Tiefkühlpizza oder selbstgekochte Pasta, Basta

Den gestrigen Tag haben wir, wie angesagt, total chillig verbracht. Also Ausschlafen, bis die Temperaturen zu hoch waren und zwischen Klimaanlage und Pool hin und her wandern. So lassen sich auch ü 30 Grad ertragen. Gegen 17 Uhr konnten wir sogar wieder den Balkon betreten, ohne augenblicklich in einen gasförmigen Zustand zu wechseln und so gaben wir unseren immer noch vorhandenen Bewegungs- und Entdeckerdrang nach und liefen runter nach Varenna. Runterzu ist das eine total gute Idee, solange man ignoriert, dass es irgendwann auch wieder nach Hause gehen muss. Und so schlenderten wir völlig ignorant den schmalen Treppenweg hinab, genossen die Aussicht und lernten wichtige Dinge hinzu. Denn wenn man so an einer dieser abfallenden Wände die Aussicht und Kühle genießt, kann es halt sein, dass drei Meter darüber auf der Straße ein Bauarbeiter seinem natürlichen Harndrang nachgeht. Nun könnte man dies als romantischen Wasserfall oder zumindest Rinnsal verkaufen, aber uns bewegte es zur sofortigen Flucht. Was haben wir also gelernt? Wenn spontanpinkeln, dann immer an der Seite bergauf und nie bergab aus Rücksicht auf Wanderer unter einem. Ist denn das sooooo schwer?

Ohne weitere Rinnsale kamen wir dann in Varenna an und mir schwante für den Rückweg Schlimmes. In Gedanken entwickelte ich Spontan-Aufzüge und hielt Ausschau nach Mitfahrgelegenheiten. Aber ehe es soweit war, wurde entlang der Küste geschlendert. Ich glaube, in Italien wurde das Schlendern und Flanieren erfunden, denn hier betreiben es alle und es hat entlang der Küste etwas von Völkerwanderung. Rechts schaut man auf den wunderschönen Comer See und links in die Gassen, die auf den Schattenplätzen mit Kissen ausgestattet sind. Jeder Italiener oder Urlaubs-Italiener hat einen Aperol-Spritz in der Hand und grundsätzlich unterhält man sich lautstark und gestenreich.

Also wuchs in uns der Drang, ein Urlaubs-Italiener zu werden. Wir suchten uns ein schönes Restaurant am Wasser aus, mit Ausblick und einem freien Platz, bestellten uns den essenziellen Aperol-Spritz und diverse italienische Köstlichkeiten, und davon gibt es reichlich, und fügten uns mit einer lautstarken Unterhaltung in das Stimmengewirr ein. Schwierig wurde es nur noch, als eine Band zu spielen begann. Aber diese Herausforderung nahmen alle Italiener an und sprachen nur noch lauter. Es hat was von einem Bienenstock, wenn man noch die gelb bekleideten Kellner hinzufügt, die in diesem Gewimmel versuchen den Überblick zu wahren. Es war vorzüglich.

Aber es verzögerte nur mein Leiden und mit steigendem Aperol-Genuss wurde es bei weitem nicht einfacher. Der Heimweg stand an und ich sah in weiter Ferne, ungefähr Mount Everest-Höhe, unsere Unterkunft am Berg leuchten. Habe fast ein Fernglas benötigt, um es zu sehen. Aber alles Jammern half nichts, ich musste meiner Karawane folgen und den Aufstieg meistern. Mit vollem Magen funktioniert das übrigens noch schlechter, habe ich festgestellt. Mein Aktivitätsring drehte Runden, bzw. war am durchdrehen und ich hechelte nach einer kalten Dusche, reichlich Wasser und einem Sauerstoffzelt. Die nächsten Tage gibt es Tiefkühlpizza oder selbstgekochte Pasta, Basta.

