Diesen Satz prägte mein Sohn als er eigentlich ausdrücken wollte, dass er noch mehr als einfach nur tot ist, nach der heutigen Tagesaktivität. Steigerungsformen für Fortgeschrittene sozusagen und aus dem Blickwinkel der Dinosaurier auch irgendwie nachvollziehbar.
Ob das nun angebracht ist oder nicht, entscheidet selber. Ich kann nur sagen, da ich nochmal deutlich mehr als er am heutigen Tag erlebt habe, bin ich nun definitiv ausgestorben.
Der Tag begann nach der durchfeierten Nacht aufgrund des Sieges von Argentinien recht müde. Für heute war ein Locationwechsel angedacht. Also hieß es, alle tausend Dinge, die wir in der letzten Woche in unserem großen Ferienhaus verteilt hatten, wieder suchen und so einpacken, dass alle Koffer zugehen. Das hat regelmässig etwas von Tetris und ich bin die Einzige, die danach noch weiß, was sich wo befindet. Mit diesem Wissen könnte ich eigentlich Profit generieren, aber das Leid meiner beiden Männer mache ich mal lieber nicht zu Geld. Doch wenn sie mich ärgern, vergesse ich glatt wohin ich die Schlüpfer oder Ladekabel verstaut habe.
Wer uns kennt weiß, dass ein Urlaub eigentlich erst ab mindestens 3-5 Unterkünften wirklich Urlaub genannt werden darf. Im letzten Sommer waren es 9 Unterkünfte und im Jahr davor 5. Dass wir hier jeweils eine ganze Woche in einer Unterkunft sind, ist eher komplett untypisch für uns. Normalerweise ereilt uns das Nomadendasein nach spätestens 4 Nächten an einem Ort. Doch Madeira ist nicht so riesig, dass sich das lohnen würde. Also wählten wir für die erste Woche ein Ferienhaus im Süden von Madeira und für die zweite Woche ein Hotel im Nordwesten. Der rein theoretische Gedanke dahinter war ein fauler, denn ich wollte einfach mal eine Woche kein Frühstück machen müssen, oder kochen, oder abwaschen. Ich wollte mich eine Woche lang in einem Hotel mit Pool, Frühstücksbuffet, Fitnessraum und Wellnessbereich verwöhnen lassen. Was ich letztendlich davon nutze, steht noch auf einem anderen Zettel.
Was mich allerdings gedanklich nun vor Herausforderungen stellt, ist der Wechsel von einem sehr großen Haus mit getrennten Schlafzimmern, zwei Bädern, einem Wohnzimmer, einem Pool und einem riesigen Garten mit traumhafter und ruhiger Aussicht zu einem einzigen, kleinen Hotelzimmer für uns drei, in einem Hotel mit vielen anderen Menschen, wo wir den Frühstücksraum, den Pool und alles andere teilen müssen. Ich bin wirklich gespannt, wie dieser Wechsel so für uns wird.
Aber wir wollen mal nicht voreingenommen sein und so ging es über die Hochebene nach Porto Moniz. Auf der Hochebene spielten wir wieder „Weich der Kuh rechtzeitig aus“ und sobald sich eine Lücke in der Wolkendecke parallel mit einer Parkmöglichkeit auftat, nutzten wir selbige für einen kurzen Stop.
Und dann steuerten wir endgültig Porto Moniz an und bereits bei der Abfahrt in den Ort fanden wir Gefallen an dem, was sich uns dort bot. Ein kleines Örtchen mit allem was das Touristenherz sich wünscht: mehrere Naturpools, eine tolle Aussicht gen Meer und kleinen Inselchen bzw. herausragenden Gesteinsformationen, reichlich Gastronomie und Meer bis zum Horizont. Natürlich gab es auch typisch Touristenort keine Parkplätze, viele Tagesgäste und volle Straßen, aber das ärgerte uns noch nicht.
Unser Hotel begrüßte uns mit einem zuvorkommenden Early-Check-In, einem leckeren Cocktail, Geschenken für den Sohn, der sich zwar zu erwachsen für Plüschbären hält, sich aber trotzdem freut und einer zusätzlichen Sektflasche auf dem Zimmer. Diese ist in einem pastellenem türkis eingefärbt und ich frage mich ehrlich, ob es jetzt Curacao als Sekt gibt.
