15. Juli 2026 – Vertriebler können heute was lernen

Ich bin immer noch urlaubsreif. Ich durfte heute das perfekte Beispiel für einen erfolgreichen Vertrieb erleben und die Tatsache, dass ich dies hier schreibe, deutet ein-eindeutig darauf hin, dass ich immer noch urlaubsreif bin. Wieso und weshalb klärt sich im Verlauf des heutigen Tages.

Wir hatten wieder einen Wandertag geplant, rechtzeitig einen freien Time Slot gebucht und aufgrund der Tatsache, dass wir selbigen erst für 13:30 Uhr verbindlich buchen konnten, hatten wir genug Zeit zum ausschlafen. Es hat auch seine Vorteile, wenn man zu spät plant. In unserem Fall ein Ausgleich des Schlafdefizits und deutlich geschrumpfte Augenringe. Herrlich, denn auch das Kind hat hier beschlossen zum Langschläfer zu werden. Wir genießen es somit gemeinsam.
Nun könnte man ausgeschlafen, wie wir waren auch auf direkten Wege zur Wanderroute fahren, oder man überlässt mir die Tagesplanung. Da gibt es schon aus Prinzip nicht den direkten Weg durch die Tunnel von Madeira. Viel zu einfach und vor allem viel zu direkt.
Stattdessen vergaß ich mal wieder unsere Serpentinenunverträglichkeit und steuerte Zicke Zacke auf einem Umweg zu dem eigentlichen Tagesziel. Im Falle eines Madeira Routetrips ist Zicke Zacke auch wörtlich zu nehmen, wenn man sich in die Berge hoch schlängelt. Hier lagen einige Ortschaften, die zumindest einer Erwähnung im Reiseführer wert waren und damit auch von uns besucht werden wollten. Als erstes hielten wir in Camacha, einem kleinen Bergort, der aber einen erwähnenswerten und anziehungswürdigen Fakt aufzuweisen hatte. Hier hatte 1875 das erste dokumentierte Fussballspiel der Insel Madeira stattgefunden. Sozusagen eine der Wiegen von Ronaldo, auch wenn damals noch nicht wirklich an seine Zeugung gedacht wurde. Aber vielleicht wurde seither bei der Zeugung von Kindern an Fussball gedacht und irgendwann hat es dann mit einem Weltstar und dessen Vermarktung auch geklappt.

Uns jedenfalls ist solch ein Reiseführereintrag wert, mal anzuhalten, vor einer Schautafel innezuhalten und nicht zu übersehen, dass genau dort auch ein kleiner Fussballplatz mitten auf dem örtlichen Marktplatz seinen Platz gefunden hat. Verdammt viel Platz in einem Satz, doch es bleibt dabei, als Fussballverrückte Familie, mussten wir hier einen Fotostop einlegen. Blöderweise hatten wir allerdings den Fussball in der Ferienwohnung vergessen und Trockenübungen mit dem Fussball hat bestimmt nicht mal Ronaldo gemacht. Tja, da hilft nur auch die restlichen Sehenswürdigkeiten zu begutachten. Wir fanden noch eine kleine Kirche, die recht spartanisch rüberkam aber genau deshalb auch verzauberte. Normalerweise zünden wir auch immer eine Kerze, aber hier gab es nur elektronische Kerzen im Bezahlsystem und das übersteigt unsere Kirchentreue dann doch enorm.
Zumal mir mal jemand erklären soll, warum ich für 10 Cent eine Kerze anzünde, aber für 1 Euro nur 8 Kerzen angezündet bekomme. Hier hat jemand in Mathe nicht aufgepasst, oder hier gilt das Gesetzt der Multiplikation nicht im herkömmlichen Sinne. Aber vielleicht bin ich auch zu sehr Heide, um das zu verstehen.