Trotz stabiler Backofentemperaturen war heute dann Schluß mit chillen und die nächsten Aktivitäten wurden angegangen. Zuerst fuhren wir nach Bellano zur Orrido di Belano, einer tiefen Schlucht mit kühlem Bergwasser. Allein die Beschreibung „kühl“ bewegte uns dazu uns zu bewegen und so ging es erwartungsvoll rein in die Schlucht, die am Anfang eher an ein Industriedenkmal erinnert. Aber irgendwann wurde es lauter und lauter und der tosende Fluss bahnte sich seinen Weg durch die Felsen. Hier kam mein Fotofinger zum Einsatz und natürlich auch die Langzeitbelichtung, um den Wasserlauf im Bild festzuhalten. Schwierig dabei waren nur die ganzen anderen Touristen. Denn wie das Wörtchen Langzeitbelichtung schon sagt, muss man hier lange belichten und somit lange stillhalten. Mein Stativ stand in unserer Unterkunft, also versuchte ich mir mit dem Geländer zu helfen. Grundsätzlich keine schlechte Idee, es sei denn drei Meter hinter einem steht ein pubertierender Nachwuchsdrummer, der Bela B. auf dem Geländer Konkurrenz machen will. Ich war kurz davor, das Pupertier über das Geländer zu schmeißen, als es mich endlich überholte und sein Trommeln in weite Ferne zog. Somit war das Geländer meines und ich konnte mich austoben.

Georg war übrigens heute auch ein Meisterfotograf und missbrauchte mein Handy. Nun habe ich Gott-sei-Dank noch ein intaktes Handy mit hunderten Bilder von Steinen, Blumen und ähnlichem. Ich arbeite weiter an diesem Talent und bin schon froh, dass er mich nicht übers Geländern schubst, ob meiner Dauerknipserei.

Auch hier ging es wieder bergauf, bergab und letztendlich am Hang raus aus der Schlucht. Gleich neben einem wunderbaren Friedhof mit Aussicht. Terrassenförmig angelegt und einfach wunderschön. Was mir hier gefällt, sind die Bilder zu all den Namen und Daten. Es ist dadurch weniger anonym und mehr persönlich.

Wieder am See angekommen, gab es erst einmal ein riesiges Eis zur Abkühlung. Schön war die Diskussion mit Georg, mit dem ich mir einen Vanillemilchshake teilen wollte.

„Ich will so etwas nicht, das schmeckt mir nicht.“

Nur, um nach der Lieferung sich meinen Vanillemilchshake zu schnappen und ihn gnadenlos alleine auszutrinken. Ich liebe Kinder, wirklich. Aber ich liebe auch Vanillemilchshakes und damit hatte ich meinen Gefühlskonflikt des Tages.

Mit dieser Wut im Bauch, brauchte ich dringend Bewegung zum Abreagieren. Dachte ich so vor mich hin, bis ich aus dem klimatisierten Auto ausgestiegen war. Wir wollten nun noch das Castello di Vezio besichtigen, eine Burgruine hoch über Varenna mit einem fantastischen Ausblick. Warum führt eigentlich fast jede Sehenswürdigkeit hier das Adjektiv „hoch“? Also hoch mit dem Auto auf den letztmöglichen Parkplatz und dann rauf auf den Berg. Schon alleine dieser Marsch kostete mich wieder alle Wasserreserven und die Milchshake-Wut war verdampft. Aber oben angekommen, war es wirklich dieser fantastische Ausblick. Den genossen auch diverse verblasste Dementoren mit uns. Vielleicht war es nur eine erhitzte Fata Morgana, aber ich schwöre, die sahen echt gruselig aus. Und ich traue mittlerweile nicht mehr meinen Wahrnehmungen.

Wenn ich mittlerweile auf einigen Foto’s, falls es welche von mir gibt, wie eine Dörrpflaume aussehe, liegt es definitiv an diesen Temperaturen, die wir Nordreisenden einfach nicht gewöhnt sind. Dem kann man nur entgegenwirken, wenn man sich in den Pool fallen lässt. Also bis später, ich gehe jetzt baden.

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