19. Juli 2026 – Werden wir jetzt verhaftet?

Erstaunlicherweise wachten wir nicht mit Muskelkater nach der gestrigen Tour auf. Dafür mit einem breiten Grinsen, da wir immer noch auf dieser wunderschönen Insel weilten. Da Deutschland ja glücklicherweise nicht mehr bei der WM mitspielte, mussten wir uns auch nicht stundenlang auf das WM-Finale vorbereiten, Wimpel basteln, ein Public-Viewing suchen, versuchen die Deutsche Flagge ins Gesicht zu zaubern. Hat also auch alles Vorteile. Stattdessen lag ein Tag vor uns, den wir allumfänglich nutzen konnten.

Geplant war mal wieder ein Roadtrip zur Schonung der Füße. Wobei, dass ist nur ein vorgeschobener Vorwand, um das Kind für solch ein Rumgekutsche zu motivieren. Denn gelaufen wird trotzdem reichlich, nur halt an mehreren Ausstiegspunkten, verteilt über die ganze Strecke. Aber den Teil verheimlichen wir immer, wenn wir von Roadtrip sprechen. Hab nur das Gefühl, dass unser Sohn die Geschichte von: „wir steigen nur immer mal kurz aus, damit ich ein paar Fotos machen kann“, durchschaut oder den Braten riecht.
Aber heute haben wir ihn noch ohne Handschellen ins Auto bekommen, um den Norden zu erkunden. Von Porto Moniz hat man ja einen tollen Blick auf die Nordküste und das sah vielversprechend aus.

Ich nehme mir dann immer das navigierende Handy nebst dem Reiseführer und picke mir mal zufällig, mal geplant den nächsten Viewpoint aus. Heute wollten wir zuerst in Seixal Beach halten, einem schwarzen Strand mit einer tollen Aussicht auf die steil abfallenden Berge direkt im Hinterland.
Was soll ich sagen? An einem Sonntag, bei Sonnenschein, in den Ferien einfach eine blöde Idee. Hier konnte man erleben, was es bedeutet, wenn in Social Media davon berichtet wird, dass Madeira mittlerweile überlaufen ist. Zumindest erschien es uns so, dass ganz Madeira, also alle Einheimischen und Touristen sich heute entschieden hatten, genau hier ihr Strandtuch auszuwerfen.
Schon auf dem Weg durch die engen Straßen hinunter zum Strand, und auf Madeira bedeutet zum Strand immer „hinunter“, verloren wir mit jeder zugeparkten Parklücke mehr die Hoffnung, dass das was werden könnte. Unten angekommen wurde aus zweispurig ein einspurig und das führte dann dazu, dass wir zwar eine halbe Stunde auf den Strand schauen konnten, aber nur wenige Meter mit dem Auto vorwärts kamen. Nach der kollegialen Wendung aller Fahrzeuge traten wir wieder die Auffahrt an und verabschiedeten uns für heute von dem Gedanken, mehr als nur den Strand aus der Ferne zu sehen.

Gott-sei-Dank hat aber Madeira mehr zu bieten als den einen Strand. Also fuhren wir weiter zum Miradouro do Voi da Noiva und da zeigte sich schon mal, dass es sich immer lohnt, nicht nur die ausgeschilderte Aussichtsterrasse anzupeilen um drei Standardfotos zu machen, sondern auch mal zu schauen, wo noch ein Pfad lang geht. In Richtung der alten und mittlerweile gesperrten Küstenstraße in Fahrtrichtung Seixal versteckte sich an der Randbegrenzungsmauer ein kleiner Weg Richtung Küste. Der Weg schien begehbar, wenn auch leicht verwachsen vom Grün. Wobei verwachsen vom Grün ist hier alles, da alles einfach nur wunderbar gedeiht. Also schauen wir mal wohin der Weg führt.
Nach der ersten Kurve wollten wir mal noch etwas weiter schauen. Naja, ein bissl bis hinter die Kurve da hinten, können wir schon noch gehen. Wie geht der Weg denn da hinten noch weiter?
Also so ungefähr laufen die Gespräche zwischen uns ab, wenn wir solch einen Weg laufen. Und ich denke so fangen auch die Geschichten an, wenn sich Menschen irgendwie immer weiter entfernen und letztendlich verlaufen und auf Nimmerwiedersehen verschwinden. Wir jedenfalls folgen dieser Choreografie, denn es gibt immer noch diesen einen Ausblick mehr, der sich hinter der nächsten Kurve verstecken könnte.