Dann kamen die Wolken auf dem weiteren Weg durch die Berge auf unkürzester Strecke zum Ziel. Und unsere Übelkeit dank Serpentinen. Mittlerweile war allen im Auto schlecht. Wir sahen nichts mehr auf den engen Bergstraßen, da ja auch Hauptstraßen bei meiner Zielführung ausgeschlossen waren. Wir fuhren nur nach Gefühl und nach Geruch. Denn mittlerweile stanken wir nach stark beanspruchten Bremsen, also nach Gummi. Unsere Unterhaltung drehte sich nur noch darum, wie kommen wir wieder auf den einfachen Weg und was passiert wenn die Bremsen versagen. Dabei kann man gleich noch etwas Physik und Überlebenswillen schulen bei dem Schulkind. Seine Variante wie ein James Bond aus dem Auto zu springen, lehnten wir mit unserem biblischen Alter ab. Der Hinweis, lieber die nächste Hauswand anzupeilen und den Aufprall in Kauf zu nehmen, fand wiederum Georg ziemlich uncool. Beides probierten wir jedoch nicht aus, sondern steuerten gen Küste und gönnten den Bremsen im nächstgelegenen Tunnel eine kleine Pause. Aus uns wird halt kein James Bond mit dem Bondgirl und dem dazugehörigen Sohnemann. Stattdessen blieb uns nun nichts anderes übrig, als das eigentliche Ziel auch wirklich anzusteuern.

Erwartungsgemäß, es waren ja die meisten Time Slots vergeben, war die Parkplatzsituation am PR 8 Vareda da Ponta de Sao Lourenco recht angespannt. Also wieder verschwitzte und geschaffte Touristen fixieren und schauen, zu welchem Auto sie sich schleppen. Klappt garantiert immer, diese Selektion. So erreichten wir eine Parkposition, die sich locker als Frontline umschreiben lässt.
Zwei Versorgungstrucks für die letzte oder erste Versorgung mit überteuerten Getränken standen bereit und ein einzelnes Dixiklo auf einem PKW-Anhänger mit einer unglaubliche Nutzungspauschale von 2 €. Selbst im Adlon kann ich günstiger kacken, wirklich. Demzufolge weigerte sich auch meine stark gefüllte Blase dem entgeltlichen Toilettengang und beschloss, dass sich bestimmt irgendwo auf dem PR 8 eine Möglichkeit ergeben würde.
Sagen wir es mal so, die 2€ wurden nicht grundlos so festgesetzt und damit komme ich zur ersten Vertriebsregel, die am heutigen Tag sehr lehrreich vermittelt wurde: Wenn es ein dringendes Bedürfnis gibt und nur einer dieses Bedürfnis stillen kann, nennt man das Monopol. Und der Anbieter kann dann auch den Preis bestimmen in einer Höhe, die unter anderen Umständen als überhöht angesehen werden würde.
Übersetzt: Wo nur ein Klo, dann kann es auch was kosten.

Doch noch war meine Blase stolz und der festen Meinung, dass sich eine Lösung findet. Also traten wir die Wanderung pünktlich zum Time Slot an und wurden natürlich auch kontrolliert. Auf ca. 10 wartende Touristen, die auf die Wanderung starten wollten, kamen gerade mal wir drei, die ein Ticket mit sich führten. Alle anderen Sieben durften unverrichteter Dinge nach Hause fahren und auf der Hoteltoilette über das Dilemma nachdenken. Wir wurden also durchgelassen und starteten auf diese wundervolle Halbinsel gen Osten.
Egal wohin man schaute, man entdeckte immer neue Ausblicke. Wie schon erwähnt, hingen die Wolken fest am Himmel, aber auch wenn dadurch das Meer nicht türkisblau leuchtete und insgesamt alle Farben kräftiger erschienen, so war es doch durch die Wolken nicht ganz so heiß wie bei Sonnenschein.
Nach dem ersten Kilometer entlang der Küste hatte sich dieses Gefühl jedoch quasi in Wolken aufgelöst. Die Luftfeuchtigkeit trieb wirklich alles an Flüssigkeit durch die offenen Poren hinaus. Inwieweit das meiner vollen Blase half, lass ich hier einfach mal im Raum stehen. Aber sagen wir mal so, ich konnte nicht so viel trinken, wie ich schwitzte.