Der Begrüßungscocktail motivierte mich direkt wieder alle Koffer auszupacken und in diesem Zimmerchen zu verteilen, wobei das eher dem Spiel Jenga ähnelt, da man hier eher sinnvoll stapeln muss, um alles unterzubekommen. Das ist natürlich kein Kritikpunkt für das Hotelzimmer, sondern eher für die Ausmaße unseres Gepäcks. Dabei kann ich glatt meinen Neulesern mal mein Buch „Mit Ohne geht es auch“ an Herz legen, denn mit deutlich weniger Gepäck geht es auch, vor allem lustig.
Jetzt könnten wir uns theoretisch an den Pool hauen, ein Buch zum Lesen auf den Bauch legen und aufs Meer starren. Aber wir hatten uns heute etwas anderes vorgenommen. Denn in uns schlafen drei Adrenalin-Junkies, die gelegentlich gefüttert werden müssen und so hatte ich etwas für uns gebucht, dass das Wörtchen Adrenalin im Namen trägt. Das hatte allerdings zur Folge, dass unser Sohn unglaublich aufgeregt war und uns Löcher in den Bauch fragte, über die Details zu dieser Aktivität. Da wir diese nicht alle beantworten konnten starteten wir durchlöchert zu Adrenaline X-treme Adventures. Gemeinsam wollten wir mit der Zipline die Täler von Madeira durchqueren. Während Swen schon mal die Zipline von Harzdrenalin absolviert hatte, waren Mutter und Sohn noch Zipline-Jungfrauen und entsprechend gespannt und aufgeregt.
Zuerst wurden wir gewogen und ich schwöre, die Waage muss irgendwie aufrunden, anders ist das Ergebnis nicht zu erklären. Dann wurden wir verzurrt wie ein Überseepaket, was in unserem Falle aufgrund der Aussicht auf den Ozean ganz logisch erschien. Sicherheit geht vor und lieber komme ich mir vor wie das Opfer eines Fesselungskünstlers, als dass ich schlussendlich in den Tälern von Madeira’s Nordwesten verloren gehe.
Anschließend wurden wir mit dem Auto an den Startpunkt verfrachtet (Wortspielchen) und sahen die lange, lange Zipline hinab. Da war es für unseren Mut auch nicht förderlich, dass vor uns eine gestandene Männergruppe an der Reihe war, die sobald die Füße in der Luft hingen, zu ängstlichen Hasen mutierten. Ein Jauchzen und Kichern, als stünden 11jährige Mädels vor uns. Doch all das Jammern half nicht, sie traten ihre Reise an und soweit ich weiß, auch erfolgreich. Danach waren Swen, Georg und ich dran. Natürlich nicht gleichzeitig, sondern in eben genannter Reihenfolge. Swen startete ohne Jauchzen und drehte sich gleich mal auf der ersten von zwei Abfahrten, um uns zu winken. Ja, es war nicht eine Zipline-Strecke, sondern gleich zwei. Die erste ging laut Guide über 1 km hinab zum gegenüberliegenden Ende und war noch recht entspannt. Die zweite Abfahrt sollte es deutlich mehr in sich haben, da sie deutlich steiler verlief und man dadurch ordentlich Fahrt bekam.
Die stetigen Hinweise, was man alles zu beachten hatte, erhöhten dadurch die Aufregung noch. Swen schien ja Teil 1 schon mal überlebt zu haben, also war nun Georg dran. Mutig und gleichzeitig logischerweise nervös ließ er sich an das Seil angurten. Hielt noch etwas Smalltalk in Englisch mit dem Guide und bedankte sich höflich, als der Guide meinte: „Viel Spaß“ und ab ging es. Kein Schreien, kein Hilferuf, nur Adrenalin.
Dann war ich dran und durfte nun selbst erleben, was zweimal Zipline bedeutet. Die erste Abfahrt war einfach wunderschön. Zwischen den Tälern mit Blick in dieses unendliche Grün konnte ich es genießen. Wenn ich mich nur nicht ständig durch den Fahrtwind drehen würde, was nämlich passiert, wenn man das Zipline Abenteuer mit dem Selfistick aufnehmen will und sich deshalb nur mit einer Hand festhalten kann. Die Aufnahme ist daher recht interessant, wenn nicht sogar verstörend. Am Anfang sieht man noch alles wie geplant, mich + Täler + Bäume. Später sieht man den Himmel, da ich mit der zweiten Hand versuche wieder gerade zu fliegen und den Selfistick hinaufhalte und dann ist diese 1 km Abfahrt auch schon vorbei und man endet mit einem ruckartigen Bremsen und wird auf die Plattform eingeholt. Auf meiner Aufnahme könnte man denken, ich bin in der Zwischenzeit abgestürzt, so wild ist der Bildwechsel. Es gibt schon Gründe, warum ich eher fotografiere und schreibe und bei den Videos nicht ähnliche Talente habe.