Und so liefen wir auch diesen Weg immer weiter hinab und verdrängten immer mehr, dass die Chancen bei 100% liegen, dass wir jeden Meter, den wir runter laufen auch wieder rauflaufen müssen. Aber wen schert das schon.
Doch es hat sich wirklich gelohnt. Wir liefen durch kleine Weinhänge mit großen Trauben und einer gigantischen Aussicht auf den schwarzen Strand, der uns soeben noch abgelehnt hatte. Und nach einer weiteren Kehre entdeckten wir auch die Wasserfälle an der Steilküste. Zwei herrliche Wasserfälle die sich in den Ozean ergossen und dabei rumorten, wie es Wasserfälle halt tun. Ein Ort zum Verweilen und Genießen, zwischen Weinreben und Schattenplätzen.
Der einzige Grund, dass wir irgendwann doch umkehrten war: Wir hatten den Rucksack mit dem Wasser im Auto gelassen. Und wenn das nicht schon schlimm genug wäre, auch mein Akku der Kamera war alle und ich konnte keine Fotos schießen. Und der Ersatzakku lag natürlich neben unserem Trinkwasser im Auto.
Dem offiziellen Miradouro schenkten wir nach einen anstrengenden Aufstieg auch noch unsere Aufmerksamkeit und genossen ein überteuertes Eis am Souvenirkiosk.
Gleich hinter dem Miradouro war eine dieser alten und mittlerweile gesperrten Küstenstraßen gen Osten. Und es war beeindruckend zu sehen, wie sich die Natur dieses Stück Straße wieder zurückerobert hat. Von dem Asphalt war mittlerweile gar nichts mehr zu sehen, alles wieder bewachsen von Gräsern, Büschen und Kakteen. Wahnsinn! Das macht mich gleich wieder ehrfürchtig, denn es zeigt mir deutlich, wir sind hier nur Gäste auf dieser wunderbaren Welt. Und vielleicht sollten wir uns auch wie Gäste benehmen. Im Kleinen wäre es schon mal ein Anfang, wenn man nicht jede Ecke, die nicht mit Aussichtspunkt gekennzeichnet ist, zur Außentoilette umfunktioniert. Gegen die Erleichterung ist ja noch nicht mal was einzuwenden, denn was sein muss, muss ja bekanntlich sein. Aber diese benutzten Tempos u.ä. gehören da einfach nicht hin. Das Schlimmste, was wir hier erlebt haben, war der ausgezeichnete Viewpoint am Zielpunkt unserer Fanal-Wanderung. Durch die Wolken hatten wir ja Null Sicht auf was auch immer es hier zu sehen gab, aber genau diesen Aussichtspunkt hatte jemand für sein großes Geschäft genutzt. Widerlich!

Aber Schluß mit diesem „Scheiß-Thema“ und auf zum nächsten Aussichtspunkt dem Miradouro Agua d’Alto einen riesigen Wasserfall gleich neben der Fahrstraße. Hier im Norden ist Tunnelfahren übrigens toll, denn am Ende jeden Tunnels sieht man meist zuerst das leuchtende Blau des Ozeans, als würde man direkt reinfahren und gleich danach sieht man die steilen, grünen Berghänge und sagt einfach nur in Dauerschleife: „Wow“.
So auch hier. Der Parkplatzgott war gnädig mit uns und so konnte ich mich einem Wasserfall mit Langzeitbelichtung widmen. Allerdings war der Wasserfall einfach zu riesig für eine Darstellung auf nur einem Foto und so entschuldigt die Einzelfotos der Teilpassagen dieses Prachtstücks.

Um das Aussteigen aus dem Auto auch hier wieder effektiv zu gestalten, hatten wir uns die kurze Wanderung vom Miradouro do Inferno vorgenommen. Allerdings hatten wir dies nicht vorher mit unserem Sohnemann abgestimmt. Und der tat nun so, als würden wir etwas total verbotenes und lebensgefährliches planen. Der Wanderweg war nämlich eine dieser stillgelegten Küstenstraßen, von denen ich berichtet hatte. Und ja, auch hier stand ein Schild, oder besser lehnte, welches auf die Gefahren durch Steinschlag hinwies. Aber der Weg war halt eben nicht so gesperrt wie andere, die entweder durch Betonmauern oder direkte Absperrungen mit Verbotsschildern für Fussgänger endeten. Auch war dieses Warnschild nicht wie andere schon von Steinschlägen zerbeult. Das übersetzten wir dann mal frei in „Wandern auf eigene Gefahr“. Und diese Gefahr vermochten wir in diesem Moment für uns einzuschätzen. Das ist wie bei jedem anderen Weg auch: Trau ich es mir und meinen Lieben zu? Was könnte passieren und wie gehen wir mit den Gefahren um?
Sagen wir es mal so, der Weg schien uns deutlich entspannter als damals der Abschnitt auf den Azoren, wo ich vom Wasserfall stürzte (link zum Blogeintrag). In den Augen von Georg waren wir aber schlicht lebensmüde und deshalb stapfte er wütend los und wir hatten zu tun, hinter ihm herzukommen.

