7. Juli 2026 – Ich brauche hier einen Sherpa

Zuerst einmal: Die Babymöwe ist immer noch da und deshalb gab es heute morgen keine stille Übergabe der Frühstückstüten, sondern wir wurden 8:00 Uhr aus den Betten geklopft. Auch die Eigentümer haben Sorgen, dass wir sonst nichts mehr vom Frühstück abbekommen. Irgendwie schafft es das „Baby“, was eher die Dimensionen einer ausgewachsenen Gans hat, nicht von alleine hinaus aus dem Innenhof. Und die Mutter, noch größer und vor allem aggro, schafft es nicht ihrem Kind zu erklären, wie der Weg aussehen könnte. Langsam machen wir uns Gedanken, ob das ein gutes Ende nimmt. Aber uns fällt auch keine andere Idee als die mit dem Bettlaken und einer nächtlichen Rettungsmission hinauf aufs Dach ein. Wenn der Vogel nur nicht so riesig wäre. Wir hoffen hier auf ein Wunder.

Nach den Frühstückstüten haben wir einfach weiter geschlafen und ich habe das Gefühl, ich hole hier den Schlaf der letzten Monate nach. So war es schon nach 12 Uhr, als wir endlich mal in die Puschen kamen. Schon bei den ersten Anstiegen merkten wir, dass die Beine müde waren und wir heute echt zu tun haben werden. Vor uns lagen wieder so einige Kilometer bergauf und bergab und wir wollten heute bis in den weit entfernten Hafen, wo wir einen Sundowner-Segeltrip gebucht hatten. Also erwartet uns ein langer Tag mit reichlich Kilometern und Höhenmetern und wir machten uns so unsere Gedanken, wie wir das Gelenkschonender realisieren könnten.

Die erste Idee kam uns bei den langen knie-killenden Treppen hinab. Denn wo ein breites Geländer ist, sollte man zumindest mal über den Versuch nachdenken, statt zu laufen mal zu rutschen. Gesagt getan und schon war eine unserer Lieblingsbeschäftigungen hier in Porto gefunden. Denn es gibt viele Treppen und Geländer und die sind so verbaut, dass sie förmlich einladen zu einer Rutschpartie. Ich brauche nicht erwähnen, dass wir gleichzeitig einen neuen Trend der Fortbewegung hier geschaffen haben, denn alle uns nachkommenden, taten es uns gleich.

So landeten wir im Tal an einer der vielen Markthallen hier. Und schon wieder rutschte ein Ring auf meinen Finger. Wenn das so weiter geht, brauche ich noch ne ganze Schatulle. Dafür haben wir auch gleich noch die ersten Mitbringsel gefunden und das schon an Tag 3 unserer Reise.
Weiter ging es um den Palast da Bolsa, wo uns mal wieder die Tatsache behinderte, dass kein Timeslot für uns offen war. Also weiter an den Duoro, den wunderschönen Fluss der Stadt. An der Ribera de Porto entlang schritt man eigentlich nur unter Sonnenschirmen an kleinen Restaurants und Kneipchen vorbei. Wir schafften es nur bis zum ersten freien Tisch der Versuchung zu widerstehen, dass wir hier nicht anhalten, stoisch auf den Fluss blicken und ein Gläschen trinken. Wir haben es auch nicht ernsthaft versucht, schließlich ist ja Urlaub.
Doch eines fällt uns auf, immer wenn wir hier eine Flasche Wasser zu unserem Wein bestellen, wird dies schlicht ignoriert. Ist uns nun schon mehrfach passiert. Die Gläser Wein vergessen sie komischerweise nie.
Wir werden dieses Phänomen einfach noch ein bissl studieren und schauen, ob das ein generelles Problem hier in Portugal ist oder ob es nur uns betrifft. Dabei wäre Wasser nach all den Anstrengungen echt nicht verkehrt.

Was neben den Schirmchen, den Tischen am Fluss und dieser unglaublichen Architektur hier auch noch toll ist, sind die vielen Straßenmusikanten. Gestern durfte ich ja Chris Martin kennenlernen und heute zwang uns Ed Sheeran also known as Bradley Cooper aus „a star is born“ zum anhalten und lauschen. Neben den Sängern hatten wir heute auch noch eine beeindruckende Breakdance-Gruppe aus Los Angeles, die den Zuschauern sehr geschickt das Geld aus den Geldbeuteln leierte.
Und dann standen wir wieder vor der Brücke Ponte Luis I, mussten aufs andere Ufer und überlegten wieder ob nun untenrum oder obenrum der bessere Weg ist, um erstens über den Fluss und zweitens hinauf zu kommen. Und dort entdeckten wir auch gleich den nächsten Gelenkschoner beim Auf und Ab, nämlich den Funicular dos Guidais. Oder wie wir sagen würden, den Fahrstuhl oder die Fahrbahn nach oben. Andere würden es vielleicht Bergbahn nennen, aber da weder Skier in der Nähe zu sehen waren, noch Schnee, nannten wir es eher Fahrstuhl.