Doch nun stand der zweite Abschnitt der Zipline an und meine beiden Männer waren ganz offensichtlich schon gut gelandet. Wäre auch blöd, wenn sie mir jetzt an der Stelle mitteilen würden: Ups, da ist etwas schief gelaufen. Stattdessen bekam ich nochmals eine Einweisung und das Verbot auf dieser wesentlich steileren und damit schnelleren Abfahrt meinen Selfistick zu benutzten. Beide Hände gehören an den Griff. Also verstaute ich beides unter meinem T-Shirt im Ausschnitt, denn alles andere war ja verzurrt wie ein Paket. Und was soll ich sagen? Mein Dekollete hat sich dazu entschieden erst durch mein pinkes Shirt weiter zu filmen. Dabei hat sich das Handy so bewegt, dass auf dem Video sogar etwas anderes als meine Brüste zu sehen sind, nämlich der Himmel, das Meer und das Tal. Es war völlig unbeabsichtigt, aber irgendwie dennoch lustig. Nun habe ich eine ähnlich unproffessionelle Aufnahme der zweiten Abfahrt und kann mich so gelegentlich an diesen Adrenalinrausch erinnern. Denn die Abfahrt war wirklich deutlich schneller und aufregender. Ich hatte in den wenigen Sekunden mehr damit zu tun, mich gerade auszurichten und an die Belehrungen zu denken, als dass ich die Aussicht hätte noch genießen können.
Und dennoch begrüßten mich auch meine Männer unten mit einem breiten Lächeln und fanden es „geil“. An dieser Stelle kam auch der Satz mit der Steigerung von tot zu ausgestorben. Ich glaube der Adrenalin-Anteil in Georgs Blut war zu diesem Zeitpunkt noch deutlich erhöht.
Für mich war allerdings an dieser Stelle noch nicht Schluss, denn ich hatte mich für eine zweite Aktivität entschieden, für die sich meine Männer geweigert hatten. Keine zehn Pferde würden sie dazu kriegen, hatten sie gemeint. Und ich dachte mir nur, wir haben doch das Schlimmste überstanden, was jetzt kommt gleicht eher einem Relaxtermin.
So dachte ich zumindest, als ich die Riesenschaukel Swing dazu gebucht hatte.
Eine gigantische Schaukel über der Klippe zum Meer mit Blick auf den Ozean. In meiner Kleinmädchen-Erinnerung war Schaukeln immer toll. Die Beine im Wind, die sanfte Vor- und Zurückbewegung, das wehende Haar…was sollte daran denn schon Adrenalin versprechen.
Naja, so langsam dämmerte es mir. Und als ich mit meinem Hinterteil gleich mal einige Meter rückwärts gen Himmel gezogen wurde, damit ich nicht erst durch hundertfaches Hin- und Herschwingen auf eine ordentliche Schaukelhöhe komme, pochte mein Herz bis zum Anschlag.
Irgendwann wurde die Zugleine gekappt und ab da hörte man nur noch mein Schreien, zuerst aus dem Schreck und dann langsam jauchzend zur Freude. Der erste Schwung ist wirklich heftig, aber danach entsprach alles meiner Kleinmädchen-Erinnerung. Nur schöner, da es wirklich eine riesige Schaukel und eine traumhafte Aussicht war. Ich habe es so sehr genossen.
Allerdings brauch ich nicht erwähnen, dass auch hier meine Aufnahmen eher so semi sind. Denn durch den ersten Abschwung klappte einfach meine Kamera um und ich filmte wieder irgend etwas. Aber egal, denn in meinen Gedanken schwinge ich irgendwie immer noch fast schwerelos über das Meer und genieße es.
Nach diesem Adrenalinrausch brauchten wir dringend Entspannung und setzten uns in ein Restaurant und genossen Essen und Trinken. Ein klitzekleiner Rundgang war auch noch drin, aber ehrlich gesagt, waren wir heute platt vom Tag und den Eindrücken, die wir verarbeiten mussten. Gute Nacht!
































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