Also zuerst einmal zum gestrigen Tag in 37 Worten:
Wir haben geschlafen, lange geschlafen, gefrühstückt, Körperhygiene betrieben, geruht, gechillt, geschrieben, Fernsehen geschaut, wieder geschlafen, Kaffee getrunken, gespielt, gebadet, recherchiert, Time Slots gebucht, gekocht, gegessen, Fotos geknippst, Katze beobachtet, den Sonnenuntergang angehimmelt, Fussball geschaut und wieder geschlafen.
Ungefähr in dieser Reihenfolge und das war genauso unaufregend wie es klingt. Zwischendrin hatte ich mehrfach beschlossen, ein Haus zu bauen oder den Himalaya zu besteigen. Für diesen Müssiggang muss ich mich echt anstrengen. Das ist definitiv nicht entspannend und nach einem Tag ist dann auch wirklich mal gut. Selbst Georg gab nach seinem dringend erwünschten Chill-Tag zu bedenken, dass es auch ganz schön langweilig war.
Gott-sei-Dank habe ich den Tag auch für Recherchen und die Buchung weiterer Time Slots genutzt. Auch wenn mich dass hier in Madeira echt an meine Planungsgrenzen bringt. Ich bin ja gerne bereit für ein Museum, oder wie in Porto für einen Buchladen einen Time Slot zu buchen. Aber hier auf der Insel muss ich das auch für die Wanderwege tun. Und das bedarf einer ausgeklügelten Planung. Ich habe nichts dagegen, für die Nutzung der Wanderwege eine Gebühr zu bezahlen. Denn schließlich ist es ein Heidenaufwand, die unendlich langen Wege in Stand zu halten, die Schilder lesbar zu belassen und den Müll vieler Touristen zu entsorgen. Und ich sehe auch ein, dass bei dem Internet-Hype mancher Wanderwege irgendwie die Steuerung der Menschenmassen nötig ist, da das Chaos sonst überhand nimmt und die Natur noch mehr leidet, als eh schon.
Und genau dies sind die Gründe, warum ich für eine Wanderung einen Time Slot buchen muss. Nun sind wir aber eher die spontanen Typen, die nach Wetter, Laune und körperlicher Verfassung entscheiden, ob sie heute oder lieber morgen, oder doch übermorgen wandern wollen und ob sie sich dann eher die 6 km Tour oder doch die 20 km zu trauen. Da sind für uns etliche Variablen drin und das Ganze mal 3 Familienmitgliedern. Ein quasi unplanbares Unterfangen und schon gar nicht spontan.
Hinzu kommt zu diesen hausgemachten Schwierigkeiten, dass viele der Slots nicht spontan buchbar sind, da sie auf Tage, manchmal Wochen ausgebucht sind. Also muss ich nun für den ganzen Urlaub entscheiden, wann wir was wandern wollen und schauen, ob dann auch noch was frei ist. Macht das mal mit einem Teenager und versucht dabei zu überleben.
Und vielleicht will der ein oder andere mir jetzt den klugen Ratschlag geben, wandert doch einfach los und ignoriert das Buchungssystem. Tja, derjenige stand noch nicht vor dem Kontrolleur auf halbem Wege der Wanderung und wurde freundlich wieder nach Hause geschickt. Ja, hier gibt es wirklich Kontrolleure, die dann das gebuchte Ticket scannen.
Doch ich hatte ja gestern Zeit und habe deshalb die Herausforderung angenommen. Ich werde schon noch das System knacken und wenn ich jetzt für jeden Tag einfach irgendeine Tour buche und nach Lust und Laune dann meine Familie informiere, was wir so geplant haben.
Nein, so fies bin ich nicht. Für heute hatte ich eine Einsteigertour geplant und ich sah förmlich wie Swen ein kalter Schauer den Rücken runterlief. Bei unserer ersten gemeisamen Einsteigertour war er danach so fertig, dass er nicht mal mehr ein Bier trinken konnte.
Doch trotz seiner Angst verkaufte ich diese Tour in den buntesten Farben uns so starteten wir gegen 10:20 auf die Hochebene Paul da Serra. Hatten ja schließlich einen Time Slot gebucht und so gab es keine Flexibilität beim Ausschlafen, Frühstücken oder Kacken.
Durch herrliche Serpentinen kämpften wir uns gen Hochebene nach Rabacal. Unser Ziel war nicht der PR 6.0 zu den Levadas da 25 Fontes, denn der war für die nächsten Tage ausgebucht. Stattdessen hatten ich den PR 6.1 Levada do Risco oder besser gesagt, den Weg zum Risco-Wasserfall gebucht.
