5. Juli 2026 – mit Tom Cruise in den Urlaub

Eines gleich vorab: Gestern war ich noch ein Lügenbaron, wenn es um den portugiesischen Fussball ging. Heute, kaum in Porto, bin ich schon eher wankelmütig und morgen bin ich garantiert umgepolt auf einen waschechten Ronaldo-Fan. Und warum bin ich wie ein Fähnchen im Wind? Weil ich hier genau das erlebe, was mir ehrlich gesagt in Deutschland gerade fehlt: Begeisterung, Leidenschaft und eine ungebrochene Gemeinschaft. Doch dazu komme ich später noch einmal.

Heute morgen startete unser Urlaubstrip recht entspannt mit dem Ausschlafen, einem gemütlichen Sonntags-Ei und der staufreien Fahrt nach Berlin. Danke, dass schon gestern alle an die Ostsee gefahren sind, denn so waren heute die Autobahnen frei.
Wie immer ging der Autofahrt ein Koffer-Tetris voraus. Zuerst das fachgerechte Einpacken der Koffer, damit man alles trotz mehrerer Zwischenstops auch ohne Wünschelrute finden kann. Dann das Einsortieren in den natürlicherweise zu kleinen Kofferraum. Ich habe schon einen vergleichsweise üppigen Kofferraum und dennoch brauchen wir in der Regel 4-5 Versuche um den Kofferraum zu schließen. Irgendetwas sticht immer hervor oder blockiert den Mechanismus und der Kofferraum verweigert die Schließung.

Kaum ist das geschafft geht es auf die Route mit Live-Navi und sicherheitshalber auch noch der Google-Navigation auf dem Handy. Sobald eines der beiden auch nur eine Stauminute ankündigt, wird spekuliert ob es sich um ein eher zu ignorierendes Fülle-Phänomen handelt, oder um die Ankündigung eines langsam entstehenden Jahrhundertstaus. Beide Geräte zuckten heute nicht einmal merklich und so hatte ich Zeit zu überlegen: „Habe ich das Portemonnaie eigentlich eingepackt?“, „Ist der Herd noch an?“, „Haben wir Georg vergessen?“….Fragen, die im Sekundentakt durch meinen urlaubsreifen Kopf schießen. Allerdings blieb die erste Frage in der Dauerschleife und hörte nicht auf mich zu quälen, bis ich Swen zu einem Notstop auf der Autobahn zwang, um im Kofferraum nachzuschauen. ich sah mich schon als Geisterfahrer die Heimfahrt mit zweihundert Sachen antreten, um rechtzeitig das Portemonnaie zu holen und noch den Checkin zu meistern. Doch mein Portemonnaie lag da, wo es liegen sollte, im Rucksack.
Also weiter nach Berlin an den völlig unterschätzten Hauptstadtflughafen. Schnell das Auto ausgepackt und ab in den Shuttle. Wie immer hatten wir noch reichlich Zeit und keinen Stress. Sind nämlich vorbildliche Einchecker und so waren wir 2 Stunden vor Boarding mit allen Pflichtaufgaben durch. Blieb nur noch das Vergnügen..

..also zum Beispiel das Mittagessen. Wir hatten extra zu Hause noch alles aus dem Kühlschrank verwertbare auf Brötchen gelegt, um nichts zu verschwenden und um zu vermeiden, dass es mal wieder die ungesunde Currywurst wird. Was soll ich sagen? Es wurde die ungesunde Currywurst, da unsere liebevoll belegten Brötchen nun Urlaub ohne uns auf der Rücksitzbank unseres Autos machen. Da ja Sommer ist, malen wir uns nun zwei Varianten in den buntesten Farben aus. Entweder schimmelt das Brot einfach nur mit gigantischen Ausmaßen auf dem Rücksitz vor sich hin, sodass ganz neue Lebensformen in den nächsten zwei Wochen entstehen und wir bei Abholung unseres Autos lieber gleich einen Entsorgungsdienst inklusive Schädlingsbekämpfer an das Parkhaus bestellen. Oder es schafft eine Maus samt Familie in unsere Auto, gründet eine Kommune und lebt glücklich bis an ihr Lebensende, also unserer Rückkehr. Beide Varianten machen die Natur irgendwie glücklich, ändern aber nichts daran, dass wir schon wieder eine Berliner Currywurst verdrücken müssen.