Aber jeder Ausblick auf eine neue Bucht oder ein anderer Blickwinkel auf den gleichen Berg versöhnte mich mit diesem Saunagang und ich fotografierte und erfreute mich an der Landschaft. Swen verglich gelegentlich die Farbe meines Kopfes mit sehr roten Dingen aus dem Alltag, einer Chilli, einer Feuerwehr oder ähnlichen. Aber ich fühlte mich gut und war höchst motiviert. Am „Schmalen Grat“ wollten wir aufgrund der Temperaturen die Entscheidung treffen: Weitermachen oder frühzeitig aufgeben und umkehren. Da entdeckte ich kurz vor dem Ziel eine Oase. Und wenn ich Oase schreibe, meine ich auch Oase. Eine von Palmen umrundete Einkehr, die lt. Internet sogar noch für den bezahlten Verzehr geöffnet hat, zumindest noch ca. 30 Minuten. Wie schon die Fata Morganas in den Wüsten, so übertrug auch diese Oase eine fast unmenschliche Motivation auf uns geschwächte Wanderer. Also liefen wir in einem Affenzahn los, mit dem sinnbildlichen Ziel für uns drei: Georg wollte eine Fanta, Swen ein Bier und ich eine Toilette. Will mir doch keiner erzählen, dass so eine Fata Morgana keine Toilette hat.

Und als wir unseren müden Fuss auf die Blanken dieser Oase setzten, durfte ich nochmal Vertrieb in Formvollendung erleben. Hier standen die besten Verkäufer der Welt: „Wollt ihr lieber den Rückweg per Boot erleben? Das kostet für euch drei….“.
Während ich noch überlegte, was ich gerade gehört hatte, rief Swen schon „Deal“ bzw. „Sounds good“ was übersetzt für diesen Fall das gleiche bedeutet. Sie hatten den perfekten Rahmen für ein ganz offensichtliches Bedürfnis in bares Geld verwandelt. Schwitzende, geschaffte Wanderer, die froh sind den ersten Teil der Wanderung geschafft zu haben, aber gleichzeitig zu geschafft sind, um sich für den Rückweg motivieren zu können. Und dabei spielt es kaum eine Rolle, welcher Preis hier aufgerufen wird. Swen hätte auch für tausend Dukaten den Handel abgeschlossen, während ich noch mit meinem inneren Schweinehund verhandelte.
Der perfekte Beweis, dass es für einen guten Vertrieb nur wichtig ist, ein Bedürfnis zu erkennen, den richtigen Zeitpunkt und Ort zu erkennen und dann die Lösung zu präsentieren. Und dann, aber auch nur dann, ist quasi auch egal, welcher Preis dabei fällig wird.

Unsere inneren Schweinehunde klatschten somit in die Hände ,während unsere Aktivitätstracker den Geist aufgaben. Aber mal ehrlich, den Weg kannten wir ja schon und hatten jeden Blickwinkel schon fotografiert. Die Bootsfahrt würde uns ganz neue Blickwinkel bieten, während uns die Meeresbrise um die Nase streicht. Wer würde nicht diese Entscheidung wie wir treffen?
Also belohnten wir uns noch schnell mit unseren Fata Morgana-Wünschen. Ich durfte für einen läppischen Euro auf Toilette und habe somit glatt gespart und etwas zu trinken und zu essen gab es für uns auch noch. Unsere Oase hier an der Ponta de Sao Lourenco hat uns wahrlich glücklich gemacht.

Und die abschließende Bootsfahrt war auch nicht schlecht. Ein paar rasante Kurven links und ein paar rasante Kurven rechts mit kurzen Erläuterungen zu den gestreiften Buchten, Felswänden und dem größten Säugetier von Madeira, dem Elephant Rock, führten uns innerhalb von 25 Minuten, vs. mind. 1,5 Stunden Wanderweg, in die Marina da Quinta Grande. Dort angekommen verblasste allerdings die Freude über diese Bootstour augenblicklich, denn wir hatten ja einen Parkplatz ganz oben am Startpunkt ergattert und Marinas liegen ja bekanntlich eher auf Meeresniveau. Also die gesparten 1,5 Stunden Wanderweg schrumpfen hiermit deutlich zusammen, was uns erst jetzt bei nüchterner Betrachtung der Tatsachen aufging.
Wie schon erwähnt, die Verkäufer waren echt sehr gut in dem was sie taten und wir waren zu sehr in unserem Bedürfnis nach Entspannung, dass wir nicht erkannten, dass nun noch ein langer Weg zum Auto vor uns lag. Aber was soll’s, wir teilen ja hier unser Wissen und so kann jeder für sich entscheiden, wie er es besser machen würde.
Wir beschlossen jedenfalls den Abend mit einem letzten Sonnenuntergang an unserem Happy Place, denn morgen steht ein Locationwechsel an. Toi, Toi, Toi!

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