Schon auf dem Weg – ich sitze übrigens hinten, weil unser Kind die Serpentinen nicht so gut verträgt – erwähnte ich hin und wieder, dass der Parkplatz sicherlich gefüllt ist. Dank diverser Insta-Videos wusste ich, dass der PR 6 nicht nur auf dem Papier ausgebucht ist, sondern auch für volle Parkplätze sorgt. Und genau so war es, also muss ein Plan her. Ich stieg aus, pickte mir Wanderer aus der Menge, die schon geschafft genug aussahen, als hätten sie die Wanderung schon hinter sich und latschte treudoof hinter ihnen her in der Hoffnung, dass sie mit einem Auto hier parkten und umgehend weiterfahren wollten zum nächsten gebuchten Wander-Time-Slot. Und so war es auch und ich ergaunerte mir innerhalb kürzester Zeit einen Parkplatz. Kann an dieser Stelle nur nochmals unterstreichen: nehmt euch keinen schicken tiefergelegten Flitzer als Mietwagen, sondern eher so einen kleinen handlichen. Wenn er schon viele Dellen hat, ist auch nicht schlimm, denn dann fallen die neuen schlicht nicht mehr auf. Dankt mir später für diesen Tipp.
Als glückliche Parkplatzbesitzer liefen wir nun los und schnell wurde uns klar, dass wir später diese Einsteigertour eventuell bereuen werden. Denn ganz natürlich ging es bergab und weiter bergab und immer weiter bergab, denn so ein Wasserfall fällt ja gewöhnlich ins Tal nach unten. Und uns schwante, dass wir dieses ganze bergab irgendwann wieder bergauf müssen. Doch die Natur um uns herum lenkte uns reichlich ab. Ein sattes Grün egal wohin man blickte. Farne ohne Ende und überall Lorbeerbäume, die hier so typisch sind. Das verleiht dem Wald einen gespenstischen Anblick. Man erwartet hinter jedem Baum einen Troll oder ähnliches. Während wir Klamottentechnisch gut vorbereitet waren, Zwiebellock für oben und unten inklusive Regenjacken, so erwischte es andere völlig überraschend, dass hier oben auf ca. 1.300 Meter Höhe ein paar Grad weniger als am Strand um die Mittagszeit herrschten und Sandalen und kurze Kleidchen eher keine gute Idee sind. So sah man nicht wenige der Wandersleut in Badehandtücher eingewickelt ihren Times Slot antreten.
Appropos Time Slot, die ersten zwei Kilometer teilten wir uns den Weg mit den glücklichen Buchern der Wanderung zu den 25 Fontänen und so erfolgte die Ticketkontrolle auch auf dem gemeinsamen Streckenabschnitt. Keine Ahnung, ob man nun schummeln kann und den Risco bucht, der noch Slots offen hat und dann trotzdem zu den anderen Wasserfällen wandert. Ich gebe hier keinen Tipp ab, denn wir sind natürlich nur den gebuchten Weg gelaufen und haben nicht geschummelt. Kann also sein, dass eine zweite Kontrolle erfolgt und man bei nicht gültigem Ticket von der Insel verbannt wird. Das riskieren wir doch nicht am Anfang unseres Urlaubes.
Also ging es weiter auf dem rechten Weg und entlang der Levadas. Da dieses Wort noch des öfteren vorkommen wird, hier eine kurze Erläuterung: Die Levadas sind ein System von künstlich angelegten Wasserwegen, die mit 2.000 – 3.000 Kilometern über die ganze Insel führen. Sie wurden ab dem 15. Jahrhundert errichtet und dienen dazu, das Wasser aus dem regenreichen Norden über die ganze Insel zu verteilen. Ein System, was letztlich zur enormen Fruchtbarkeit aller Flächen in Madeira geführt hat und zumindest auf der erweiterten Liste der Unesco als Weltkulturerbe geführt wird.
Rein praktisch ist es einfach schön anzuschauen, sorgt für ein angenehmes Klima gerade an heißen Tagen und zeigt einen recht eindeutig den Wegverlauf. Meine Männer gingen aber automatisch davon aus, dass ich wieder ausrutsche und falle, sobald so ein feuchter Stein unter mir langläuft. Eigentlich an jedem Abhang egal welcher Art griffen sie nach meinem Arm und ermahnten mich. Dabei stand ich noch nicht mal in der Nähe des Hanges. Und schließlich war ich ja schon mal vom Wasserfall gefallen. Sachen zweimal machen ist echt nicht mein Ding.
Ich genoss also einfach das Grün, die Aussichten, die Levadas und freute mich, dass der Wasserfall schon in Hörweite war. Und dann sahen wir ihn auch, wie er von ganz oben viel und vom Wind gelegentlich aus der Bahn getragen wurde. Schön feucht war es vorne am Wasserfall, um nicht zu sagen, eine Dusche hatte ich heute eigentlich schon mal. Wir standen zwar einiges vom Wasserfall entfernt, aber an jeder Felswand hier kam Wasser herunter. Und dank des Windes wurde daraus ein Sprühnebel von dem alle etwas hatten. Einfach traumhaft schön und furchtbar nass. Jetzt waren wir nochmals dankbarer für unsere All-Wetter-Kleidung und bedauerten diejenigen in ihren Badehandtüchern.