Oben angekommen stärkten wir uns mit frischen Churros und Schokosoße und überquerten den Fluss. Auf dem anderen Flussufer angekommen gab es noch eine kurze Schattenpause, bevor wir die nächste eigentlich schneetypische Aktivität anpeilten. Hier gab es nämlich eine Seilbahn hinab ins Tal, die Teleferico de Gaia. Wieder eine Aktivität zur Schonung unserer Gelenke. Der Tag läuft bisher recht gut für uns und das Ningeln des Kindes hat noch nicht einmal begonnen.
Es war nur eine kurze Fahrt, aber sie ersparte uns bestimmt einige Treppen hinunter an das Flussufer. Außerdem stimmte die Aussicht und wir konnten zu dritt die Schaukelqualitäten prüfen. Die Bahn hatte also ihre Vorzüge.

Unten angekommen gab es eigentlich nur noch zwei Ziele. Ein Restaurant für ein ordentliches frühes Abendbrot oder sehr spätes Mittag und zur Marina laufen. Aber hier versagten wir jedoch völlig. Es gab zwei Wege zur Auswahl, die zudem eigentlich auch noch gleichlang waren. Entweder am Flussufer entlang ohne aber weitere Highlights zu entdecken, da hier schlicht das Touristengebiet endete. Oder den Weg querdurch wählen, der zumindest lt. Google noch etliche Restaurants zu bieten hatte. Eigentlich hätten wir vorgewarnt sein sollen. Querdurch bedeutet aus dem portugiesischen übersetzt: da ist immer ein Berg im Weg.
Und so war es auch, eigentlich ging es nur noch bergauf. Kein Schatten weit und breit, dafür die Weinhänge der hiesigen Port-Wein-Bauern. Ich hatte das Gefühl, wir waren irgendwo falsch abgebogen auf dem Weg in den Himalaya. So fühlte es sich an. Keine Bergbahn in Sicht, auch kein Fahrstuhl. Nur endlose Straßen hinauf gen Himmel.
Georg war verständlicherweise direkt vom begeisterten Sightseer zum Eltern hassenden Teenager übergegangen und ich konnte es ihm japsend und schwitzend noch nicht einmal verdenken.
Übrigens, Restaurants gab es quasi gar keine, also auch noch alles umsonst.

Aber wie auch im Himalaya ist irgendwann der höchste Gipfel erklommen und rein faktisch lag bisher noch jeder Hafen in einem Tal am unteren Ende der Berge bzw. an einem Fluss, Meer oder Ozean. Das machte uns zwischenzeitlich nur wenig Hoffnung. Aber als irgendwann unsere Füße den Aufstiegsmodus verließen und in ein stetiges nach vorne rutschen übergingen, keimte auch in uns die Hoffnung und ja, es ging bergab mit uns.
Nach diesem unmenschlichen Mammutmarsch brauchten wir nur noch etwas Futter für unsere leeren Mägen. Dabei wurde zur Abwechslung mal das Bier für Swen vergessen. Lag aber scheinbar daran, dass wir kein Wasser zum vergessen bestellt hatten. Naja, in diesem Stadium war uns auch das egal.

Nebenbei schauten wir noch schnell die letzten Minuten vom Spiel Argentinien gegen Ägypten und freuten uns mit Messi. Und danach ging es zum entspannten Teil auf ein kleines Segelboot gen Sonnenuntergang. Das versöhnte uns wieder mit all den Anstrengungen und wir fuhren runter und genossen alle still. Einfach nur auf den Duoro schauen und darauf warten, dass die Sonne untergeht. Das war so schön ruhig und ehrlich gesagt hätte ich noch 1-2 Gläser weißen Portweins mehr vertragen können, so schön wie die Stimmung war.

Den Heimweg auf gleicher Route sparten wir uns mal lieber und gönnten uns eine sensationell günstige Uber-Fahrt nach Hause. Bei den Preisen überlege ich mir morgen sehr, ob ich überhaupt noch einen Schritt wandere. Zumindest die bergauf-Wege werden nun geubert. Die Babymöwe und wir sagen „gute Nacht“.

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