Naja, ändern können wir daran eh nichts mehr. Also ab in den Flieger und auf nach Porto. Wie immer starrte ich mit Georg raus aus dem Fenster und wir unterhielten uns über die verschiedenen Landschaften und welche Städte oder Landschaften wir so kreuzen. Wir flogen über Paris und kreuzten den Ozean, um dann wieder auf herrliche Strände zu stoßen. Eine Geographiestunde, wie sie besser nicht hätte laufen können. Bis von Georg diese eine Frage kam, die mich zum hemmungslosen Lachen brachte: “ Sind diese Griffe dort auf dem Flügel für diesen Tom Cruise?“. Im nachhinein eine berechtigte Frage, denn auf den Tragflächen waren so goldene Dinger angebracht, wo man sicherlich zwei Finger durchstecken kann. Da mir deren Verwendung wirklich nicht bekannt war, blieb mir nichts anderes übrig, als den Blickwinkel meines Sohnes einzunehmen. Ja, so ein Tom Cruise könnte bei einem seiner Stunts sich genau dort festhalten. Und ja, sicherheitshalber hat man sicherlich auf allen Tragflächen solch eine Halterung für den Tomy angebracht. Oder was könnte das sonst sein?

Egal, denn keiner von uns hing an der Tragfläche, oder wollte es auch nur ausprobieren. Stattdessen landeten wir an diesem kleinen niedlichen Flughafen von Porto. Wirklich sehr entspannt. Auch die Tatsache, dass man von hier aus direkt mit der Straßenbahn in die Innenstadt für kleines Geld kommen kann. Nach einer Woche Straßenbahn-frei in Leipzig aufgrund der Hitzeschäden an den Gleisen wunderte ich mich schon, wieso hier in Porto, wo es heißer und auch öfters heißer als zu Hause ist, überhaupt noch Straßenbahnen fahren und nicht ganz Porto kratzend an den Gleisen sitzt. Ich werde hier mal bei Gelegenheit nachfragen, wie die das so machen.
Doch zuerst einmal mussten wir mit dem Ticketautomaten kämpfen. Nachdem wir auf Portugiesisch schon ungefähr vier Jahrestickets in den Warenkorb gepackt hatten, fanden wir auch endlich die englische Oberfläche des Automaten und kauften ordnungsgemäß unsere Fahrscheine. Allerdings waren wir unbeabsichtigter Weise deutlich weniger ordnungsgemäß beim Entwerten der Fahrscheine, denn wir dachten, der reine Kauf wie zu Hause per App zählt als Entwertung bzw. gültiges Fahrtticket. Wir erkannten unserem Fauxpas direkt nachdem wir in der Bahn saßen und draußen die Automaten erkannten mit dem deutlichen Hinweis: „Por favor, valide seu bilhete!“.

Und so fuhren wir ganze 15 Stopps und 20 Minuten mit dem Adrenalin eines Tom Cruise auf der Flugzeugtragfläche. Immer mit dem Blick zu allen 10 Eingängen und der Frage: Welche drakonische Strafe wird uns wohl erwarten, weil wir einfach zu dämlich waren, die gekauften Fahrscheine zu entwerten. Wir waren also offiziell Schwarzfahrer. Ihr kennt alle, dieses Gefühl, oder? Das Adrenalin schäumte über und wir überlegten uns sicherheitshalber in Englisch und Deutsch schon die passenden Ausreden und hielten dabei den Finger auf der portugiesischen Google-Übersetzung.
Aber es ging gut und wir lobten uns, als wären wir wirklich gerade einhändig mit unseren Fingern in den Haltegriffen auf der Tragfläche nach einer Weltumrundung gelandet. Tom wir können dich so gut verstehen. Dieses Adrenalin macht süchtig.

Aber es macht auch müde und geschafft und so suchten wir nur noch unsere Unterkunft und schleppten uns in das erstbeste Restaurant, genau 20 Meter weiter. Mehr war heute nicht mehr drin. Lecker gegessen haben wir trotzdem und zwangen uns trotz aller Strapazen des Tages noch zu einem Verdauungsspaziergang. Natürlich wollten wir mal schauen, wie das mit dem Public Viewing hier in Porto so geregelt ist. Schließlich steht morgen ein Spiel von Portugal an und das wollen wir mit den einheimischen Vibes erleben. Gesagt, getan und aus dem Staunen nicht rausgekommen. Denn wir müssen uns verflogen haben, denn hier auf dem Hauptplatz zum Public Viewing war plötzlich Brasilien angesagt. Alle in grün/gelben Shirts und der ganze Platz ist voller Brasilianer. Oder voller Portugiesen, die heute ausnahmsweise aufgrund der gemeinsamen Sprache mal auf Brasilien hielten. Und das war nicht nur auf dem Hauptplatz so. Auch die Restaurants übertrugen das Spiel und die Tische leuchteten in Gelb/Grün.
Gibt es das bei uns auch. Mutieren wir Deutschen nur aufgrund der Spielauswahl zu Österreichern und bevölkern die ganze Stadt? Ich habe es so noch nicht erlebt und muss sagen, diese Spontan-Brasilianer gefallen mir echt und machen mir richtig Lust auf das morgige Spiel Portugal gegen Spanien. Und ich befürchte, auch ich werde morgen hier im Ronaldo-Shirt stehen, vorher ein paar Vokabeln lernen um auch ja richtig zu feiern. Gutes Nächtle nun.

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