Nun blieb uns am Ziel unseres Weges allerdings auch nichts anderes übrig, als den Heimweg bergauf anzutreten. Schnaufend und immer mit dem Blick auf die Pulsuhr kämpften wir uns Meter für Meter hinauf. Reden wollten wir nicht mehr, also wir Erwachsenen wollten nicht mehr reden. Unser Fussballer hatte noch genug Luft, um uns alle Spielzüge der letzten Tourniere zur Auswertung zusammenzufassen und dabei unseren schweren Rucksack zu tragen und gelegentlich hinaufzurennen, um dann wieder zu uns runter zu rennen. Nur weil, wir ihm zu langsam waren. Irgendwie muss ich damals mit der Muttermilch meine Kondition unwiederbringlich übertragen haben. Anders kann ich mir dieses Energiebündel nicht erklären. Ich japste schon bei jedem „Ja, Georg.“ als würde ich gleich das zeitliche segnen und er rannte, redete und schleppte den gesamten Weg hinauf.
Zur Strafe werde ich heute Abend gleich eine ganz lange Wanderung buchen und schätze, da sind alle Time Slots frei.
Am Auto oder unserem persönlichen Sauerstoffzelt angekommen traten wir unseren Parkplatz gleich an die nächsten Wartenden ab und fuhren weiter gen Westen auf der Hochebene entlang. Dabei genossen wir nicht nur die Aussicht von diversen Aussichtspunkten aus, sondern entdeckten auch hinter jeder zweiten Kurve ein paar Kühe auf der Straße. Ich kann sie ja verstehen, da läuft es sich einfach entspannter als quer durch das ganze Gestrüpp. Aber man muss schon damit rechnen, dass da gelegentlich ne Kuh rumsteht. Und als hätten wir Städter noch nie ne Kuh gesehen, wurde jede auch noch einzeln abgelichtet.
Irgendwann ging es durch Hortensien-gesäumte Straßen wieder hinab an die Westküste und dort probierte Swen aus, ob „gleiche Reisezeit“ auch selbiges bedeutet, wenn man die breite Hauptstraße verlässt und stattdessen einspurig durch enge Dorfgassen cruised. Bedeutet nicht das gleiche, denn man muss gezwungenermaßen langsamer fahren, da man sonst an Hausecken hängen bleibt oder einen idyllischen Fotospot verpasst. Aber man muss halt mal alles ausprobieren.
Wir stoppten dann in Ponta do Pargo, wo wir zur Stärkung unseren ersten schwarzen Degenfisch probierten. Und ich kann nur sagen: sehr zu empfehlen dieses leckere, zarte Fischfilet ohne Gräten.
Gestärkt stoppten wir noch einmal am westlichsten Zipfel der Start und dem Leuchtturm. Und hier hatten wir eine atemberaubende Aussicht entlang der steilen Küste. Georg spielte mit den Eidechsen oder die Eidechsen mit Georg und ich durfte noch etwas fotografieren. Allerdings erhielt ich wieder zehn Belehrungen und Ermahnungen bezüglich Steilküsten, Abhängen und Stolperfallen. Als würde ich ständig irgendwo runter fallen, es nervt.
Zum Abschluss stellten wir uns wieder dem Parkhaus vom Pingo Doce Supermarkt in Calheta und ich kann gar nicht die Angstzustände beschreiben, die ich auf meiner Rücksitzbank durchlebt habe. Wirklich das schlimmste Parkhaus ever, ever. Ab der zweiten Etage ist die Auffahrt gleich die Abfahrt und wenn sich in der 4. Etage drei abfahrende Autos mit drei auffahrenden aus der 3.Etage treffen ist das Parkhaus-Tetris mit einem Game-over beendet. Denn es gibt keine Parklücken um dieses Knäuel zu entwirren und alles ist nur für ein Auto ausgelegt. Das wir trotzdem aus dem Parkhaus wieder rausgekommen sind kann ich nur mit einer Marienerscheinung oder einem ähnlichen Wunder gleichsetzen. Parkt draußen, bitte…
Tja und nun endet der Tag mit der Zusammenfassung des Vortages: grillen, essen, trinken, baden, Sonne anhimmeln, schreiben, lesen, Körperpflege und zufrieden einschlafen. Gutes Nächtle.


















































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