aber ich schätze, dass sich das nicht durchsetzen wird.
Stattdessen standen wir mit unserem Timeslot im Laden und versuchten ein Foto ohne andere, fremde Lebewesen zu fotografieren. Selbst das beste Fotobearbeitungsprogramm schafft es nicht, mir all die anderen Touristen zu entfernen. Aber ich muss trotz alledem zugeben, dass der Laden wunderschön war. Ein Charme der inspiriert und einen in andere Zeiten versetzt, ohne auch nur ein Buch aufgeschlagen zu haben. Ich kann mir richtig vorstellen, wie hier andere Schriftsteller auf die Ideen für ihr Buch kamen. Allerdings muss das vor der Erfindung des Timeslot gewesen sein. Und hätte man genug Zeit und Platz, hätte ich mir dort eine dauerhafte Bleibe eingerichtet und weiter davon geträumt, dass auch mein Buch mal in solch einem Laden ausliegt neben den Tolkiens und Rowlings dieser Welt.

Statt dessen zogen wir weiter, also wieder raus aus unserem Timeslot und überlegten, wo wir am Besten dem Ronaldo bei seiner Lieblingsbeschäftigung zuschauen wollen.
Also rein in dieses Wahnsinnsgetümmel. Selbst Fernsehläden mutierten am Abend zu Freiluftgaststätten mit Live-Übertragung. Jeder Sitzplatz war reserviert und überall standen Fernseher. Alle Gassen waren voll, auf den großen Plätzen wurde gefeiert und wenn nicht gerade Fussball lief, wurde auch getanzt. Wie sehr hätten wir hier einen Sieg erleben wollen, der aber weder uns noch meinem Freund Ronaldo vergönnt war. Welche Mannschaft unterstützen wir nun?

Hinterlasse einen Kommentar

Webseite erstellt mit WordPress.com.

Nach oben ↑