8. Juli 2026 – Wein, Käse und Brot gib mir

Ich gebe zu, wir hätten alle ein paar Fussballferien gebraucht. Um mich genauer auszudrücken: Ferien vom Fussball. Bei dem Pensum der letzten Wochen und Monate an Spielen, Trainings, Turnieren und Siegesfeiern ist das, denke ich nachvollziehbar. Dem Wunsch entgegen steht erstens die Fussball-Weltmeisterschaft, die einen förmlich dazu zwingt, den Tag nach den jeweiligen Spielen zu planen. Zwar sind nun schon zwei unserer Favoriten ausgeschieden, aber das bedeutet noch lange nicht, dass wir nicht alle Spiele im TV suchten.
Zweitens steht unserem Wunsch entgegen, dass wir nach Madeira fliegen. Denn hier ist der zweitplatzierte GOAT Ronaldo geboren und dem Personen- und somit Fussballkult wird hier fast so gefröhnt wie in Argentinien. Es gibt ja schließlich diverse Statuen, ein Museum und ein Überangebot an Shirts mit dem CR7-Aufdruck.
Und Drittens sind diese fussballfreien Ferien für Georg noch lange kein Grund, den Fussball zu vergessen.

Und nach dem gestrigen Tag war es Zeit, dass wir bei unserem Sohn etwas Wiedergutmachung leisteten. Also kamen wir nicht umhin, seinen Wunsch zu erfüllen und das Stadium von FC Porto zu besuchen. Bis zu unserem Besuch in Porto war er weder Porto-Fan noch tauchte dieser Name überhaupt in irgendeiner Live-Berichterstattung seinerseits auf. Seit wir hier sind, ist der FC Porto der tollste Verein von Portugal und mindestens so besuchenswert, wie jedes andere Stadion weltweit.
An meine innere Stimme appelliere ich, dass wir zukünftig nur noch Städtetripps machen, wenn es kein Stadion einer erstklassigen Mannschaft gibt. Also eher so Städtetripps nach St.Pauli oder Dresden und jetzt hab ich bestimmt ein paar Leser verloren (zwinkersmiley). 

Doch hier blieb uns nichts anderes übrig, als zur Stadiontour inklusive Museum aufzubrechen. Zumindest weiß ich jetzt, was die Westdeutschen Fussballfans mit diesem Thema „Traditionsverein“ meinen: einen verdammt großen Pokalschrank, um nicht gleich zu sagen Pokalraum. Bei den vielen Jahren Fussballgeschichte kommt so einiges zusammen und Georg hätte am liebsten jeden Pokal einzeln fotografiert. Das ist allerdings noch brutaler als Blüten zu fotografieren, wenn man an die Gäste der zukünftigen Fotoschau denkt.

Dennoch war das Museum auch für mich als Fussballmutter ganz interessant und kurzweilig. Insbesondere weil ich mein glückliches Kind dabei beobachten konnte, wie es durch die Pokalreihen schlenderte und von zukünftigen Erfolgen träumte.

Nach dem Museum ging es noch ins Innere des Stadions zur Stadiontour. Zuerst durch die Katakomben entlang der Heldenwand. Gegenüber unserem großen Graffiti in Leipzig haben sie hier schon deutlich mehr aufgefahren. Aber wer hat, der kann halt. Die Mannschaftsbusse standen auch da und konnten von außen bewundert werden, genau wie die Spielerlounge, die wir nicht betreten durften.
Danach ging es noch in die Gästekabinen, die recht spartanisch ausgestattet waren. Zwar gab es einen Massageraum und einen Jakuzzi, aber beides sah ungefähr so gemütlich aus wie eine Bushaltestelle. Naja, waren ja nur die Räume für die Gastmannschanschaft. Da will man sicherlich nicht, dass sie sich zu wohl fühlen im eigenen Stadion. Ich schätze in den Räumen der Heimmannschaft, gibt es goldene Griffe und ein bissl mehr Flair. 

