18. Juli 2026 – Mit Kind 3 auf Wanderschaft

Eine weitere Nacht und ich bin immer noch nicht mit Du-auf-Du mit dem Hotelschlaf. Wobei ich in meiner heutigen Schlaflosigkeit doch direkt mal schmunzeln musste, denn irgendwann mitten in der Nacht wandelten zwei stark betrunkene Sänger über die Promenade vor unserem Hotel und sie sangen gar scheußlich. Sie waren so in ihrer eigenen Glückseeligkeit, dass sie weder mitbekamen, dass alle anderen auf dieser Welt schon schliefen, noch dass sie so fürchterlich schief sangen. In ihren Ohren bewarben sie sich sicherlich gerade für The Voice und hielten sich für die größten Sängerknaben auf der nördlichen Erdhalbkugel. Aber für alle die nicht so viel getrunken hatten, klangen sie eher wie eine Quitscheente auf Stimmbruch. Ich jedenfalls musste trotz meiner Ruhestörung schmunzeln, denn irgendwie war es auch so niedlich.

So ging es auch nach dem Aufstehen weiter, denn beim Frühstück beschwerte sich Georg, dass er in Swen’s Handy ganz nüchtern mit Vor- und Zunamen abgespeichert wurde. Schließlich hat er uns als Mama und Papa abgespeichert und damit eine eindeutige familiäre Zuordnung bzw. Bindung dokumentiert. Swen fragte daraufhin sehr nüchtern, ob es ihm besser gefallen würde, wenn er unter „Kind 3“ geführt würde werden. Daraufhin bekam ich solch einen Lachflash, dass mir fast das Spiegelei vom Teller fiel. Georg war ehrlich geschockt, weil er mit dieser Variante, die letztendlich dem Mama-Papa-Ding entspricht, nicht gerechnet hatte. Wenigstens ein „Sohn“ hatte er sich erhofft. Lachen konnten wir alle drei herzlich.
Also stand nun für Mama, Papa und Kind 3 ein Wandertag an und für alle Außenstehenden waren unsere heutigen Rufnahmen zumindest in einem Fall merkwürdig.

Unser heutiges Ziel war der Fanal-Wald und wir hatten extra schlechtes Wetter bestellt. Schlechtes Wetter ist für die Besichtigung des Fanal-Waldes förmlich Bedingung, weil er nur dann wirkt, wie er wirkt.
Ich bin übrigens der festen Überzeugung, also seit heute, dass die Ents, also die Baummenschen aus Herr der Ringe, ihren Ursprung hier im Fanal-Wald auf Madeira hatten. Der Fanal-Wald ist ein jahrhundertealter Lorbeerwald in den Höhenlagen von Madeira. Die Bäume sollen bis zu 600 Jahre als sein und somit waren sie schon da bevor die Insel besiedelt wurde. Bei solchen Bäumen habe ich schon automatisch das Bedürfnis, sie alle umarmen zu wollen. Die meiste Zeit im Jahr hüllen sie sich in den Nebel, da hier oben eigentlich meistens die Wolken von Madeira festhängen. Das gibt ihnen eine ganz mystische Ausstrahlung die noch davon unterstrichen wird, dass die Bäume so verwachsen sind, dass sie wie lebende Bäume mit Armen, Beinen und Köpfen wirken. Man muss es einfach mal gesehen haben, um es zu verstehen. Und deshalb war es auch das Insel-Highlight, auf dass ich mich schon den ganzen Urlaub gefreut habe. Der Fotoapparat war mit reichlich Speicher und Akku ausgestattet, der Rucksack mit allen Objektiven gefüllt und laut Wetterbericht durfte ich die Wolkenverhangenen Bäume erwarten.

Swen schleppte am Rucksack, als hätte ich unser gesamtes Hab und Gut eingepackt und Kind 3 war neugierig, was wir nun heute wieder für eine Wanderung geplant hatten. Und so fuhren wir zum Fanalwald und sahen ganz natürlich erst einmal nichts. Denn die Hochebene hüllte sich in die Wolken und die Sicht beschränkte sich auf die nächsten fünf Meter. Da war es auch ganz günstig, dass die entgegenkommenden Fahrzeuge mit Lichthupe vor rumstehenden Kühen warnten. So ne Kuh an der Stoßstange macht sich einfach nicht so gut, wenn man den Wagen wieder abgeben muss. Kaum am eigentlichen Parkplatz angekommen, war selbiger erwartungsgemäß überfüllt. Also typisch Madeira eine Parklücke am Straßenrand suchen und darauf achten, dass die Kühe mit ihren Hörner noch vorbei kommen.

Wir hatten uns für eine Time-Slot-freie Wanderung vor dem eigentlichen Besuch des Fanal-Waldes entschieden. Fanal ist hier ja überall, aber ein Teilbereich ist seit neuesten eingezäunt und da tummeln sich die meisten Tagestouristen. Wir erwarteten jedoch schon auf unserer Wanderroute etwas Mystik und wollten einmal durch diese Wälder streifen, im dichten Wolkennebel ohne jegliche Sicht. Und so liefen wir los und liebten es. Diese bemoosten Bäume, die gelegentlich links und rechts des Weges auftauchten und ihre eigenen Geschichten von Mythen und Märchen erzählen. Dazwischen nichts als Farne und Farne und Farne. Ich musste mich wirklich zurückhalten, damit ich nicht jeden Baum, jeden Ast, jedes Blatt und jeden Farn fotografiere. Und auch wenn es hier anders erscheint, ich habe hier nur einen promille-Anteil der Aufnahmen hinterlegt, die ich eigentlich gemacht hatte. Es hätte für Euch noch schlimmer kommen können.
Dank der wirklich nicht ersichtlichen Sicht, war der Weg auch verhältnismäßig leer und wir konnten einfach genießen und in diesen alten Wäldern flanieren. Natürlich immer mit dem Handy in der Hand damit wir auch sicher sein konnten, dass wir noch auf dem rechten Weg waren. So dicht wie die Brühe hier teilweise war, wäre es durchaus im Rahmen des Möglichen gewesen, dass ich fotografierender Weise meinen Mann und Kind 3 auf Nimmerwiedersehen verliere. Ich hätte mich von Farnen ernährt und beim nächsten Wolkenfreien Himmel hätte ich vielleicht wieder rausgefunden aus dem mythischen Wald. Nicht ohne jedem Baum einen Namen gegeben und ein paar Geschichten im Gedankenprotokoll geschrieben zu haben. Damit das nicht passiert hielten Mama, Papa und Kind 3 immer mit den Rufen „Marco“ und „Polo“ den Kontakt.