Auch hier hatte sich die Natur schon einiges wieder zurückgeholt und das genossen alle Pflanzen und Tiere. Überall an den Wänden des Hanges wuchsen Sukkulenten in allen Größen. Auf dem Asphalt kämpften sich erste Gräser und Büsche durch und unter jedem Grasbüschel lauerten mindesten 5-10 Echsen, die neugierig rausschauten um nach uns zu schauen. Es ging recht steil bergauf und wir hatten unsere Ohren gespitzt um auch nur den Hauch eines Steinschlages zu erahnen und rechtzeitig an die Wand springen zu können, um uns mit den Echsen zu schützen. Aber da es die letzten Tage recht trocken war, blieb alles ruhig und wir wanderten hoch bis wir an einen dieser alten Straßentunnel kamen. Die einzigen Worte die ich finden konnte waren: „So wunderschön“. Alles war von Moos bewachsen, da es hier im Gegensatz zum bisherigen Weg sehr feucht war, die Wände, die Decke, jeder Zentimeter. Und es regnete wie bei einem leichten Sommerregen von der Decke des Tunnels hinab. Da im Tunnel keinerlei Steine auf Steinschlag hindeuteten, entschieden wir den Marsch durch den verregneten Tunnel anzutreten. Aber bedenkt, irgendwann ist immer ein erstes Mal, also trefft Eure Entscheidungen bewusst.
Das Ende des Tunnels lag nur ungefähr 100-200 Meter entfernt und somit war alles einsehbar für uns. Also durch den Tunnel und jeden Tropfen Bergregen einfach mal genießen, wenn er auf die Nasenspitze fällt.
Am anderen Ende waren wir an unserem Ziel auch schon angekommen. Georg verfluchte uns immer noch, aber schon ein wenig leiser. Deshalb genossen wir kurz die Ausblicke und traten dann den Rückweg an.
Ich hatte zwischenzeitlich schon Sorgen, dass Georg von sich aus die Polizei anruft und eine Selbstanzeige aufgibt. Ich hätte mich dann mit dem Standardsatz verteidigt: „Es ist nicht so wie es aussieht..“ und mir wäre garantiert eine gute Ausrede eingefallen. Zum Beispiel: „Ich und der Miradouro sind doch nur Freunde.“ oder „Ich wollte doch nur spielen und ein paar Fotos machen“ oder „Außerirdische haben mich vorhin genau hier abgesetzt.“. Ich hätte uns da schon irgendwie rausgeredet.

Kaum wieder am Auto angekommen, war Georg auch schon nahezu mit uns versöhnt. Das unterstützten wir noch mit einer Essenspause im Restaurant keine 100 Meter weiter. Wieder gab es leckere Meeresfrüchte und eine Versöhnungs-Spaghetti Carbonara. Mit diesem neu gefassten Frieden fuhren wir zum nächsten Aussichtspunkt und verheimlichten noch etwas den dazugehörigen Aufstieg. Im Tal von Sao Vicente steuerten wir die Capelinha de Nossa Senhora de Fátima an, eine kleine Kapelle mitten am Berghang mit einem herrlichen Blick in das Tal und auf den Ozean. Die vielen Treppenstufen hinauf waren mit vollem Magen, in dem noch der Degenfisch schwamm, echt die Hölle. Aber wir kämpften mit jedem Bäuerchen und schafften den Aufstieg.
Oben angekommen gab es erst einmal ein paar Salutschüsse vom gegenüberliegenden Hang aus. Ich schätze, sie feierten wie wir unseren erfolgreichen Verdauungsspaziergang bzw. -aufstieg. Ich bin mir allerdings nicht hundertprozentig sicher, dass die Schüsse uns galten. Hier auf Madeira wird alles feierwürdige mit Salutschüssen begleitet, warum also nicht unser Aufstieg. Das erstaunliche war, dass wir zuerst den Schuss mit seiner Dampfwolke sahen und ihn erst später hörten. Kann man gleich wieder für schlaue Erklärungen der Physik nutzen.

Sao Vicente ist der Eintritt in das Hochgebirge von Madeira und einfach wunderschön anzusehen mit den Bergkämmen, welche aussehen wie ein Faltenrock. Die Wolken hängen an den Gipfeln und wieder überall dieses unglaubliche Grün. Doch wir fuhren weiter nach Ponta Delgada, um noch einen letzten Viewpoint für heute zu nutzen. Georg war mittlerweile so müde vom Schimpfen, dass er auf der Rücksitzbank eingeschlafen war. Also gönnten wir ihm sein Schläfchen und fuhren gemütlich an der Küste entlang zurück nach Porto Moniz. Nicht ohne gelegentlich zumindest das Fenster runter zu leiern, das Auto zu stoppen und die Aussicht im Bilde festzuhalten.

Den Abend beschlossen wir natürlich mit dem WM-Finale vorm Fernseher. Aber nicht ohne vorher noch ein bissl geplanscht zu haben. Spätestens jetzt hatte uns unser Sohn wieder lieb. „Ein guter Zeitpunkt, um die nächsten Wanderungen zu planen“, sprach das Teufelchen auf meiner linken Schulter.

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