Und dann durften wir den Weg gehen, den die Jungs von FC Porto und diverse andere Fussballer schon gegangen sind. Zumindest bis zum Rand des Rasens. Wie immer ist das Betreten des heiligen Rasens strengstens untersagt. Und ein lebenslanges Stadionverbot hätte nur ich bereitwillig in Kauf genommen.
Also kein Trippling auf dem Rasen, es sei denn man ist Fussballer, Schiedsrichter, Trainer oder heißt Infantino….und nicht zu vergessen: man ist der Rasenmähermann. Der war auch heute auf dem Platz unterwegs und hatte somit das ultimative Privileg, den Rasen berühren zu dürfen. Wenn es also bei Georg mit der Karriere als Fussballer nichts wird, können wir ihm immer noch beibringen, wie so ein Rasentraktor zu bedienen ist. Damit eher ersteres der Fall ist, durfte er noch etwas manifestieren, mit den Champions-League-Pokal in den Händen. Visualisieren der Ziele ist ja soooo wichtig.

Von all dem hatten wir natürlich Fotos machen lassen. Z.B. auch von unserer ersten Pressekonferenz im Stadion. Ganz Ronaldo haben wir natürlich auch unsere Wasserflaschen mitgenommen und auf dem Tisch platziert. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte es auch ein Aperölchen sein dürfen.

So, das Kind hatten wir somit glücklich gemacht, inklusive einem neuen Fussball vom FC Porto. Falls das eine neue Sammelleidenschaft von ihm wird, bekommen wir ein Platzproblem und die Nachbarn ziehen irgendwann einen Meterhohen Ball-Abwehr-Zaun hoch. Wir brauchen ein anderes Sammelziel..

Nun war es Zeit auch noch den Eltern ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Also ging es wieder zurück in die Innenstadt und den großen Markt Mercado do Bolhao besuchen. Egal wo auf der Welt, ist solch ein Markt immer einen Besuch wert und in den mediteranen Regionen gleich noch mal mehr.
Also ließen wir uns auch hier von den Gerüchen und Auslagen inspirieren, suchten uns einen gemütlichen Treppenabsatz im Schatten und versackten auf gut deutsch für die nächsten Stunden. Dabei kosteten wir uns einmal quer durch die Markthalle. Es gab leckere Nudeln um eine Basis zu schaffen, mehrfach einen sehr leckeren Käsekuchen mit Erdbeeren, frisches Brot und dazu eine deftige Käseauswahl, ein paar Carpaccio- und Tartarhappen, getrocknete Früchte und noch das ein oder andere Gläschen Wein. Man muss ja schließlich alles kosten. Versacken in Perfektion würde ich das dann mal nennen. Es gab sogar Kaffee intravenös. Eigentlich haben nur noch die Austern, ein paar Sardinen und Garnelen gefehlt, aber wir konnten einfach nichts mehr essen.

Während wir natürlich immer darauf achteten, dass wir noch Herr unserer Sinne waren, haben das andere Marktbesucher nicht geschafft. Hierbei stachen mal wieder die Engländerinnen heraus, die nicht nur Weingläser konsumierten, sondern gleich Weinflaschen, und die statt Schatten- das Sonnenplätzchen wählten. Eine Kombination die mit Ansage in einem sehr taumeligen Gang mit diversen zerbrochenen Weinflaschen endete. Keine Ahnung wie die nach Hause gekommen sind.

Wir dagegen genossen langsam und perfektionierten dabei unsere Fähigkeiten im Wasserflaschen-Bottleflip. Georg hat natürlich gewonnen, was ihm sein zweites Kuchenstück einbrachte.
Es war ein perfekter Tag ohne Sightseeingstress und Timeslots und wir liefen ohne zu schwanken auf direktem Wege nach Hause, wo wir den Tag mit einem gemütlichen Abend ohne Möwe in unserem Hotel beendeten.

Ja, die Möwe ist weg und in meiner vagen Erinnerung bilde ich mir ein, heute Morgen den Möwenfang  irgendwie gehört zu haben. Also im Halbschlaf habe ich irgendetwas gehört, was nach einer oder mehreren aufgeregten Möwen klang oder aber nur nach dem morgendlichen Geschnatter. Allerdings saß die Mutter noch den ganzen Vormittag auf dem Dachvorsprung, was mich an der glücklichen Familienzusammenführung zweifeln lässt. Ich hoffe, das Riesenbaby ist in einer Auffangstation gelandet und wird nun aufgepeppelt. 

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