Sämtliche Viewpoints waren völlig für die Katz, da nix View, aber das war auch egal. Wer geht schon wegen tollen Aussichten wandern, wenn er stattdessen Wolken schmecken kann. Unsere Brillen waren ständig beschlagen und die Sicht war wirklich minimal, aber wir liebten es immer noch.
Irgendwann hatten wir dann unsere Wanderung geschafft, die ersten Kilometer geschrubbt und mindestens 100 Bilder von grau in grau fotografiert.
Dann wartete der eigentliche Touristenspot Fanal-Wald auf uns. Als erstes begegneten uns ein paar junge Frauen. Alle völlig der Natur unpassend angezogen, aber wohl Insta-tauglich. In weißen Kleidchen, die irgendwie so gar nicht hierher passten, aber halt tolle Posing-Fotos für das eigene Insta-Konto hergeben. Da spielt es auch keine Rolle, dass es hier oben nur ungefähr 15 Grad waren und alles irgendwie feucht erschien.
Wir waren mittlerweile schlamm-rot von unserem ersten Wanderabschnitt und gingen damit in der Landschaft unter. Aber wir hatten auch nicht vor, ein Fotoshooting mit uns zu absolvieren. Das Einzige was ich wollte, war immer noch nur Bäume umarmen und irgendwie versuchen, diese einzigartige Stimmung einzufangen.

Und das konnte ich beides zur Genüge. Der größte Besucheransturm war schon durch und tatsächlich verzogen sich langsam die Wolken. Das nahm dem Wald vielleicht ein bissl Mystik, aber keinesfalls die Verwunschenheit und Schönheit der Bäume. Wir haben diesen Fleck Erde so sehr genossen. Jeder Baum ein Unikat und jeder Baum könnte für eine ganze Geschichte herhalten.
Ich frage mich immer noch, warum mein Ehemann nicht ein heimliches Picknick organisiert hatte, so mit Sektchen und Brot, Obst und Käse auf einer Insta-tauglichen Decke mit vielen Kissen. Ich würde hier am liebsten gar nicht mehr weg. Genauso wie übrigens die süßen Kühe, die hier in den tieferen Ebenen grasen und so entspannt sind, dass sie sich sogar teilweise streicheln lassen.
Aber so wie mich einige mit ihren Hörner angesehen haben, bin ich da eher ein Schisser. Bei meinem Glück will mich eine dieser Kühe auf ihre Hörner nehmen und jagt mich quer durch den Fanal-Wald. Ich hatte die letzten Tage schon genug Adrenaline X-Treme.

Würde es nach mir gehen, hätte ich mich dort im Fanal-Wald mit einem Zelt niedergelassen. Aber der Hunger unseres Kindes Nr. 3 und unser Durst trieben uns dann doch irgendwann am Nachmittag wieder runter vom Berg. Wir peilten ein Cafe an, welches sich direkt unter unserer gestrigen Aktivität befand. Die Bar do negrinho erwartete uns mit einer spektakulären Aussicht und wirklich günstigen Preisen für Eis, Kaffee und das klassische Knobibrot. Wir konnten während des Genießens sogar die Schreie der anderen Adrenalinsüchtigen von der Zipline hören. Welch verrückter Genuß.

Auf dem Rückweg stoppten wir noch an den Miradouro’s da Eira da Achada und do Ilheus da Ribeira da Janela und genossen einfach diese Blicke auf die Küste und den Ozean. Am zweiten Stopp bauten Swen und Georg noch ungefähr eintausend Steintürme auf, die einen ganz fantastischen Vordergrund für jeden Fotografen boten. Okay, sie hatten zu tun, auch nur einen Turm aufzuschichten, während ich Fotos schoß und es genügte auch nicht ein einzelner Versuch, sondern sie brauchten mehrere Versuche. Aber sie hatten ihren Anteil an dem Gesamtbild dort am Steinstrand. Und es sah fantastisch aus.

Mittlerweile fanden wir, also Mama, Papa und Kind 3, heute alles toll. Und so blieb uns auch nichts anderes übrig, als endlich mal einen der Naturpools hier in Porto Moniz auszuprobieren. Wir wählten den gratis Pool direkt vor dem Hotel und glitten in das kühle Nass. Und was soll ich sagen, es war einfach nur herrlich. Passend zu dem heutigen Tag, war auch das Bad in den salzigen Pools, die von Fischen und Algen bevölkert wurden ein tolles Erlebnis. Ich gebe zu, dass Gefühl von Algen unter den Füßen ist nicht der Höhepunkt des Tages, aber es war ähnlich naturnah, wie eben einen Baum umarmen und genau deshalb macht auch das mich heute einfach nur happy.

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